Prolog, 20. August: Feldkirch - Buchs

Distanz
24 km
Fahrzeit
1 h 15 min
Geschwindigkeit
19,19 km/h
Höhenmeter
113 m
Höhe Zielort
452 m
V max.
41,44 km/h

Christian: Felgenkiller und Verspätung

Widmung von Jan in Christians Roadbook

Sehr geehrter Herr Hoffmann,
schleppen Sie auch auf Fahrradtouren oft unnötig schwere Lehrbücher der Geowissenschaften mit sich herum? Dann haben wir das richtige Angebot für Sie: Mit diesem kostenlosen, nur wenige Gramm schweren Nachschlagewerk müssen Sie auch im wohlverdienten Velourlaub nicht auf geballtes Wissen verzichten. Und das Beste: Das irre iTourbuch™ ist im kyrillischen Alphabet geschrieben. Erfahrene Geowissenschaftler wie Magellan, Kolumbus oder Cook können nicht irren. Das kann nur GND42 – GND42 kann mehr, GND42 ist genial. Und jetzt halten Sie sich fest: Auf den folgenden Seiten können Sie Ihre ganz persönlichen Notizen zu Ihren Reisen verewigen.

Viel Spaß mit Ihrem neuen Tourbuch wünscht Ihnen
Ян Хендрик W.
Navigations-Fachwirt

 

ÜBER DIESES BUCH

  • „Und wenn du glaubst es ist vorbei, dreht es sich trotzdem immer weiter“ (Alexander Marcus)
  • „Vincere scis, Hannibal, victoria uti nescis” (Titus Livius)
  • “Die Brasilianer sind ja alle technisch serviert” (Andreas Brehme)
  • „Der FC Tirol hat eine Obduktion auf mich“ (Peter  Pacult)
  • „Alle haben begriffen, dass die einzige Liebe ihres Lebens der ÖPNV ist“ (Prof. Kohlenbrenner)
  • „Hüllen Sie Ihre Luxuskörper nur noch in edle Stoffe von Calvin Klein, Gucci, Diesel, DKNY, und anderen Designer-Labels. Denn ab sofort können Sie es sich leisten!“ (GMX Best Price)
  • „Get the volume tonight, you can make it real“ (HP Baxter)

What’s on your mind?

 

In der Bahn


Zum fünften Mal sage ich jetzt „Hello world“ bei einer großen GND-Sommertour.  Die sportliche Vorbereitung lief mäßig, so dass ich mit 82,5kg Kampfgewicht ins „Rennen“ gehe. Diese Rahmenbedingungen nehme ich einfach mal ganz vorweg, so dass dies von Beginn an erklärt ist und ich nicht später in Erklärungsnöte komme. Ob Tiefstapeln hingegen wirklich sexy ist, weiß ich nicht – mal schauen.

Fährste mit der Bahn, so erlebst du was – natürlich auch hier: Der Fahrradwagen ist deutlich ausgelastet (mir schießt spontan der Gedanke in den Kopf, dass es von Jan mehr als sinnvoll war, schon Anfang August auf eine zeitnahe Stellplatzreservierung hinzuweisen) und ein schnurrbärtiger Fahrgast mit Rad, Schubladentyp „Dauercamper“, passt emsig auf, dass im Waggon 265 auch alles seine Ordnung hat. „Wem sind die roten Fahrradtaschen hier? Die können da aber nicht stehen bleiben“ oder  „Sie brauchen Ihr Fahrrad in der Bahn nicht anschließen. In einem Zug braucht man sein Fahrrad nicht abzuschließen!“ sind ein paar seiner Gedanken, die er sich auf überwand zu artikulieren. Ahnend, der Lokführer würde es ihm sicherlich untersagen, nahm er vielleicht auch Abstand vom Ansinnen, einen Jägerzaun um seinen Radstellplatz 139 zu errichten.
Unser Zug hat aktuell 12 Minuten Verspätung, was bei nur halb soviel geplanter Umsteigezeit in Ulm eine leicht beunruhigende Vorahnung in mir erwachsen lässt. Aber warten wir erstmal ab und vielleicht weist besagter Waggon-Offizier den Lokführer ja auch an, ohne Verspätung weiterzufahren. Besser eine solche Verspätung als einen Komplettausfall, den die Fahrgäste in der Gegenrichtung des InterCity Frankfurt – Westerland eben verschmerzen mussten.

Komplett gut ausfallen tun erstmal übrigens unsere Wetteraussichten. Wer hätte das gedacht, dass nach vier Wochen Volksherbst im August der Sommer pünktlich zum Alpex zurückkehrt. Sofern es einen Wettergott gibt, „liked“ er bestimmt auch die GND42-Facebookseite.

Feldkirch – jetzt waren wir also da im Land, dass zum Sommertourland 2010 werden soll. Der Himmel präsentierte sich heiter bis wolkig und frohen Mutes durfte ich mich für kurze Zeit in Jans Rolle schlüpfen und Navigator sein. Zum Glück kannte ich Feldkirch schon von 2006 und habe mich zudem intensiv  vorbereitet, so dass ich uns souverän Richtung Lichtenstein manövrierte. Auf einer Anhöhe kreuzte ein Radfahrer quer zur Fahrbahn den Weg und blieb auf dem Bürgersteig im nix stehen und meine Gedanken waren „Der soll mal ein bisschen hinne machen, sonst versperrt der uns den Weg und warum hält der gerade hier?“ Souverän umschifften wir das plötzliche Hindernis. Das Hindernis verfolgte uns jedoch unbemerkt, um sich kurz vorm Grenzübergang als Tobi zu erkennen zu geben. Peinlich, ihn in meiner Navigier-Konzentrationsaura vorher nicht erkannt zu haben. Sollte es etwas doch stimmen, was vermeintlich frech emanzipierte Gören bzgl. der Multitaskingfähigkeit von Männern behaupten?

Egal, denn egalisiert habe ich den Fauxpas durch beherztes Cocktailmixen am Abend mit den von Tobi zur Verfügung gestellten Säften und Vodken. Nach dem nachmittäglichen Sightseeing in Werdenberg führte uns Tobi Abends nochmal in die Stadt, wo wir unter jungem Partyvolk den Abend ausklingen ließen.

1. Etappe, 21. August: München - Simssee

Distanz
87 km
Fahrzeit
4 h 01 min
Geschwindigkeit
21,66 km/h
Höhenmeter
318 m
Höhe Zielort
482 m
V max.
64,19 km/h

Jan: Out of Rosenheim

Zürich HB, Sa, 21.8.


Und tatsächlich: Der GND bricht heute zu seiner 5. Sommertour auf. Sie wird so spät gestartet und ist auch so kurz wie keine bisherige. Dafür werde ich im rosa Trikot fahren, weil ich das WM-Tippspiel gegen Christian verloren habe, es wird die erste Sommertour für mein vier Monate altes Sechstrad, und wegen der Kürze kann ich auch auf die Vorderradgepäcktaschen verzichten. Rechtzeitig zum Tourbeginn hat sich der Sommer nach mehrwöchiger Pause entschieden zurückzukommen, so dass nach vermeintlichem Herbstanfang vor einer Woche nun angeblich erstmal Hitzeschlachten im bayrischen Voralpen- und dem Salzburger Land auf uns warten. Man darf also wieder gespannt sein auf Menschen, Räder, Sensationen und erstmal, wer denn heute nun wie und wo in diesen GND (R) (TM) 42-AlpenExpress einsteigt. Stay tuned.

Grusswort Tim


Der Weg hoch ist das Ziel" (alte Weisheit). Hiermit sei Jan zu Ehren die erste Duftmarke meinerseits in diesem doch recht ansehnlichen Büchlein gesetzt. Ich freue mich auf die Tour und hoffe, es rollt alles reibungslos! Auf das Team und dass Klagenfurt seinem Namen nicht Rechnung trägt.

Grusswort Christian


Der Weg hoch ist das Ziel und Ziele muss man sich setzen. Wir sind unserem Ziel der 42 aufeinander-folgenden Sommertouren nun wieder einen Schritt näher gekommen und ich freue mich natürlich ausserordentlich, in diesem ganz besonderen Jahr 2010 mit Dir, lieber Jan, wieder eine Radeltour zu machen, übrigens die erste ohne die gute Raisa. Ich bin eigentlich kein guter Widmungenschreiber, daher wünsche dir einfach mal wieder 'ne geile Tour, keine Stürze, eine schnurrende Katja und immer eine Handbreit Wasser unter'm Kiel. Hau rein, ich freu mich, Christian.

Euro City State Of Mind


Nach einem Genuss des Grüntees "Morning Star" zeigt Christian, warum er zurecht der Teamweise des GND ist. Anstatt blind irgendwas zu bestellen, wendet er sich an die lustige italienischsprechende Signora Ober. Diese empfiehlt Bier (um 9.30 Uhr) und Wein. Bei nicht-alkoholischen Getränken kann sie jedoch keine Empfehlung aussprechen. Genauso wenig erklärt sie sich bereit, Schoko-Christian einen Kakao zubereiten, offiziell wegen der Spritzgefahr und der chemischen Reinigung, die sie allenfalls selbst bezahlen müsste. Ob sie das ernst meinte, wissen wir hier leider genauso wenig wie beim Auftritt zweier unauffälligen, in Zivil gekleideten Blondinen, die mit selbstgemachten Bundespolizei-Ausweisen unsere Identitätskarten kontrollieren und so tun, als würde sie mit dem Handy unsere Daten an irgendeine Dienststelle weitergeben. Stand wohl in der Brigitte, dass man so im Urlaub im Gespärch mit attraktiven Männern kommt. Neben Christian sind auch Tim und Tobi in St. Margrethen in den EC eingestiegen und wir fahren zusammen nach München, wo wir Meike und Claudia empfangen.

Out of Rosenheim

Wir haben unser heutiges Etappenziel erreicht und sind soeben noch in den Genuss eines spätsommerlichen Fast-Sonnenuntergangsbads am wohltemperierten Simssee zwischen Rosenheim und Chiemsee gekommen. Das Wetter spielt tatsächlich perfekt mit auf dieser 1. Etappe. Wären hier keine aggressiven Stechmücken, wäre es fast zu idyllisch hier im tiefsten Oberbayern.

Gestartet hat unsere Sommertour am Münchner Hauptbahnhof in einem herkömmlichen Café, was Tobi wegen der Hacker-Pschorr-Sonnenschirme wohl für einen rustikalen Biergarten mit Weisswürsten hielt. Nach einigen Bedenken konnten die Speisekarte und die Bedienung Christian allerdings überzeugen, und so gab es halt die übliche türkische Strassenküche, um an die Sommertour 2009 anzuknüpfen. Ob Christians rheinischer Charme auch die Bedienung überzeugt hat, wissen wir nicht. Mein rosa Trikot, an dass ich mich schnell gewöhnt habe, liegt hier jedenfalls farbtechnisch voll im Trend. Nachdem wir zum Dessert Meikes Überraschungseier verspeist hatten, ging es gegen 13 Uhr ging es Richtung Südosten (also Balkan, Istanbul, Georgien) los.

Via Ramersdorf und Perlach verliessen wir wegen vieler Ampeln im Stop-and-Go-Rhythmus München und radelten 57 Kilometer am Stück, davon einige am romantischen Mangfall-Radweg bis Bad Aibling. Dort hielten wir in dem Biergarten, von dem viele sagen, dass es der beste der Stadt ist. Christian genoss dort den Schlotfeger, ein perfekt auf ihn zugeschnittenes Schoko-Sahne-Gebäck, Tobi und Meike gönnten sich das erste Radler, und auch das Kuchenbuffet konnte uns überzeugen. Nach einem weiteren Stopp beim Rosenheimer Kaufland, bei dem sich Tim offensichtlich für seine bevorstehende Weltumradlung mit Süssigkeiten und Obst eindeckte, erreichten wir dann auch bald die Naturstrasse rund um den Simssee, wo mich die Stechmücken zum Schreiben im Zelt verdammt haben. Passend zum Bundesliga-Start fliegen Fussbälle dagegen, aber es ist ja sowieso schon kaputt.

Das nächstgelegene Restaurant zu diesem Campingplatz ist ein wirklich urtypischer Gasthof mit 100jährigen Kellnerinnen. Zu diesem Gasthof muss man rund 1 Kilometer einen Berg durch einen dunklen Wald besteigen. Dafür wird man mit Masskrügen, die so teuer sind wie in Zürich der halbe Liter (merke: Ein halber Liter Bier ist in Bayern sicher kein „Grosses“ , sondern der absolute Mindestbestellwert), sowie Leberkäse, Bratkartoffeln und Kaiserschmarrn belohnt. Danke, Bayern, für eine perfekte Etappe 1. Während ich schon schlafe, verpasst Tobi Christian übrigens auch die 2009er-Rekrutenfrisur.Wir haben unser heutiges Etappenziel erreicht und sind soeben noch in den Genuss eines spätsommerlichen Fast-Sonnenuntergangsbads am wohltemperierten Simssee zwischen Rosenheim und Chiemsee gekommen. Das Wetter spielt tatsächlich perfekt mit auf dieser 1. Etappe. Wären hier keine aggressiven Stechmücken, wäre es fast zu idyllisch hier im tiefsten Oberbayern.

Gestartet hat unsere Sommertour am Münchner Hauptbahnhof in einem herkömmlichen Café, was Tobi wegen der Hacker-Pschorr-Sonnenschirme wohl für einen rustikalen Biergarten mit Weisswürsten hielt. Nach einigen Bedenken konnten die Speisekarte und die Bedienung Christian allerdings überzeugen, und so gab es halt die übliche türkische Strassenküche, um an die Sommertour 2009 anzuknüpfen. Ob Christians rheinischer Charme auch die Bedienung überzeugt hat, wissen wir nicht. Mein rosa Trikot, an dass ich mich schnell gewöhnt habe, liegt hier jedenfalls farbtechnisch voll im Trend. Nachdem wir zum Dessert Meikes Überraschungseier verspeist hatten, ging es gegen 13 Uhr ging es Richtung Südosten (also Balkan, Istanbul, Georgien) los.

Via Ramersdorf und Perlach verliessen wir wegen vieler Ampeln im Stop-and-Go-Rhythmus München und radelten 57 Kilometer am Stück, davon einige am romantischen Mangfall-Radweg bis Bad Aibling. Dort hielten wir in dem Biergarten, von dem viele sagen, dass es der beste der Stadt ist. Christian genoss dort den Schlotfeger, ein perfekt auf ihn zugeschnittenes Schoko-Sahne-Gebäck, Tobi und Meike gönnten sich das erste Radler, und auch das Kuchenbuffet konnte uns überzeugen. Nach einem weiteren Stopp beim Rosenheimer Kaufland, bei dem sich Tim offensichtlich für seine bevorstehende Weltumradlung mit Süssigkeiten und Obst eindeckte, erreichten wir dann auch bald die Naturstrasse rund um den Simssee, wo mich die Stechmücken zum Schreiben im Zelt verdammt haben. Passend zum Bundesliga-Start fliegen Fussbälle dagegen, aber es ist ja sowieso schon kaputt.

Das nächstgelegene Restaurant zu diesem Campingplatz ist ein wirklich urtypischer Gasthof mit 100jährigen Kellnerinnen. Zu diesem Gasthof muss man rund 1 Kilometer einen Berg durch einen dunklen Wald besteigen. Dafür wird man mit Masskrügen, die so teuer sind wie in Zürich der halbe Liter (merke: Ein halber Liter Bier ist in Bayern sicher kein „Grosses“ , sondern der absolute Mindestbestellwert), sowie Leberkäse, Bratkartoffeln und Kaiserschmarrn belohnt. Danke, Bayern, für eine perfekte Etappe 1. Während ich schon schlafe, verpasst Tobi Christian übrigens auch die 2009er-Rekrutenfrisur.

Christian: Zünftig ist vernünftig!

Im Januar kommen Maurer, Metzger, Mörder – im August kommt der GND. Und im Bordrestaurant des Zuges nach München sinniert die Bedienung über chemische Reinigungskosten nach Schokodrink-Zubereitungen anstatt eben diesen zu servieren und zwei als unscheinbar getarnte Zivilzöllnerinnen mit deutschem Hoheitsauftrag zücken verzückt ihre Dienstausweise und wollen Jan und mich hochnehmen. Warum das nur? Ob wir wegen unserer schon vorgewachsenen Bärte verdächtig aussehen? Wenn ja, dann haben sie ihren kriminalistischen Spürsinn aber weniger aus der Polizeischule als eher aus einem Donald Duck Heft oder einer Vorabendkrimiserie. Jan und ich hatten die Situation jedoch bis Tim kam fest im Griff, der mit einem missverständlich geäußerten Zweifel an Dienstausweisen, er meinte glaube ich vielmehr Staubsaugervertreter anstatt Zölnnerinnen, den Beamtinnen einen Misstrauensbeweis servierte (Mathematiker beweisen halt gerne). Trotzdem nix passiert, denn wir haben ja bekanntlich eine weiße Weste bzw. Jan ein rosa Trikot.

In Windeseile näherten wir uns bayrisch Monaco, wo uns Claudia schon freudestrahlend erwartete. Nun hieß es nur noch auf Meike zu warten – aber wie? Richtig – Mit einem typisch bayrischen Börek und einem Spezi vis-a-vis des Hauptbahnhofs. Meike eine Ladung Überraschungseier aus Freilandhaltung mit und ich war tatsächlich überrascht ob des aufblasbaren Papierball mit Hasenohren als Überraschung in der gelben Überraschungseibox. Wie schön!
Eigentlich ist heute ja Prolog time , diesmal eben ein distanzmäßig an 2009 angelehnter Prolog. Die Großstadtampeln störten etwas bei der Ausfahrt, aber schon bald ist (nach eher langweiligen Walddurchfahrten im direkten München Umland) der Mangfallradweg und Rosenheim erreicht. Ein zweistöckiger Kauflandmarkt wie Felix ihn wohl verbieten lassen würde animierte zum Verweilen. Mit 20 kg neu erworbenen Köstlichkeiten im Gepäck erwartet uns der Simssee gleich doppelt so freudig und verblüfft beim Baden mit unterschiedlich geschichteten Wassertemperaturen im Latte Macchiato Stil .

Ein kleiner Aufstieg sondergleichen ließ uns in eine bayrische Dorfidylle platzen, die ein Heimatfilm nicht besser hätte kullisieren können. Stilecht gibt es dazu natürlich eine Maß Weissbier und Bratkartoffeln an einem Dialog von Spiegel mit Leberkäs. Schmeckt noch geiler, weil Lautern (3:1) und Hannover (2:1) jeweils ihre Auftacktspiele gewonnen haben. Tobi, Claudi und Meiki vertrieben sich derweil die Langeweile mit Seiltanzen zwischen zwei Bäumen, dem sogenannten Slacklining.

Meine Haare, die ich eben noch prachtvoll im Wind schwenkte, sind nun dank Jans mitgebrachtem Haarschneider wieder einer viel angenehmeren, GND-13mm-Einheitssportfrisur gewichen. Sehr schön und deutlich praktischer – man kennt das ja schon vom AnatolienExpress. Möglich geworden ist das zeitlich nur, weil uns Oberfeldwebel Jan (nachdem ich ihm über die Verfehlungen der anderen berichtete und auch sonst emsig schleimte ähhh, seine Anweisungen befolgte, kann ich hoffentlich mit einer Beförderung um einen Dienstgrad rechnen) eben  8 Stunden zur freien Verfügung gewährte. Gewähren werde auch ich mir nun eine Mütze Schlaf, denn die aber morgen anstehenden Alpen fordern dies ein. Gute Nacht (21.08., 23h36)

2. Etappe, 22. August: Simssee - Eben im Pongau

Distanz
145 km
Fahrzeit
6 h 57 min
Geschwindigkeit
20,78 km/h
Höhenmeter
1.142 m
Höhe Zielort
859 m
V max.
57,11 km/h

Jan: Der Alpen-Express erreicht die Alpen

Am Simssee schlief ich derart wie ein Stein, dass ich meinen Zeltnachbar erst um 5.30 beim ersten Aufwachen bemerkte. Tim zeigte uns derweil die Verwüstungsspuren von ca. 40 Mücken, während wir nach gefühlt mehrstündigen Einpackaktionen den Simssee um 8.30 Uhr verliessen. Von dort rollten wir rund 22 km auf nüchternem Magen, bis uns am herrlichen Chiemsee das "See-side" und das "Top-4"-Frühstück erwartete. Die Sonne brannte, wie man das von einem Hochsommertag erwartete.

Gut gestärkt ging es nun 53 km en bloc durchs flache Voralpenland via Traunstein und Freilassing, unsere Einstiegsorte zur Tour nach Istanbul 2007, bis zum österreichischen Grenzstein am Ortseingang von Salzburg. In der Mozartstadt einigten wir uns auf eine Pause an der Salzach und eine Mini-Stadtbesichtigung. Sichtlich irritiert begegnete uns unter den Touristenströmen ein weiterer Radler im Rosa Trikot.

Danach standen weitere 70 km auf dem Nachmittagsprogramm der längsten Etappe. Die ersten 30 davon absolvierten wir auf unserem treuen Begleiter, dem Tauernradweg, am linken Salzachufer bis Golling, wo wir uns von Claudia trennen mussten, da die Teamärztin zurück nach Heidelberg musste. Unser restliches Fünfer-Team erwartete nun rechts der Salzach der Mini-Pass Lueg auf 553 Meter überm Meer und weitere 20 Kilometer mit herrlichem Blick auf Salzach und Kalksteinpanorama mit nur moderatem Auto- und Motorradverkehr bis zu einem weiteren GND-Ritual, der Tankstellenpause, heute in Pfarrwerfen.

Dahinter bog die B99 nach links bzw. Osten ab und wir absolvierten noch 15 km und einige Höhenmeter in herrlicher Abendstimmung bis Eben im Pongau. Der Campingplatz dort ist in Händen der sehr eloquenten Frau Schneider, die das Warten auf Tim mit Anekdoten aus ihrem Leben überbrückt. Nach dem Baden im künstlichen kleinen Campingplatz-Badesee verzichtete Meike sichtlich k.o. aufs Abendessen, während Tim, Christian und ich Radler, Pasta, Schnitzel und Obstler in einem selbsternannten Feinkost-Restaurant im Dorfzentrum geniessen. Während hinten die Tauern-Autobahn für das wohlige Gefühl der Industrialisierung sorgt, gibt Tobi an, unterfordert zu sein. Morgen kommen dann mal richtige Berge, wo nicht nur er sich "austoben" kann. Ich hoffe, das Wetter bleubt weiterhin ideal.

Der Lance des Tages geht übrigens an Christian, da sich in seiner tonnenschweren Krimskrams-Tüte sogar ein Ersatz-Deo dabei hat. Nächstes Jahr bitte dann an die CD-Rohlinge und Drumsticks denken.

Christian: Bei Eben wird es bergiger

Grusswort Frau Schneider vom Campingplatz Eben im Pongau

„Das spaßige am Radeln, man geht zu zweit, zu dritt, zu viert, zu fünft wir ihr. Auch gibt’s schöne stramme Wadeln und man zu dem noch fitter wird.
Ihr radelt und strampelt bis in die Nacht, ihr rackert euch ab, wer hätte das gedacht. Ihr fahrt Rad ganz besessen und kommt auf den Campingplatz – Eben ganz besessen, hinterher wird eine Pizza gegessen.
Ihr spürt oft heftig den brennenden Durst, wenn es auch spät wird ist’s euch wurst.
Wünsche Euch allen alles GUTE und viel ERFOLG in der Zukunft.
Frau Schneider“

So, da simm me. Einiges geschafft heute. Die Ösis sind schon irgendwie ein cooles Völkchen, aber das wird in den Erzählungen erst später kommen. Unser für 8 Uhr s.t. geplanter Start konnte aufgrund von Verzögerungen im Betriebsablauf nicht ganz eingehalten werden, aber die halbe Stunde hat man bei der Planung ja schon mit einkalkuliert. Entlohnung für diverse Morgenhügel gab es dann am doch halbwegs großen Chiemsee in einer rustikalen Frühstückslounge, die außer Weisswürstchen alles boten, was ich mir zu einem Frühstück wünsche. Gefreut hat mich auch, dass die Gäste der benachbarten Eisdiele am Tage wohl ein krümmelfreies Lokal vorfinden würden, denn 10 Minuten Industriestaubsaugergetöse von nebenan ließen uns an dieser Tatsache kaum zweifeln. Meike zog es vor, ihren gestern im Kaufland erstandenen durchschnittlichen Warenkorb zu reduzieren und speiste etwas abseits mit einer nicht weniger guten Sicht direkt am See.  

In Salzburg hat es dann „klick“ gemacht und die große Aufgabe, die 2007 begann, war endlich vollständig geschafft: München –Tiflis am Stück, komplett. Wir erinnern uns: 2007 schummelten wir von Prien bis Freilassing via Bahnfahrt. In Salzburg verblüffte Meike erneut mit abstrusen Konsumeinheiten. Keine 10 einzelne Kugeln Eis, keine 25 Äpfel pro Tag – nein, diesmal waren es 4 Liter Coke Zero, so dass sie die Gefahr auf den letzten 70 km zu verdursten nahezu minimierte.

Das Salzach-Tal präsentierte sich uns hügeliger, als ich es in Erinnerung hatte (oh, ich muss Tim morgen noch aufklären, dass es sich bei der Salzach nicht um den einzigen Salzwasser führenden Fluss Europas handelt – meine Reputation als Geograph steht auf dem Spiel). In Gölling musste die Teamärztin, die nach eigenen Angaben diesmal ohne ihr Ärzteköfferchen unterwegs war, das Team leider wieder verlassen und reiste mit der Bahn zurück (sofern sie den Bahnhof hoffentlich gefunden hat). Gefunden haben wir auch, nämlich die gleiche Tankstelle, an der wir 2007 schon pausierten – nur bei deutlich besserem Wetter, so dass Tobi diesmal nicht hier seine Turnschuhe in der Sonne trocknen musste. Jans Gesicht zeigte sich trotz Genusses vermeintlich verdorbenen Tankstellen-Zwetschgendatschis  in Salzburg immer noch nicht von der grün-fahlen Seite, so dass wir alle gestärkt zum letzten Stück nach Eben aufbrechen konnten (wenn man Jans Magen mit einem Düsenjet vergleicht, dann wäre der meinige ein Papierflieger…. Tims übrigens auch, wobei er sich als intoleranter Laktosekonsument nach Genuss von 0,5 Liter Kakao darüber vielleicht auch nicht allzu sehr wundern sollte).

Frau Schneiders Campingplatz „Schneider“ in Eben im Pongau erwies sich als sehr nett, kompetent und unterhaltsam redselig. Von ihr stammt auch das voran stehende Grußwort – Vielen Dank. Die Bademöglichkeit hier zeigte sich schon deutlich kühler als der Simssee gestern und geschmacklich war das Wasser auch anders. Laut Ingenieur Tobi wird das Bassin im Winter als Vorratsteich für Schneekanonen genutzt – das erscheint auch mir irgendwie naheliegend.

Meike zog einem gemeinsamen Abendessen in der City die traute Einsamkeit in ihrem Zelt vor, wo sie sich wahrscheinlich von Wacken-Musik in den Schlaf wiegen ließ. Die gewählte Pizzeria bestach nicht durch Außerordentlichkeit,   aber die Soße war lecker und wenn sie demnächst die Nudeln auch bis zum Garpunkt kochen, dann sollten sie keinen Anlass zur Beschwerde liefern. So, morgen geht es zum ersten mal so richtig hoch, ich bin mal gespannt! Und damit mache ich nun das Licht aus und lasse mich von der benachbarten Tauernautobahn akustisch in den Schlaf brummen.

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3. Etappe, 23. August: Eben im Pongau - Turracher Höhe

Distanz
94 km
Fahrzeit
5 h 54 min
Geschwindigkeit
15,97 km/h
Höhenmeter
1.871 m
Höhe Zielort
1.849 m
V max.
64,19 km/h

Jan: Ein Bilderbuchtag für Bergziegen

So, nun kann auch ich mich damit rühmen, die höchsten Pässe zwischen München und Istanbul bezwungen zu haben: Obertauern und Turracherhöhe, beide mehr als 1700 Meter über dem Meer. Dementsprechend fühlen sich auch meine Beine und sicher auch die meiner MitfahrerInnen an.

Der Tag begann mit einer bösen Überraschung: Mitten in der Nacht ein Regenschauer auf dem Pongauer Campingplatz, der derart aus dem Nichts kam wie man das sonst nur von Miroslav Klose kennt. Zum Glück hatten sich die Regenwolken beim Aufstehen dann schon verzogen. Vielleicht nur geträumt. Unser Frühstück mit Topfen- und Apfelstrudeln sowie Verlängertem nahmen wir im Dorfzentrum von Eben ein, bevor es kurz dahinter zum ersten Defekt kam: Meike riss die Kette. Zum Glück hatte Tool-Tobi sogar dafür das passende Werkzeug dabei: Meikes Kette wurde kurzerhand verkürzt und hielt sogar bis Klagenfurt. Bei einer weiteren Tankstellenpause in Radstadt wurden die Getränke aufgefüllt und Christian informierte sich in der Bildzeitung über die Bundesliga und die neuesten demographischen Trends, aufgedeckt von Thilo Sarazzin.

Das Kaiserwetter blieb uns auch heute treu. Die ersten 10 km des Radstädter Tauernpasses verliefen noch gemässigt in einem Flusstal. Hinter Untertauern stieg die Strasse dann jedoch deutlich an und das Feld riss auseinander. Aufgrund erhöhten Lärmpegels wegen Bauarbeiten und Verkehr bediente ich mich meines treuen MP3-Players und bin hier mit Tim einer Meinung, dass Musik das beste Doping bergauf ist. Oben an der Passhöhe, ungewohnter Weise mitten in einem recht grossen Skiort, konnte ich dann beim Warten auf Tobi und das Gruppetto endlich das Zelt trocken. Bei einem Drei-Gänge-Mittagsmenü und alkoholfreiem Weizenbier im Café Samson wurden die Kohlenhydratvorräte erstmal wieder hergestellt. Auf der Abfahrt ins Murtal blies ein kräftiger Gegenwind, im Murtal selbst bis ins schöne Tamsweg dafür ein gefühlter Rückenwind. Dort legten wir die obligatorische Pause vorm Pass ein, bevor es zum Zvieri dann die Turracherhöhe hochging, die selbst ich als Schweiz-geprüfter Steinbock ab Turrach als hart betrachten würde. Dort musste ich endgültig aufs grosse Ritzel schalten. Dafür war der Verkehr sehr erträglich und die Natur mit aufgelockerten Nadelwäldern bis an die Passhöhe natürlich auch.

Kaum hatte ich die Passhöhe mit ihrem kleinen See und den paar Häusern erreicht und die Isomatte ausgepackt, kam auch schon Tobi und warteten wiederum das Peloton. Nach dem Passfoto und dem angemessenen kollektiven Stöhnen über die heutige Königsetappe radelten wir noch einige weitere Höhenmeter hoch zu unserer Pension, wo wir ein 5er-Familienstudio mit nur einer Dusche belegt haben. Daher ist mein Tagebuch nun auch schon fertig geschrieben und Christian kennt alle Bild-Noten des 1. Spieltags auswendig.

Beim Abendessen versuchte Tim noch, mir seine Diplomarbeit in Mathematik und unzerlegbare Vektorräume zu erklären, während wir mit einem Vier-Gänge-Menü natürlich inklusive unserer neuen Tradition, Obstler, verwöhnt wurden. Jetzt fallen glaube ich alle hier tot ins Bett, bevor es morgen nach Kärnten weitergeht und für mich das Orient-Express-Teilstück Salzburg-Klagenfurt auf der GND-Kult-Route München-Tiflis endgültig geschlossen wird.

Christian: Mit µ-Teick Steigung Richtung Waldgrenze

Was für ein Tag. Ich gebe ja gerne zu, dass ich hier mit ziemlichem Muffensausen hinein gestartet bin. Nicht zu Unrecht, denn der Obertauern lag ja bereits als halb-böser Pass in meiner Erinnerung. Und genauso war es dann auch bzw. noch viel krasser. 2007 war ich fitter, aber dieses Jahr bin ich ja zumindest ebenfalls hoch gekommen. Das war jedoch erst die Pflicht. Die Kür stand mit der Turracher Höhe ja noch auf dem Programm und sie sollte nach einer recht müden Abfahrt (was aber mehr an mir lag) entlang der Mur auch alsbald kommen.

Zuerst ganz ok bei ca. 3% Wohlfühlsteigung. Die PowerBar-Koffein-Booster-Drops zeigten ihre Wirkung und Tobi (Lance des Tages) zog mich bis Turrach ca. 300 Höhenmeter das Tal hoch. Danach ging es eigentlich 8 km nur noch steil und mit steil meine ich tatsächlich auch steil. Unsere Pensionswirtin sprach später von 17% und aktuell frage ich mich freudig, wie ich da nur hochgekommen bin. Toll! Mein MP3-Shuffle muss Musikfan sein, denn die eigentlich nur mit Musik mögliche Bergfahrt präsentierten die Kopfhörer eine Musikauswahl vom allerfeinsten und wie gemacht für diesen Anlass. Jan konnte beide Pässe und langsam auch das rosa Trikot lieb gewinnen. Dazu muss man ganz ehrlich sagen, dass dies zwar ein Wetteinsatz war, aber meiner Meinung nach gar nicht sooo schlecht aussieht. Ich denke, mit einem Skelett-Trikot zu fahren oder gar mit einem rosa Polohemd ist da deutlich schlimmer. Man darf gespannt sein auf den nächsten Wetteinsatz, den wir uns überlegen. Hehe!  Ich laboriere übrigens immer noch an der vor der Tour zugezogenen Erkältung herum, rede mir aber ein, dass es nur ein Schupfen sei. Aus der BILD-Zeitung (leider noch in 2D) mussten wir eben leider erfahren, dass Christoph Schlingensief gestorben ist.

Anfang der Etappe sorgte Meike für ein Raunen im Feld, als sie ihre Kette platzen ließ. Zum Glück war dies aber kein großes Problem, denn GND-Garagist Tobi (ich habe übrigens drei Kugelschreiber eingepackt, von denen gerade schon der zweite den Geist aufgegeben hat) hatte einen Kettennieter dabei, mit der er Meike unverzüglich wieder fahrbereit machen und ihr ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnte. Optimal läuft ein Rad mit zwei fehlenden Kettengliedern natürlich nicht, gerade nicht wenn man bei zwei anstehenden Pässen die niedrigsten Gänge braucht, aber es funktioniert und erstmal gilt es zu testen, ob die Konstruktion hält.

Eigentlich wollte ich noch unser 3-Gang-Mittagsmenü in Obertauern erwähnen, was ich aber sein lasse, weil ich gerade nicht mehr zusammenbekomme, was es genau gab. Heute Abend gab es hingegen ein 4-Gang-Abendmenü in unserer Pension, welches schon erwähnt werden sollte, denn es hat uns schlichtweg vom Stuhl gehauen. Eigentlich steht diese Tour sowieso auch unter dem Label KulinarienExpress. Nur Tim konnte das Abendessen aufgrund von vorher 3 Bruttoregistertonnen vertilgter Kekse nicht ganz so genießen und zerschnitt stattdessen Papas Kamerahülle, um sich eine irre Helmkamera zu bauen – wie schön! Fast schon traditionell beendete ein Obstler den Abend, diesmal einer aus Tannenzapfen (Zirbel), was aber außer mir niemandem geschmeckt zu haben scheint, glaube ich.  (23.08., 23h06)

4. Etappe, 24. August: Turracher Höhe - Auen / Wörthersee

Distanz
84 km
Fahrzeit
3 h 24 min
Geschwindigkeit
24,82 km/h
Höhenmeter
306 m
Höhe Zielort
483 m
V max.
87,94 km/h

Jan: Ein Sturm am Wörthersee

Der Tag begann vielversprechend mit dem ersten opulenten Frühstücksbuffet der Tour in der uneingeschränkt empfehlenswerten Pension Alpenrose auf der Turracherhöhe. Unser Gastwirt hätte uns sogar noch Obstler zum Frühstück gebracht, wir gaben uns aber mit Rührei und diversen Teesorten zufrieden. So beschränkte er sich auf den Ausdruck der Wettervorhersage, nach der es heute die ersten Gewitter geben sollte, und seine Kollegin verblüffte mit genauer Streckenkenntnis inklusive Bergwertungen auf dem Weg bis Klagenfurt. Kurz nach dem Abschied gelang mir der wenig ehrenhafte Hattrick, von der dritten Sommertour in Folge ohne komplett funktionsfähigen Tachometer heimzukehren. Diesmal muss mir das Gerät zwischen der Pension und der Passhöhe vom Rad gefallen sein. Auch drei weitere Auffahrten und Suchen mit Navigator-Augen brachten ihn nicht zurück, so dass mir Tobi in St. Martin-/Lance-des-Tages-Manier seinen Tacho bis zum Kauf eines Ersatzgeräts nach Klagenfurt lieh. Somit konnte ich dann mit 84 km/h (Christian erreichte sogar 87 km/h) einen neuen Geschwindigkeitsrekord auf den bis zu 23% steilen Abfahrt nach Kärnten feststellen. Liebe Kinder, bitte nicht zu Hause nachmachen.

Mit einem 28 km/h-Schnitt, der ohne eine kleine Steigung hinter Himmelberg noch höher gewesen wäre, erreichten wir dann zum Mittag bei km 64 Klagenfurt mit Blick auf eine mächtige Gewitterfront. Während wir Eisbecher assen, suchte Meike suchte nach Radläden für ihre neue Kette. Nach einer Odyssee von Läden, die keine Ersatzteile hatten zu Läden, die keine Zeit hatten, fand sie einen, der um 17 Uhr einen neuen Antrieb montiert haben wollte. So entschieden wir vier Männer, dass wir schonmal zum Wörthersee vorfahren und somit die OrientExpress2007-Strecke verlassen würden. Punktgenau zur Gewitterfront erreichten wir den Campingplatz. Gut, dass sich dort gleich angegliedert auch eine Pension befindet, in der Tim nun bei Sintflut seine bei dm ausgedruckten Postkarten, u.a. mit einem Schwan, der sich in den Hintern beisst, schreiben wird und Tobi schläft. Morgen soll das Wetter dann übrigens richtig schlecht werden.

Gegen 19.40 Uhr traf dann Meike einigermassen nassgeregnet mit neuem Antrieb ein.  Nachdem Tim ohne wirkliches Ergebnis und ich übers perfekte politische System diskutiert hatten, beendeten wir unsere genauso erfolglose Suche nach einer Alternative zum Campingplatz-Restaurant. Das war aber auch nicht tragisch, denn dort wurden wir mit Berner Würstchen, Weizenbier und XL-Schnitzel entlohnt. Um uns herum befanden sich eigentlich nur italienische Gäste und Fritösengeruch. Den Abend liessen wir beim traditionellen Scheitern des österreichischen Meisters gegen den israelischen in der CL-Qualifikation, einem weiteren Werder-Bremen-Drama aus der Kategorie "Normal und einfach geht's bei uns nicht" sowie drei übers Tor geschossenen Elfmetern von Anderlecht ausklingen. Auch nicht schlecht.

Christian: Keine Klagen wegen des Regens

Und wieder ist ein Rekord gefallen, diesmal die wohl höchste Geschwindigkeit, die ich je auf einem Velo gefahren sein werde.  23% Gefälle und kaum Wind bzw. Verkehr  - optimaler können die Bedingungen fast nicht sein. Es wäre vermessen zu behaupten, dass man dabei die Situation noch im Griff hat, aber es macht einfach einen Mordsspaß. Im Sauseschritt erreichten wir so nach Klagenfurt, wo mich mein erstes Tartuffo 2010 freudig erwartete. Die Pause dort gestalteten wir ob der durchschnittlichen Schönheit der Stadt und ihrer Lage an verschiedenen Radläden für Meike etwas ausgiebiger. Ich weiß nicht warum, aber obwohl ich keine objektiven Gründe finden kann, bestätigt sich mein 2007er Eindruck, dass ich diese Stadt irgendwie nicht mag. Keine Ahnung warum.

Am Lindwurmbrunnen sahen wir die geeignete Lokation, um auf Meike zu warten, die ihre lädierte Kette hier gegen ein funktionsfähigeres neues Modell austauschen lassen wollte. Ein schauriger Typ von der Nachbarbank stapfte zu uns und versuchte Tim etwas zu erzählen, was ihm aber leider nur unzureichend gelang. Gelangen musste auch Jan an einen neuen Tacho, denn der alte verschwand in der Nähe unserer Pension auf ebenso mysteriöse Weise, wie 2008 sein Fahrradhandschuh. Der geneigte Leser wird sich auch noch an Jans Tachoprobleme nach dem Flugtransport 2009 erinnern.

Zur heutigen Pension soviel, dass ja eigentlich campen geplant war, was das aufziehende Ungewitter aber zu verhindern wusste. Dennoch war es eine Punktlandung: Pünktlich zu den ersten Tropfen erreichten wir das rettende Dach der Pension in Velden. Kleiner Einschub beim Stichwort „Pension“: Die Familie Pichler auf der Turracher Höhe kann sich gute Siegchancen für den Award der besten Beherbergung und Rundumverpflegung ever ausrechnen. Der GND meint: „Eine millionenfach seeehr geil!“

Doch die spannende Frage gerade: Wo bleibt Meike? – Frage gelöst, nun ist es auch später und unser Team wieder komplett. Meike berichtete von eine Odyssee in Klagenfurter Radläden, falschen Tretkurbeln, Sonderpreisen und neuer Komplettausstattung. Auf unserer Suche nach einem weiteren Gasthaus in Auen zwecks Abendessen blieben wir leider erfolgfrei. Meine Erkältung drehte nochmal richtig auf und bescherte mir nach dem ersten Cola-Bier ein deutliches Unwohlsein, was auch die Pferde mit einer amüsanten Showeinlage an den Bäumen ihrer Weide nicht verbessern konnten. Zur Nahrungsaufnahme blieb uns somit noch die Pensionsgaststätte, welche uns aber erneut vor unerwartete Entscheidungsprobleme stellte. Warten wir, bis auf der Terrasse ein Platz frei wird, setzen wir uns in den Frittenbudendunst des normalen Gastraums oder separieren wir uns alleine im miefigen, schlecht beleuchteten Rauchergastraum. Fragen über Fragen und ich darf verraten, das wir eine Entscheidung herbeiführen konnten und unsere Bäuche nun wieder gefüllt sind. Der Abend wurde für beendet erklärt und Tobi schlummerte umgehend wieder tief und fest, obwohl er durch den frühabendlichen Power-Nap doch eigentlich schon gut genug ausgeruht sein müsste. Meine Nacht hingegen war ziemlich lala, wohl noch ein Tribut an die schon erwähnte Erkältung….

5. Etappe, 25. August: Auen am Wörthersee - Winklern

Distanz
134,79 km
Fahrzeit
6 h 29 min
Geschwindigkeit
20,75 km/h
Höhenmeter
999 m
Höhe Zielort
884 m
V max.
52,56 km/h

Jan: Ein perfekter Tag fürs Tal

Angesagt waren für heute Unwetter. Die blieben aber komplett aus und somit hatten wir perfektes Radelwetter ohne Sonnenbrandgefahr auf unserer Überführungsetappe vom Wörthersee ans Südende der Grossglockner-Hochalpenstrasse. Zudem blies uns ein Südostwind die Täler von Drau und Möll hoch.

Bald nach dem Frühstück erreichten wir bis Villach den eher holprigen Mountainbike-Trail namens Drauradweg, der sogar Ortlieb-Taschen vom Gepäckträger haut. Ständig kamen uns Radreisegruppen entgegen. Offensichtlich boomt der Kegelclub-Flusstal-Radtourismus hier auch. Kein Wunder bei solch einem Bergpanorama, mit dem deutsche Flüsse natürlich selten mithalten können. In Villach legten wir die wahrscheinlich früheste Eispause (vor 11 Uhr) aller Zeiten ein, lauschten italienischen Reisegruppen (10 Tage Hotel in Villach? Nichts gegen die 60.000-Einwohner-Stadt, aber das klingt für mich fast wie drei Monate Oderbruch ...), und brachen auf zu 40 km ins etwas verschlafen wirkende Spittal.

Bei Möllbrücke verliessen wir dann die Drau und folgten der Eisenbahnhauptstrecke Belgrad - München weiter Richtung Tauerntunnel. Auch an der Möll gab es einen idyllischen Radweg mit vielen Bonus-Anstiegen, so dass wir am Ende auf über 1000 Höhenmeter kamen. Christian und Tim entdeckten noch den österreichischen Kvas, und Christian pries uns eine Melone mit den Worten "Sie schmeckt irgendwie wie von Spülmittel durchtränkt" an. Den Werbeslogan sollte er mal Spar oder Billa verkaufen.

Gegen 18 Uhr erreichten wir dann den Campingplatz Grubenbauer mit Tennisplatz und Jausenstation, wo ein ostdeutsches Radelduo auf dem Weg nach Ljubljana die einzigen anderen Gäste waren. Sie hatten gerade die Grossglocknerstrasse bezwungen. Der kernige 100-jährige Campingplatzchefinnenmann (wer kennt ein noch grausameres zusammengesetztes Substantiv?) verblüffte noch mit der Begrüssung "Wer von ihnen spricht deutsch?" und der Wetterprognose "Morgen soll es nicht so schlecht werden“.

Selten waren wir so vollgefressen wie an diesem Abend von den Riesenpizzen im Tauernstübel. Gut, dass es als Digestif noch Tannenzapfenschnaps gibt. Christian hatte eine Sponge-Bob-Pizza, will sich aber trotzdem "nicht so weit aus dem Fenster legen" vor dem morgigen Highlight der Tour. Tobi und Tim verziehen sich aus Angst vorm Regen unter das Holzdach.

Christian: Tapering an Drau und Möll

Wie krass ist das denn? Jetzt geht es quasi schon auf den Rückweg. Sehr kurze Tour eben, aber eigentlich bin ich gerade in der Stimmung, mit dem Team nun noch bis Nepal weiterzufahren.

Das Frühstück , bei dem die Gastwirtin aus der Vorratskammer Stück für Stück immer weitere Schätze und Brötchenerweiterungen für uns hervorzauberte, gab mir den Schwung in die wahrscheinlich zweitlängste Etappe der Tour zu starten. Durch die Erkenntnis, dass die Drau gar nicht durch den Wörthersee fließt, bin ich zudem meiner Funktion als Wer-wird-Millionär-Telefonjoker eine Stufe näher gekommen. Bald bogen wir auf den Drauradweg ein, der sich als ziemlicher Radreisehighway erwies, dieser Funktion aber durch seine außerordentlich naturbelassene Fahrbahndecke nicht annähernd gerecht werden wollte. Landschaftlich aber erste Sahne und schon bald war Villach erreicht, wo ich mal die Stadt genießen wollte. Das ist aber gar nicht so einfach und so beließen wir es beim Genießen eines anscheinend zentralen Platzes und dem von Meike spendierten Eisbällchen. Eine italienische Rentnerreisegruppe machte genau bei uns Station, aber außer Jan konnte keiner von uns verstehen, welche Anekdoten die Stadtführerin zum Besten gab.

Entlang des Drau- und später des Mölltals führt ein Radweg mit knackigen Kurzsteigungen uns durch fast schon inflationär schöne Landschaft (das Paradies ist definitiv nicht ein palmengesäumter Strand, sondern die Berge!) . Auch das Wetter spielte mit und von dem ursprünglich angekündigten starkem Regen war nichts zu sehen. So gönnten wir Tobi ca. 30 km vorm Etappenort seine obligatorische Radler-Pause und beschlossen, an diesem Abend guten Gewissens zelten zu können. Der Campingplatz Grubenbauer schien uns auf der ersten Blick nicht überbelegt und lag direkt neben einem Tennisplatz. Den Zeltaufbau schaffen Jan und ich mittlerweile wohl schon fast im Schlaf und ruck-zuck standen wir ausgehfertig neben unseren Zelten. Ich entdeckte in der Dusche leider den außen angebrachten Start-Button erst nach dem duschen und musste mich somit mit einem armseligen Getröpfen aus der Brause zufrieden geben.

Vor dem Aufbruch ins Dorf begrüßte uns der Campingplatzbesitzer noch mit den Worten „Sprecht ihr deusch?“ und einer flapsigen Handbewegung auf unser Ansinnen  nach besserem Wetter. Im Ort sollte es zur Abwechslung einmal Pizza sein, knusprig und v.a. riesig. Dafür war die kellnerin nicht so riesenfreundlich, aber das verkraftet man, oder, wie mein Vater sagen würde „Die musst du ja nicht mitessen“.

Tobi und Tim sind mit ihrem Zelt aus Angst vor möglichem Regen eben nochmal in einen Schuppen umgezogen, während es in unserem Zelt gerade enorm warm ist und wir auch ein paar Regentropfen auf das Zeltdach fallen hören. Alles kein Problem und ich wünsche damit eine gute Nacht!

6. Etappe, 26. August: Winklern - Neukirchen am Grossvenediger

Distanz
127 km
Fahrzeit
7 h 25 min
Geschwindigkeit
17,18 km/h
Höhenmeter
2.160 m
Höhe Zielort
857 m
V max.
77,84 km/h

Jan: Landschaftsorgasmus für die Fahrradroboter

Der Regen in der Zeltnacht blieb im Wesentlichen aus. Wieso war es eigentlich so heiss im Zelt? War das die Verdauungswärme der Monsterpizzen? Bereits beim Frühstück beim Spar in Winklern wurde klar, dass es ein heisser Tag fürs Dach der Tour werden würde. Bis Heiligenblut ging es dann noch 24 km im Mölltal mit bereits atemberaubendem Alpenpanorama sanft bergauf. Dort spendierte der Teamweise, der von einem "Landschaftsorgasmus" berichten konnte, noch Heiss- und Kaltgetränke, bevor es in grossen Kehren die Alpenpanoramastrasse, die nicht nur die Beine, sondern auch den Speicherplatz mancher Kameras an die Grenzen bringt, bei überraschend sengender Hitze hinaufging. Tobi nahm kurz vor der Hochtor-Passhöhe den Abstecher zur Franz-Josefs-Hütte und wurde danach bis zum Abend nicht mehr gesehen. Gegen 14 Uhr erreichte unser Quartett begeistert das Hochtor auf 2500 Meter Höhe.

Von dort geht es durch einen Tunnel zurück ins Salzburger Land, erst bergab und wieder 200 Meter bergauf zur zweiten Passhöhe, dem Fuschertörl, wo man eine genauso grandiose Aussicht hat. Ich hoffe, die Teick-Cam hat das gut eingefangen. Auf der Abfahrt bremste uns ein Reisebus aus und verdiente sich somit den Floyd des Tages. An der Mautstation hatten wir nach 15 Minuten Warten eigentlich die Hoffnung, dass Meike mit funktionsfähigem Fahrrad und lebendig die Strasse hinuntergekommen ist, aufgegeben. Allerdings hatte sie nach eigenen Angaben wegen glühender Felgen, brennender Bremsgummis oder so ähnlich Pausen eingelegt.

Beim Billa in Bruck war es kurz nach 16 Uhr so heiss, dass man sich nicht in die Sonne setzen konnte. Darauf folgten laut Karte 43 und tatsächlich 53 km auf abwechselnd hoffnungslos befahrenen Bundesstrassen oder dem Tauernradweg, der in seinem Slalomkurs immer wieder die ganze rund 5 Kilometer lange Breite des Salzachtals demonstriert. So standen in Neukirchen nicht nur mehr als 2000 Höhenmeter (Tour-Rekord), sondern auch 127 km auf dem Tacho.

Dort hatte Christian schon die etwas spezielle Pension Brugger gebucht, wo wir von einem etwas hektischen Spassvogel empfangen wurden, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, Leute als „Gäste“ zu empfangen und als „Freunde“ gehen zu lassen. Dieser hatte sich über eine harmlose in Bierlaune entstandene Mail von Christian mit dem Wunsch nach einem Begrüssungscocktail derart aufgeregt, dass Christian hier erstmal die Wogen glätten musste. Schliesslich hat der Spassvogel uns Super-Zimmer zur Südseite (ganz wichtig) zum angeblichen Spottpreis organisiert und lässt uns unentgeltlich die Räder in seiner Garage parken. Diese wahrscheinlich herben finanziellen Verluste muss er dann durch die Beschäftigung von Billiglohnarbeiterinnen ausgleichen, die uns das Abendessen servierten, nachdem wir in Rekordzeit geduscht hatten. Beim Dessert, dem Kogel-Mogel-Becher, kein "Softeis", trudelte dann gegen 21 Uhr auch Tobi ein, der diverse Gletscher, unter anderem auch noch die Edelweiss-Spitze (2577 Meter), bezwungen hatte und somit den Award für die beste "war story" erhielt. Zusammen mit "Armin's Paperworld" in Winklern verleihe ich mir den Award für die blödsten Anglizismen und Herrn Niedrist den Award für die überflüssigste Verwendung von Unterstreichungslinien und Anführungszeichen.  Was er sich wohl einen Effekt davon verspricht, „Eis“ anzupreisen?

Wie dem auch sei, wir alle fünf kommen überein, dass es heute ein fantastischer Tag war. Der Spassforel sagt, morgen fällt Schnee. Aber wir sind safe.

Christian: Atemberaubend auf das Dach

So fühlt sich also eine Königsetappe an. Ja, das tut sie. Ein Highlight in allen Belangen. Diese Berge, diese Farben – Wahnsinn! In meinem nächsten Leben werde ich Murmeltier und wohne hier. Erwartungsgemäß kämpfte ich mich an der negativen Spitze des Fahrerfeldes die Höhenmeter hinauf, was aber durch das mehrmalige Warten des Triumvirats Eickmann, Henseleit, Schlemmer, Wilkening nicht ins Gewicht fiel (Anmerkung: Nachdem ich zu Hause nun auch genau nachgeschlagen habe, was „Triumvirat“ bedeutdet, sollte es eigentlich besser so lauten „…was aber durch das mehrmalige Warten des Triumvirats Eickmann, Schlemmer, Wilkening und deren Muse Henseleit nicht ins Gewicht fiel.“)  . Ich lieferte mir einen Über- und Unterholkampf mit einem rüstigen Herren auf seinem Highend-Mountainbike , der sich vor 20 Jahren an dieser Stelle schonmal auf das heute Duell mit mir hier vorbereitet hatte.

Tobi verließ uns auf halber Strecke zwecks Erinnerungsreise zur Pasterze, dem mittlerweile auch deutlich geschrumpften größten Gletscher Österreichs, so dass wir verbliebenen vier Recken den Rest bis zum Etappenziel alleine und ohne rollende Werkstatt bewältigen mussten. Jan nutze seinen Vorsprung am Hochtor, um uns bei der Ankunft mit den traditionellen Passaufklebern zu versorgen – vielen Dank! Und dabei passierte es: Tim klebte eben diesen Aufkleber auf sein mattschwarzes Radon-Rad. Noch kurz vor Tourstart behauptete er, auf sein Fahrrad würde niemals ein Aufkleber kommen. Damit hätte also weder ich und vielleicht noch weniger er selbst gerechnet. Er ist nun assimiliert J Freut mich sehr, wenn ihm seine erste GND-Sommertour so gut gefällt.

Als Geschenk gab es noch einen zweiten Pass obendrauf, an dessen Passschild ich marketingmäßig für unsere Homepage tätig war. Prompt sprach mich jemand aus einer Berliner Busreisegruppe mit den Worten „Ich wollte schon immer mal jemanden kennenlernen, der sowas auf die Schilder klebt“ an. Natürlich blieb ich zuvorkommend freundlich, obwohl ich schon gerne entgegnet hätte „Und ich wollte schon immer mal jemanden kennenlernen, der in einem Reisebus gefahren ist“ und so starteten wir mit neu aufgetragener Sonnencreme zur Abfahrt. Anfangs erschwerte ein langsam fahrender Bus und PKW-Stau dahinter das freie Rollen, was aber nach ein paar verwegenen Überholmanövern auch gelöst war. Meike brachte ihre Bremsen zum glühen und benötigte somit etwas mehr Zeit für die Abfahrt. Btw.: Wie heiß ist das heute eigentlich!? In Bruck angekommen füllten wir unsere Vorräte beim örtlichen Billa wieder auf und zu dieser Pause musste man sich (trotz, dass es schon 17 Uhr war) noch in den Schatten verziehen, um es einigermaßen aushalten zu können.

Den restlichen Weg nach Neukirchen ging es wieder das seichte Salzachtal hinauf, in dem wir zwischen  einer nervig stark befahrenen Autostraße oder einem mit schier endlosen Umwegschleifen gespickten Fahrradweg wählen konnten. So konnten wir unsere geplante Ankunftszeit bei Bruggers Pension nicht einhalten. Endlich am Zeil angekommen freuten wir uns auf die Bioholzzimmer der Pension. Leider hat sich der cholerische Pensionsbesitzer weniger über meine flapsige Mail  bzgl. Eines Begrüßungsdrinks gefreut. Er reagierte, als hätte er eine Nacht nicht in seinem Bioholz-Familienstudio verbracht oder als hätte er Softeis gegessen. Dieser Blick hätte mich töten können und ich bin froh, nach dem Verzehr des Abendessens dort noch zu leben.  Schwamm drüber, wir haben das geklärt und danach verhielt er sich auch professionell und alles weitere war in Ordnung. Alles wird gut! Essen lecker, Schnaps unbekannt (Forellbeere).

Achja, da war ja noch Tobi. Irgendwann späts stieß er auch wieder zu uns und offenbarte, neben der Pasterze auch noch die Edelweißspitze besucht zu haben und damit jeden Punkt der Großglockner-Hochalpenstraße gesehen zu haben. Er war noch so Endorphin-/Radler- und Kaiserschmarrn-gesättigt, dass für ihn heute Abend der Schnaps und eine Flädlesuppe reichten. Ich denke aber, zufrieden ist heute Abend jeder von uns, war auf jeden Fall ein Highlight. Und damit Gute Nacht!

7. Etappe, 27. August: Neukirchen am Grossvenediger - Innsbruck

Distanz
119 km
Fahrzeit
6 h 17 min
Geschwindigkeit
18,99 km/h
Höhenmeter
1.156 m
Höhe Zielort
565 m
V max.
67,22 km/h

Jan: Game over? Noch nicht ganz!

Wieder einmal ein Tirol-Tag wie eine Pizza Vier Jahreszeiten. Zunächst verliessen wir die "Pension" Brugger als "Freund" und "radelten" vorbei an Europas grössten "Wasserfällen" bei Krimml, natürlich anfangs wieder über den vielbeschriebenen Tauernradweg. Bei schwüler Hitze strampelten wir die Kehren des angenehm wenig befahrenen Gerlospasses hinauf und erreichten oben Tirol. Nach einer weiteren Leberkäs- und Schunkelmusikpause hatten wir das Gerlostal erreicht und Tobi erzählte uns von Jugenderinnerungen an Ski und Apres Ski.

Es blies bis zur endgültigen Abfahrt vom Pass ein immer stärker werdender Nordwind, der uns fast von der Strasse blies. Zum Beginn der Kraftfahrtstrasse in Zell hatte uns dann endgültig der Regen erreicht. Das Zillertal wird uns somit nicht durch Schürzenjäger, sondern durch sintflutartige Regenfälle, mehreren Unterstellpausen, allerdings auch durch einen prinzipiell perfekten Radweg an der Ziller in Erinnerung bleiben. Das erinnerte hier etwas an die Schilderungen vom Tornado aus dem Münsterland, von denen Ben Wettervogel heute im ZDF-Morgenmagazin schon berichtet hatte. Innerhalb einer Stunde war die Temperatur auf 16°C gefallen und Tobi war schon entschlossen, sich im Inntal in den Zug zurück nach Buchs zu setzen und lud uns zu sisch ein. Angesichts des Weltuntergangs klang dies auch nach dem Optimalplan.

An der Innmündung jedoch hörte der Regen bei weiterhin tief hängenden Wolken auf und es wurde bis Innsbruck kontinuierlich besser, so dass wir die 40 km an die Anschlussstelle der 1. Sommertour 2006 bei fast identischem Wetter noch durchradelten. Da die Fahrradplätze EC um 18 Uhr irgendwas schon ausgebucht waren und wir erst nach 23 Uhr hätten in Buchs sein können, entschieden wir uns dann doch noch, den Abend in Innsbruck zu verbringen und morgen weiterzuschauen, obwohl Christian der Jugendherberge längst telefonisch abgesagt hätte. Wir trafen an einer ohnehin anderen Jugendherberge ein und ergatterten noch problemlos fünf Schlafplätze. Tobi buchte allerdings angesichts der weiterhin grauenhaften Grosswetterlage schon den EC für den nächsten Tag. Was für ein Durcheinander. Was morgen ist, steht noch völlig in den Sternen, zumal auch mein linker Oberschenkel auf den Tag genau 3 Jahre nach Sofia wieder jeden Tritt zur schmerzvollen Erfahrung machen lässt.

Den Abend liessen wir bei zahlreichen Bierspezialitäten, weiteren Riesenschnitzeln, Obstlern im goldenen Dachl, sowie McDonald's für den bei mir nicht wirklich existenten Nachhunger sowie Wein ausklingen. Wenigstens haben wir ein neues Spiel erfunden: Piff-Paff-Primm-Pramm-Numberwang. Auf Anfrage versendet unser Team-Mathematiker, der sich nach 17 Quadratteick pro Tonne und Woche nun auch seinen Schlaf verdient hat, Ihnen die 20-seitigen Spielregeln. Christian schläft schon beim Schreiben des Tourbuchs ein.

Christian: Radl Madl Wadl Stadl Schadl

Mit als grauenhaft beschriebenen Wetteraussichten aßen wir uns bei Bruggers noch fit, nahmen aber auch nichts mit und starteten gen Inntal ins allseits beliebte Tirol (ich glaube, Tirol ist bei den meisten deutschen das bekannteste der Österreichschichten Bundesländer). Dass das Wetter heute schlecht werden sollte vermochte ich angesichts der Temperaturen und dem Sonnenschein noch nicht wirklich glauben. Nach einer weiteren unnötigen 5 km – Radwegschleife des Tauernradwegs startete die Befahrung des vierten Alpex-Passes, vorbei an den als wunderschön angepriesenen Krimmlwasserfällen. Da diese aber von all unseren Aussichtspunkten mindestens immer einen Kilometer entfernt waren erschloss sich mir deren Bombastizität nur in Teilen und beeindruckter bin ich doch vom Giessbachwasserfall, den Jan und ich bei der Sustentour dieses Jahr entdeckten. Dieser Pass ist wie nach meinem Anforderungskatalog hergestellt: ca. 9 % Steigung, immer mal wieder leichte Verschnaufgeraden, nicht zu lange, serpentinig, schattig und landschaftlich reizvoll. So war ich eigentlich schneller oben als gedacht und Jan begrüßte mich mit dem obligatorischen Ankunftsfoto. Der Rest der Truppe rollte kurze Zeit später nach einem Fotostop in der letzten Serpentine auch ein  und schon fanden wir uns bei ner Leberkässemmel in einem Apres-Ski-Karussell wieder. Zu kaufen gab es hier auch kitschige, ehrliche Musik lokaler Größen und Tobi konnte uns die Lage der Skigebiete hier aus eigener Erfahrung erklären.

In diese Pause stieß Felix mit „Bei Anruf Absage“ und erzählte etwas von schlechtem Wetter und miesen Wetteraussichten. „So ein Forell, hier ist es doch gut, der hat keine Ahnung“ hätte man nun denken können, was wir aber aufgrund des auffrischenden Windes nicht taten. Und dass Wetterumschwünge in den Alpen sehr schnell und heftig vonstatten gehen könnten, durften wir spätestens nun erfahren. Hinten sah man es schon regnen und der Wind bremste die Abfahrt besser als meine Magura-Bremsen es je könnten. Weitere 10 Minuten später packten wir dann unsere Regensachen und Tim seine Astronauten-Überziehschuhe aus. Dass es Jan mit dem WM-Tippspiel-Wetteinsatz-einlösen wirklich ernst war zeigt es damit, dass er das rosa Trikot nun sogar über seine Regenjacke streifte. Eine Fastkollision mit einem die Kurve schneidenem LKW und dem sommertourüblichen Kurzritt auf einer für Radfahrer verbotenen Kraftfahrstraße schwenkten wir in eine wahllos offenen stehende Garage ein um die Lage zu sondieren. Das Ergebnis war, dass wir eigentlich alle wenig Sinn darin sahen, bei diesem Miesepetruswetter morgen noch über den Fernpass zu fahren und so klang die Idee, die Tour früher zu beenden und sich noch für eine Nacht bei Tobi einzunisten absolut nicht übel.

Unerwarteterweise lockte uns im Inntal dann aber doch wieder die Sonne und wir knüften auch noch per Velo nach Innsbruck an. Ich würde sagen, damit hätten wir das Minimalziel eigentlich erreicht. Die Rekrutenfrisur sitzt, bei jedem Wetter! Da wir die eben abgesagte Jugendherberge nun doch noch einmal bemühen müssen, möchte ich mich aber im Gegensatz zu Tobi noch nicht auf eine Abreise morgen festlegen, denn warum sollten wir im Falle guten Wetters nicht doch noch nach Füssen. Jan sieht das glaube ich ähnlich, wie sich Meike und Tim entscheiden, kann ich noch nicht absehen. Bock habe ich auf jeden Fall noch und warum nicht auch morgen Abend nochmal Schnitzel, Bier und Obstler (wie heute Abend – *yummi*) mit Blick auf Schloß Neuschwanstein.  Alles mal abwarten. Innsbruck, ist übrigens eine ziemliche schöne Stadt und gewinnt somit die Tourwertung deutlich vor Klagenfurt, Rosenheim und sogar Salzburg.

Epilog, 28. August: Heimreise

Jan: Alle Zweifel weggespült

Schon beim Aufwachen klopfte der Regen auf das Zimmerfenster. Beim Frühstück wurde es dann etwas weniger, so dass Christian und ich tatsächlich noch mit dem Gedanken spielten, die Tour wie ursprünglich einmal geplant über den Fernpass (von dem Meike völlig abriet) nach Füssen fortzusetzen. Als wir dann aber zunächst mit Tobi zum Bahnhof losfahren wollten, setzte wieder ein Zillertal-artiges Unwetter ein, so dass die Stimme der Vernunft über die Stimme "Ich will in Starkregen mit kaputtem Oberschenkel weiterradeln" siegte und wir alle die Tour in Innsbruck am Bahnhof erst einmal abbrachen. Ich denke und hoffe aber, wir werden die letzten zwei Tage Innsbruck - Füssen - Bregenz dann noch als Training vor der nächsten Sommertour bei weniger grausigem Wetter nachholen, zumal der Fernpass auch relativ schneesicher zu sein scheint.

Tobi und ich mussten in Langen hinterm Arlberg dann übrigens unsere EC-Fahrt durchs Weltuntergangswetter verlassen und noch 80 wegen Beinschmerzen und der durchdringenden nassen Kälte relativ spassfreie Kilometer ins Rheintal hinabradeln, da ein Baum auf die Oberleitung hinuntergefallen war und es wohl auf Schienenersatzverkehr ohne Radmitnahme hinauslief. Genauso ging es zwei weiteren Radlern im Zug. Der eine davon war gut gelaunt und auf dem Weg zum Kap Finisterre, und ich bemitleidete ihn nicht unbedingt. Ich schätze, nächstes Jahr könnte es dann auch wieder auf etwas Längeres in eine entlegenere Region hinauslaufen, während diese acht Tage auf dem Rad wieder viel zu schnell vorbeigegangen sind. Danke an alle Beteiligten.

Christian: Fernpass rückt in die Ferne

Hmmm, schade, schade – jetzt hat es mit dem Fernpass doch nicht mehr geklappt. Aber das Wetter war tatsächlich zu grausig, so dass der Spaßfaktor stark gelitten hätte. Außerdem braucht man ja immer noch weitere Ziele und ich hoffe stark, dass wir diesen Tourteil zeitnah noch nachholen werden.

Das Wetter am Morgen liess schon nichts Gutes erahnen und so fiel eigentlich auch bei Tim, Meike und mir die Entscheidung, hier die Sommertour zu beenden.  Jan hingegen verpackte sich noch in seine Regenklamotten (nach der Fahrt zum Bahnhof und einer danach plitsch-platsch nassen Jeans muss ich sagen: verdammt clevere Idee, warum bin ich da nicht auch drauf gekommen!) und wäre bei einer etwas längeren Regenpause vor der Jugendherberge wohl auch noch zumindest bis Telfs gestartet.  So aber besorgten wir uns am Bahnhof unsere Rückreisetickets brachen in unsere Heimatdestinationen auf. Vor Meike, Tim und mir standen 14 Stunden und 6 Umstiege per Wochenendticket, die aber alle reibungslos funktionierten und so erreichten wir gegen 23 Uhr auch wieder Bonn im guten, alten Rheinland.

Fazit, soweit ich das jetzt schon sagen kann: Geile Tour mal wieder, tolles Team, super Landschaft, das Schicksal war uns gesonnen, leider alles viel zu kurz. Nächstes Jahr wieder mehr. Vielen lieben Dank an das Team, ihr seid großartig!

 

Ein paar Zitate

  • Jan: „Engländer neigen auch gerne zum Unreifsein“
  • Jan: „Ein Meter ist jetzt weniger, weil die Leute glücklicher sind, wenn sie größer sind.“
  • Tobi: „Christian, du hast wohl zuviel Energie heute“ - Jan: „Ich hab Christian schon die Zentrifuge gesetzt“
  • Tim: „Boah, jetzt hab ich Bock. Jetzt hab ich so richtig Bock!“
  • Kellner in Ebener Pizzeria: „Schnaps schon probiert? Ist gut, ne? Wir haben hier keinen Fusel!“
  • Tobi: „Och, sind wir schon aus dem Drautal raus? Jetzt bin ich aber draurig.“
  • Tim: „Oh man, fuck, ……..“

Die geheime Tourzeitung aus Christians Tagebuch wurde GNDleaks zugespielt, geprüft und hier veröffentlicht. Ein Skandal!

23. / 24. April 2011: Innsbruck - Füssen - Bregenz ( - Freiburg)

Innsbruck - Füssen
Füssen - Bregenz
Distanz
120 km 117 km
Fahrzeit
6 h 30 min 6 h 55 min
Geschwindigkeit
18,56 km/h
16,87 km/h
Höhenmeter
1.338 m
1.818 m
Höhe Zielort
790 m
397 m
V max.
54,12 km/h 62,14 km/h

Jan:

Innsbruck - Füssen: AlpEx reloaded

Und tatsächlich: Nachdem fast acht Monate ins Land gegangen sind, wird der AlpenExpress 2010 nach einem etwas unglücklichen Ende im August 2010 nun unter deutlich besseren Vorzeichen zu Ende gefahren. Es ist Karfreitag abend 2011, und über Innsbruck lacht die Sonne. Wenige Minuten nach mir kommt Christian aus Richtung Bonn an und wir speisen wiederum im Goldenen Dachl.

Nach einer Nacht mit einer Kettensäge im Sechsbettzimmer und einem Jugendherbergsfrühstück machen wir uns bei typischem Frühling-2011-wolkenlosen Himmel schon gegen 8.30 auf den Weg Richtung Inntalradweg, der bis Telfs unser treuer Begleiter ist. Dort schlängelt sich der Verkehr "lindwurmartig" (Christian) durch den Ort, wir pfeifen uns noch Strudel und Haferl Kaffee rein, bevor es Richtung Fernpass geht. In einer Landschaft, der Christian wieder das Prädikat "Landschaftsorgasmus" verleiht, stagt die Strasse schon auf 1100 Meter an, "um dann" nach Nassereith wieder auf 820 m abzufallen. Teils dürfen/müssen wir auf Nebenstrassen fahren, teils dürfen/müssen wir uns die enge und radspurfreie Strasse mit dem ohrwurmartigen Verkehr teilen - wir waren ja gewarnt, und die Stimmung ist aufgrund der perfekten äusserlichen Bedigungen trotzdem grossartig. Gefühlt ist die Steigung kaum mehr als 5%, wofür wiederum Christians "Wohlfühlsteigung"-Prädikat und die Tatsache, dass wir oben gemeinsam ankommen, spricht. Oben gibt es keine zwei Passaufkleber, aber eine Jause mit Spezi, dem Getränk der Tour, und kurz hinter der Passhöhe ist die Zugspitze zu erkennen.

Bis Füssen zieht sich die Strasse ein bisschen wie Kaugummi durch Tirol, auch dank des Gegenwinds, doch rechtzeitig zur Bundesligakonferenz, die sehr zu unserer Freude verläuft, und zur Öffnung der Jugendherberge erreichten wir Füssen. Sogar für einen Abstecher zum am weistesten vom Schloss Neuschwanstein entfernten Punkt, von dem man noch ein Foto machen kann, reicht es noch. Im Restaurant im Mittelalterstil mit Heizpilzen im Biergarten (da hatte man wohl die Oster-Wetterrechnung ohne Petrus gemacht ...) erweist sich unser polyglotter Kellner als Siebenbürger und wir uns als die gefühlt einzigen deutschen Gäste. Vor allem Italiener hat's viele. Das Mass auf die Völkerverständigung, Bayern und den Alpex könnte nicht besser schmecken. Spätestens jetzt ist der Alpex endgültig reloaded.

Füssen - Bregenz: Wie man aus einem Hügel einen Berg macht

Der Alpex ist nun wie geplant zu Ende gefahren worden, wir haben Bregenz erreicht! Ganz wie geplant allerdings nicht. Weil es uns zu billig war, den Pfänder von der Allgäu-Höhe (795 m) hochzufahren, sind wir absichtlich bis auf Bodenseehöhe hinabgeradelt und sogleich wieder hochgefahren. Wer behauptet, die deutsche Radroutenbeschilderung, die in Österreich einfach aufgehört hat, habe uns irregeführt und das genauere Nachschauen auf die Karte an der Abzweigung nach Eichenberg verhindert, sagt die Unwahrheit!

Der Reihe nach: Tatsächlich nasse Strassen beim Aufwachen in Füssen, wieder eine Kettensäge im Sechserzimmer (die arme Partnerin dieses Mannes ... wie hält man so einen Bettgenossen aus?), wieder vor 8.30 auf der Strasse. Es war etwas abgekühlt und unbeständiges Wetter, als wir am Ostersonntag über durch die welligen Strassen des Allgäues pedalierten. Der Alpsee erinnerte an den Wörthersee, und in Immenstadt waren wir zu Gast im Café Gast für den ersten Snack des Tages. Uns überraschte vor allem, dass Immenstadt wenig touristisch war, wohl als Kontrast zu Füssen. Vor Oberstaufen erreichten uns die ersten Regenwolken, die aber harmlos blieben und sich in Weiler-Simmerberg (wirre Topographie mit steilen An- und Abstiegen) wieder verzogen hatten. Dort mit PowerBar und Nescafe Express gestärkt, kletterten wir wacker Richtung Bergankunft auf dem Pfänder, der von hinten nicht ganz einfach zu finden war. Zum Teil fuhren wir auf Schotterpisten, erreichten aber am frühen Nachmittag letztlich locker unser Ziel und bereuten es beide nicht, diesen Anstieg mit herrlichem Blick über den gesamten Bodensee noch vorm Tourabschluss am österreichischen Bodenseezipfel eingetütet zu haben.

Letztlich war es sicher die richtige Entscheidung, das Alpex-Ende auf ein sonniges Wochenende zu verlegen - Berge im Regen fahren ist nur bedingt geil. Das Wetterglück, was wir Ende August 2010 eben nicht hatten, hatten wir dafür jetzt. Möge die 6. Sommertour kommen!


Christian:

Innsbruck - Füssen: Begeisterung ohne Randstreifen

Es soll tatsächlich weiter gehen. Die Zeit heilt ja viele Wunden und somit auch meine Enttäuschung, dass wir letztes Jahr aufgrund der Wetterbedingungen in Innsbruck abgebrochen haben. "Abgebrochen haben" - das klingt irgendwie brutal, aber so war es nun auch wieder nicht. Jedenfalls hätte ich nicht geglaubt, dass wir die letzten Etappen so schnell neu angehen werden. Vom ursprünglichen AlpEx-Team sind nur noch Jan und ich übrig, die anderen müssen gerade zu Staatsbesuchen bei den GND-Destinationen Istanbul, Mountainbiketrail Saarland, Uni-Klinik Heidelberg und Hohe Acht. Ich freue mich wie Hulle (wer ist eigentlich dieser "Hulle"?).

Nachdem die Anreise trotz Feiertagstrubel problemfrei funktionierte und ich mich zusammenreissen musste, nicht vor lauter Landschaftsorgasmus-Begeisterung schon vor der Ankunft in Innsbruck unsere GND42-Facebook-Page zu überfrachten, traf ich am Bahnhof auf Jan, der diesen ca. 20 Minuten vor mir erreichte. Um die Schnittstelle zu 2010 auch korrekt zu definieren, mieteten wir uns diesmal in der original Jugendherberge Innsbruck ein, der ich letztes Jahr kurzfristig absagen musste. Auch dem Goldenen Dachl statten wir noch einen Anstandsbesuch ab, um dann in der Herberge zu idealer GND-Zeit (zwischen 22 und 23 Uhr) unsere Schlafstätte aufzusuchen. Neben einem ziemlich coolen, älteren persischen Globetrotter, der schonmal eine Kneipe in Wien betrieb und Jan ob dessen Sportwissensfundus lobte, teilten wir uns das Zimmer mit einer ziemlichen Schnarchnase und einem Asiaten, der meinte, bereits um 5h30 das Zimmer laut Papiertüten raschelnd verlassen zu müssen. Merke: Ohropax gehört auch in die KrimsKrams-Tüte light.

Nun sind wir back on the road. Geil. Die ersten Kilometer zwickt es im linken Knie und ich sitze irgendwie auch nicht richtig. Ich rede mir ein, dass das nur Phantomwehwehchen sein können, denn schließlich habe ich dieses Jahr auch schon ca. 1.600 Kilometer auf Ricola hinter mir und alles ist optimal eingestellt. So bin ich nach den ersten 35 Kilometern im flachen Inntal auch gut eingerollt und wir suchen in Telfs nochmals eine Bäckerei zur Stärkung auf, bevor es in die Berge geht. Wie eine gute Band bei Konzerten eine Vorband hat, so hat auch der Fernpass einen Vorpass, den Holzleitensattel. Von seiner Steigung und der Landschaft würde ich ihm (dem Holzleitensattel) wegen seiner 3%-Steigung und der idyllischen Landschaft eine angenehme, aber unauffällige Karriere mit einem schönen nationalen Wohlfühlhit prognostizieren wie seinerzeit Fools Garden mit Lemon Tree hatten.

Der Fernpass selbst ist auch mit dem aktuellen Fitnessstand sehr gut zu meistern, störend ist allenfalls der fehlende Randstreifen bei gleichzeitig recht starkem Autoverkehr. Ungewöhnlich ist, dass die Passhöhe in Andorra-Tradition mit einer viel gefragten Tankstelle verblüfft, die mir aber wegen des aktuellen Umbaus leider keine Passaufkleber verkaufen können. Dennoch haben wir uns eine Beiz verdient und keck mache ich Jan den Mezzo-Mix-Kauf nach, so dass wir nun auch das Kultgetränk dieser Tour gefunden hätten. Um beim Bandvergleich zu bleiben, so kann man den Fernpass vielleicht mit REM gleichsetzen: deutlich bekannter auch international, man kommt eigentlich nicht drum herum, stört nicht, hat ein paar ganz nette Stücke, aber mehr auch nicht.

Das Stück nach Füssen nun überrascht uns beide gleichermaßen. Nicht, dass die Kräfte nicht reichen würden, aber wir hatten uns eigentlich nun auf eine recht fixe Fahrt zur baldigen Grenze nach Füssen eingestellt, doch es zog sich ein bißchen wie Gummi, nicht zuletzt durch den von mir besonders so gefürchteten Gegenwind. Aber hier gibt es gar nichts zu beklagen, denn in dieser Kulisse macht jeder Kilometer Spaß. Förmlich um die Ecke biegen mussten wir dann von Füssen nochmal, um einen Blick auf das Schloss Neuschwanstein zu erhaschen. Gut, dass unsere Kameras über gute optische Zoome (oder Zooms?) verfügen. Seltsamerweise war es nirgends als "Schloss Neuschwanstein ausgeschildert, sondern immer als "Königsschlösser Schwangau", was ungefähr so wäre, als würde man das Brandenburger Tor für Touristen mit "Torbögen zu Berlin Mitte" ausschildern.

Nach einer kleinen Erfrischungspause in der Jugendherberge begaben wir uns am frühen abend noch ins Füssener Touristengetümmel und erörterten dabei die häufigsten Bezeichnungen für italienische Eisdielen. Zum Essen landeten wir in einer typischen Touristenfalle, die bayrische und mittelalterliche Lebenskultur in einem leicht überhitzten und überdachten Biergarten verschmelzen sollte. Auch wenn das jetzt gerade abfällig klingt, so möchte ich seit heute Abend sagen, dass eine "Touristenfalle" nichts Negatives sein muss. Denn nur, weil hier die Speisekarten und die Kellner mehrsprachig sind und viele ortsunkundige Stadtbesucher hier speisen, ist ein Lokal nicht per se schlecht. Im Gegenteil: Hier war es richtig cool und ich möchte jedem Füssen-Besucher guten Gewissens den Gasthof Krone empfehlen.

 

Füssen - Bregenz: Erklömmen wir nicht die Gegenrichtung, entgänge uns das Schönste

Wie zu jeder anständigen Sommertour gehört auch zu einer "reloaded" der Regen dazu und der war für heute reichlich angekündigt. Doch das nehme ich nun schon vorweg, bis auf drei Tropfen, seltsamerweise als eigentlich keine Regenwolken am Himmel waren, wurden wir nicht nass. Zu dieser gehört wohl auch jeweils eine laut schnarchende Person im Mehrbettzimmer.

Der Ostersonntagmorgen ist noch von viel Ruhe und wenig Autos geprägt, als wir uns quer zu den Alpentälern durchs Allgäu bewegen, Karstgebiete entdecken und schon bald Immenstadt erreichen. Zur Abwechslung mal eine Stadt im Allgäu, die ihre Haupteinnahmequelle nicht im Tourismus zu suchen scheint. Es ist fast verwunderlich, dass mir hier der Stadtnamen so locker-flockig aus der Feder fliest, habe ich sie doch im Café Gast noch zu Illertissen degradiert/befördert. Nachdem mich Jan freundlich auf diesen Fauxpas hinwies, legte er kurze Zeit später noch einen drauf bzw. den Ort sogar an einen anderen Fluss, nämlich als Immendingen an die Donau, aber das steht erst für morgen auf unserer Agenda. Jaja, so charakteristisch war es hier....

Kurz vor dem Wiedereintritt nach Österreich fanden wir dann auch eine Tanke für unsere obligatorische Tankstellenpause. So, wie das hier ausgestattet war, schienen wir sogar mehr als sonst ins anvisierte Kundenprofil zu passen: Energieriegel im Verkauf und Bänke auf einer überdachten Veranda vorm Tankstellenshop - so viel Luxus erwartet uns selten. Nach einer kleinen Steigung war dann auch der Radweg zum 14 km entfernten Pfänder ausgeschildert. Doch wer glaubt, dass deutsche Radwege in Österreich weiter ausgeschildert würden, der irrt. Und somit kamen wir in den Genuss einer völlig unnötigen 350 Höhenmeter Abfahrt, bis wir merkten, auf dem falschen Weg zu sein. Nun war guter Rat teuer und meine Motivation, nun nochmal insgesamt knapp 600 Meter zu erklimmen, kurzzeitig sehr gering. Jan schien auch irritiert über den Umweg, war aber bereit, den Pfänder dennoch zu besuchen. Und was soll's, es war erst früher Nachmittag, wir schon fast in Bregenz und das Wetter auch deutlich besser als erwartet. Es gibt keinen Grund, warum man das Ziel den der Bergankunft auf dem Pfänder nun aus den Augen verlieren sollte und so fuhren wir gemeinsam wieder hoch. Die Belohnung - ist ja klar - war jede Anstrengung wert. Tolle Aussicht, Abschlussfoto, Interviews, Kaffee, Eis (lustigerweise Softeis. Richtiges SOFTEIS. Viele Grüße Herr Niedrist, es war sehr lecker!)

Die Jufa Bregenz ist uns schon bestens bekannt und zufälligerweise wurde uns das gleiche Zimmer zugewiesen wie schon beim Start von Bregenz - München im Januar 2010. Ein deftiges Abendessen und ein Bier auf der Freitreppe am See runden die rundum gelungene Fertigstellung des AlpEx ab. Schön, es gemacht zu haben!

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