2. Etappe, 08. August: Witnica - Gorzow Wielkopolski- Walcz

Distanz
138,64 km
Fahrzeit
5 h 57 min
Geschwindigkeit
23,31 km/h
Höhenmeter
802 m
Höchster Punkt
159 m NN
V max.
48,91 km/h

Jan: Danke für diesen Rückenwind

Ein gutes Frühstück, hier in der Regel mit Omelett oder Pfannkuchen, ist der Schlüssel für eine gute Etappe - auch wenn es manchmal etwas länger dauern kann, heute z.B. eine Stunde. Dafür durften wir über den Sinn von spanischen Wänden zwischen den einzelnen Frühstückstischen philosophieren, und nach dem bekannten Verhandlungsgeschick von Christian mussten wir wie gestern abgemacht sogar keinen extra Preis für dieses Zmorgen bezahlen. Für heute war zwar Gewitter angesagt, aber auf der angenehmen Nebenstrasse nach Gorzow Wlkp. schien zunächst einmal die Sonne. In dieser Grossstadt, die grösser war als gedacht, erwartete uns erstmal der Test für unsere Gepäckhalterungen auf einem Kopfsteinpflaster, das Erinnerungen an Paris-Roubaix weckte. Wir überlebten es ohne Schäden und rissen danach noch rund 40 km bis Strzelce Krajenskie ab, wo wir kurz vor 12 Uhr zur Supermarktpause (allen Kaffeeliebhabern sei der Eiskaffee vom Biedronka zu empfehlen) eintrafen. Durch Kiefern- und Birkenwälder und wellige Endmorändenlandschaften, vorbei an kleinen idyllischen Seen, arbeiteten wir uns schnell bis zur nächsten Verpflegungsmöglichkeit bei einem sympathischen Tante-Emma-Laden bei km 115 vor. Dort fing es dann erst an zu regnen, es sollte aber der einzige Regen des Tages bleiben. In Walcz lachte die Sonne, Tobi massierte Christian, und Steffen fasste den Plan, an diesem Marktplatz ein Cafe zu eröffnen, da es wieder keine sichtbare Möglichkeit für Kaffee und Kuchen fanden. Das einzige Hotel, das wir fanden, überraschte uns mit einem Vierbettzimmer unterm Dach, deutschsprachiger Rezeption, und Veluxfenstern, aus denen gerne mal auslüftende Hosen geweht werden (ich konnte sie als Affe aber wieder zurückerobern). In der Stadt fanden wir zwar die perfekte Location am See zum Biertrinken, nur leider waren diese Biergartenbänke überhaupt nicht bevölkert. So setzten wir uns auf die Hotelterrasse und wurden beim nun einsetzenden Starkregen vom Kellner “völlig korrekt” bedient, natürlich wieder mit Tyskie und Wodka, der laut Tobi immer “scheisse und ekelhaft” schmecken muss. Es bleibt zu hoffen, dass das Wetter morgen nicht diese Attribute verdient - wie dem auch sei, die Stimmung und Form im Team scheint perfekt. Christian drappiert mir sogar eine Wasserflasche auf einen Pass (was dieser Satz soll, ist mir beim Abtippen drei Wochen danach schleierhaft) und bringt Tobi ins Bett, wodurch dieser sich aber moquiert, dass er “die Stars tonight gar nicht angucken kann”. Wenn sonst nichts ist. Weitere Zitate:

“Ihr könnt nur Radfahren, alles andere findet ihr scheisse” (Steffen)
“Steffen, die Emotionen tanzen mit dir Mango” (Christian)
“Du wärst eigentlich auch voll der ideale Schwiegersohn, wenn du ein volkstümliches Duo aufmachen würdest” (Christian zu Tobi)

Christian: Raus aus der Grenzregion

Auf den Vatertag folgt der Katertag, den Jan mit einer in aller Herrgottsfrühe gekauften Eistee- Flasche vom 24h-Kiosk zu begegnen weiß. Merke: Ab heute wieder nur noch Bier in GNDSommertourüblichen Mengen am Abend. Aua!

Wir starten den Tag mit der Erkundung weiterer länderspezifischen Frühstücksgewohnheiten. Im Laufe der letzten Jahre konnten wir schon eruieren, dass Deutschland tatsächlich das leckerste Brot und die knusprigsten Brötchen hat, der Süden eher auf ein süßes Frühstück steht, die Marmeladeneimer im Osten immer größer werden und ich Croissants zum Frühstück eigentlich nicht brauche. Typisch für Polen scheint bei unserer ersten Stichprobe die Bestellung einer vordefinierten Frühstücksvariation zu sein, die einem unter enormen Zeitaufwand zwischen umfallgefährdeten spanischen Wänden serviert wird. Ansonsten können wir seit dem Start auch wieder vom an Unverschämtheit grenzenden Rückenwind berichten, von dem wir uns gen Osten pusten lassen. Die Straßen IN den Städten sind zumeist schlechter (sehr viel schlechter) als die außerhalb der Besiedlungskerne und die Landschaft ist irgendwie ganz nett.

Aber schon nach 1,5 Tagen bin ich dermaßen weit weg von zu Hause und vom Alltag – einfach geil! Hügelig ist es heute übrigens auch und so kann die vielleicht längste Etappe der Tour auch mit 800 Höhenmetern aufwarten, die so eher nicht im Prospekt standen, zumindest nicht in meinem. Gegen Ende zieht es sich dann tatsächlich wie Kaugummi, was wahrscheinlich den unglaublich schnurgerade verlaufenden Straßen zu Last zu legen ist. Der Donaudeich Bratislava – Wien lässt grüßen, nur anstatt Donau gibt es hier Wald. MP3-Player – Einsatz erscheint aber in beiden Fällen nützlich. Als Konsequenz fühlen sich meine Beine heute deutlich schwerer als normal an, aber trotzdem kann ich natürlich den Bach Ort genießen, besonders am Cafe-losen Marktplatz. Hier in Walcz gibt es nicht viele Herbergen, genauergesagt haben wir nur eine finden können. Diese aber überzeugt uns mit einer netten Rezeptionistin und einem riesigen 4er-Zimmer direkt unterm Dach, in dem man durch das Dachfenster besonders gut die „… die stars tonight angucken…“ könnte. Was wir heute sonst noch über Dachfenster gelernt haben ist, dass sie sich nur bedingt zum trocknen von Navigatorhosen eignen, gerade bei böig auffrischendem Wind.

Das Thema Wind ist eine mal wieder eine tolle Überleitung, denn wie vorhergesagt war es keine Frage ob der Starkregen kommt, sondern nur, wann er genau kommt. Er kommt Gold richtig, während wir unter einem riesigen Sonnenschirm auf der Terrasse unseres Hotel-Restaurants ein beachtenswertes Abendessen genießen. Perfekt! Und zu Tobis Überraschung schmeckt hier sogar der Wodka (leckerer Wodka ist in Tobis Gedankenwelt wohl so etwas wie ein einstöckiges Hochhaus oder als ob ich einen Halbmarathon unter 1h45 laufen würde). Natürlich haben wir auch den Ort selbst erkundet, sahen aber aus Ermangelung weiterer, Atmosphäre stiftender Gäste davon ab im von Steffen ausgewählten Bistro in richtig schöner Lage am See ein erstes Feierabendbier zu genießen.

Und damit gute Nacht für heute!

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