1. Etappe, 07. August: Berlin- Küstrin - Witnica

Distanz
116,36 km
Fahrzeit
5 h 07 min
Geschwindigkeit
22,71 km/h
Höhenmeter
392 m
Höchster Punkt
74 m NN
V max.
48,51 km/h

Jan: “Wir rocken jetzt die Osthalbkugel”

Die erste Etappe liegt hinter uns und dank heftigem Rückenwind befinden wir uns schon vor dem Plan, nämlich 25 Kilometer östlich der deutsch-polnischen Grenze. Mein Nachtzug von Zürich war voll mit Fahrrädern - ein Zeichen, dass der Radtourismus weiterhin boomt und dass es sich deshalb lohnt, frühzeitig zu buchen, wofür auch diverse spontaneitätsbedingte Anreiseprobleme meiner Mitfahrer sprachen. Nachdem ich pünktlich kurz vor 7.30 in Berlin war, sicherte mich mir dort noch 20 Schrippen fürs Frühstück und begab mich auf den Weg nach Moabit zu Didi, meinem Bundeswehrkollegen, Mitfahrer nach Spanien 2008. Dort erwartete er mich mit seiner Frau Sophie, die mir als Engländerin ein waschechtes English Breakfast mit Baked Beans, Spiegelei und Schinken zubereitete, und seinem sehr niedlichen sechsmonatigen Sohn Max, der schon eifrig und brav physikalische Aufgaben auf dem Fussboden zu lösen schien. Wenig später trudelten auch Christian und Sommertourneuling Steffen (mit einem funky rosa-hellgrünen Trikot) ein, und gut gestärkt trafen wir Claudia, Tobi und seinen Kumpel Felix kurz nach 10 am Brandenburger Tor. Die Welt ist übrigens so klein, dass die Frau, die Didi um ein Startfoto von uns bat, sich als die Frau seines Physiklehrers entpuppte.

Nach einer triumphalen Fahrt unter den Linden erreichten wir die B1 und nach 6 km verabschiedeten wir uns schon von Felix. Hinter Marzahn verliessen wir Berlin und wir rollten mit rund 24 km/h durch eichengesäumte Brandenburger Alleen - ein Schnitt, der im Vergleich zu den 20 km/h der sonstigen Touren erstmal eher schnell schien. Bei Krakauer und Kaffee an einer Feldküche bei km 45 verabschiedeten wir uns von Didi, der zurück nach Berlin fuhr (mit der S-Bahn, den Gegenwind tat er sich nicht an) - hiermit noch einmal herzliche Grüsse und Danke für das erste Tourfrühstück an die Lokomotive von Lörrach und den zweitbesten mir bekannten Bergfahrer der D/F-Brigade. Schon kurz nach 15 Uhr erreichten wir Küstrin-Kietz, das letzte Netz vorm polnischen Schlagbaum. Da dieser erstmal nicht den Eindruck eines grosszügigen touristischen Angebots machte, war es hier mit Kaffee und Kuchen genauso Pustekuchen wie mit der ersten und letzten Übernachtung auf deutschem Staatsgebiet, und wir überquerten die Oder und kurz danach die völlig unbewachte polnische Grenze. Dort kam ich mir vor wie in einer anderen Welt: Der bekannte osteuropäische Gasgeruch, 5 Hinweisschilder für die “billigsten Zigaretten Polens” und - saisonbedingt - Millionen (laut Internet tatsächlich 500 000 Zuschauer) von Hippies, die dem “Woodstock Festival” beigewohnt hatten. Wir beschlossen, bei einer Pause beim Tesco das weitere Vorgehen für den Tag zu beschliessen. Da Claudia die Arbeit als Ärztin rief, fuhr sie wie geplant mit dem Zug zurück nach Heidelberg, und wir entschieden uns, noch rund 20 Kilometer bei trockenem, aber wolkenverhangenem Himmel durch eine in seinem osteuropäisch-unfertigem morbiden Charme etwas an Slawonien erinnernde Siedlungskette mit leicht heruntergekommenen Häusern zu rollen. Das war nicht die schlechteste Wahl, denn wir fanden im 13 000-Einwohner-Städtchen Witnica bei km 115 noch ein Hotel im Ortskern, das zugleich auch einen Friseurstudio und einen Spielautomaten beheimatete, und durch eine bei der nächsten Berührung sicher herunterfallende Duschkonstruktion begeistern kann. Also besser keine Klimmzüge.

Unser Abendprogramm bestand aus einem zünftigen, erwartungsgemäss günstigen Abendessen mit Pizza, Piroggen, Schnitzel, mehreren Tyskie-Bieren und Wodka für rund 10 Euro pro Person in der einzigen Schankwirtschaft des Ortes. Zwar war die Kellnerin nur sporadisch verfügbar, trotzdem blieben keine Wünsche offen. Mit weiteren Bieren auf dem Zimmer vom 24-h-Shop kam sogar ein bisschen Anatolien-Express-2009-Feeling auf. Und hier wurde bereits deutlich, dass Tour-Neuling Steffen ein Garant für hochwertige Abendunterhaltung ist. “Lass mal ein bisschen Scheisse bauen, wenn wir schon in diesen Ländern sind”, lautet seine Parole für die nächsten drei Wochen. Beim Schreiben dieser Zeilen am “Morgen danach” fällt mir auf, wie früh es hier eigentlich hell wird: Es ist 7 Uhr morgen und die Sonne lacht sicher schon seit mehreren Stunden in unser Hotelfenster. Gut, dass der 24- h-Shop in seiner Funktion als 24-h-Shop auch nichtalkoholische Getränke für den Nachdurst verkauft, und die Blondinen dort sogar ihre hauptberufliche Rauchtätigkeit für eisteedurstige Kundschaft unterbrechen.

Christian: Durch Brandenburg ist der GND nach Polen gegurkt

Jetzt aber wirklich erster Tourtag. In Moabit treffen Steffen und ich nun auch auf den Navigator Jan, der mit dem Nachtzug anreiste und gefühlt 100 Brötchen mitbrachte, Didi, Sophie und den kleinen Max, dem Jan nach einer ersten Diagnose bescheinigte, einmal sehr intelligent zu werden. Das opulente Frühstück ließ keine Tourenradler-Wünsche offen und wenn wir nicht wüssten, dass Sophie Engländerin ist, dann hätte man es durchaus auch mit einem deutschen Grillabend verwechseln können. Didi beschloss in aus dem OkzidentExpress resultierendem Ehrgeiz und womöglich wegen einiger „offener Rechnungen“ im persönlichen Bereich aus eben dieser Zeit uns ein Stück aus Berlin heraus zu begleiten (beim Abtippen dieses Satzes möchte ich Missverständnissen und BILDReportern vorgreifen, die nun tatsächlich von zwischenmenschlichen Schwierigkeiten bei Sommertouren ausgehen könnten. So ist es keineswegs! Im Gegenteil: Wer die 2008er-Tour kennt weiß, dass bei der Jan-Didi – Kombi für genügend spaßige Mätzchen gesorgt ist).

Am Brandenburger Tor sollte es dann nun also hochoffiziell beginnen. Nach der üblichen Fotozeremonie, Aufkleber- und Startnummernverteilung ging es los. Die Aufgabe des Bürgermeisters, der feierlich den Startschuss gibt übernahm Felix, ein Kumpel von Tobi, der uns auch noch ein paar Highlights seiner Heimat Berlin zeigt, wie zum Beispiel die Weltzeituhr.

Bei Durchrollen von Brandenburg kommt mir dauernd Reinald Grebes gleichnamiger Song in den Kopf und eigentlich denke ich mit jedem weiteren Kilometer, dass er vielleicht doch nicht ganz unrecht hat. An einer Art eingezimmerten Gulaschkanone stoppen wir für die erste Rast des BaltEx und leider auch, um Didi wieder in Richtung Berlin zu verabschieden. Es geht weiter in Richtung Grenze und im Grenzort Küstrin, noch auf der deutschen Seite, stelle ich fest, dass ich mir einen Ort selten so falsch vorgestellt habe und bin froh, dass mich das Team nun nicht auf meine Ursprungsforderung, hier die erste Nacht zu verbringen, festnagelt. Auch Claudia, die den Grenzübertritt noch mit absolvierte und auch für den schmackhaften Aufenthalt auf dem Tesco- Parkplatz zu haben war, musste nun beidrehen, denn die Patienten in Heidelberg warteten bereits freudig auf sie.

Nach längerer Überlegung beschlossen wir aufgrund der Unmengen von Festivalbesuchern des wohl gerade zu Ende gegangenen Woodstock-Festivals, und weil uns Küstrin auch rechtsoderisch nicht sonderlich überzeugen vermochte, noch 20 Kilometer auf gut Glück weiter nach Witnica zu fahren. Mit „Der Ort hat eine in der Karte sichtbare Umgehungsstraße, also wird er bestimmt auch ein Hotel haben“ – Logik ließ sich schließlich auch Tobi von diesem Plan überzeugen. Und so war es dann auch: In Witnica baten wir im Hotel Lord eine reichlich unmotivierte Rezeptionisten an die abgedunkelte Rezeptionistinnentheke und ließen uns von ihr in zwei Zimmer einweisen. Man scheint sich hier insgesamt etwas mehr Zeit zu lassen, aber ob dieser Eindruck nun eine Blaupause auf ganz Polen sein soll, vermag ich an dieser Stelle noch nicht beurteilen.

Wir fanden im Ort um die Ecke einen 24h-Kiosk und eine Pizzeria, die unseren Hunger und Durst gut und günstig stillte. Das klare Denkvermögen haben wir im Laufe des Abends durch den Genuss geistiger Getränke übrigens auch nach und nach eingestellt, denn laut Steffen muss man sowas machen, wenn man schon in solchen Ländern ist. Zum Glück hat er bist jetzt noch niemanden niedergestreckt ☺

Bei Wikipedia entdecke ich gerade, dass die Stadt ihre Einwohnerzahl seit 2004 nahezu auf jetzt ca. 13.000 verdoppelt hat. Wo diese Einwohner alle sind hat sich uns ob der außerordentlich unquirligen Straßen allerdings nicht erschlossen.

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