3. Etappe, 09. August: Walcz - Chojnice

Distanz
95,00 km
Fahrzeit
3 h 51 min
Geschwindigkeit
24,67 km/h
Höhenmeter
465 m
Höchster Punkt
192 m NN
V max.
53,32 km/h

Jan: Künstliches Verlangsamen durch Kartenspielen

Wir beginnen Polen langsam zu lieben, vor allem seinen Rückenwind. Heute morgen gab es sogar ein Frühstücksbuffet, was keine Wünschen offen liess, zumal wir auch nicht stundenlang auf irgendeine Servicekraft warten mussten. Danach blieb es weiter trocken, als uns der Südwestwind durch ewige Kiefern- und Birkenwälder auf teilweise übel spurrillengeschädigten Strassen blies. Ohne grossen Aufwand waren wir mit 25 km/h unterwegs, so dass wir erst bei km 68 eine grössere Pause einlegten, bei einem Kiosk, dessen Bedienung sogar etwas deutsch sprach. Und damit Willkommen in Pommern, einer windgepeitschen, von Getreidefeldern und verlassenen grossen Bauernhöfen geprägten Landschaft, die schon etwas wohlhabender wirkt als Westpolen.

Bei km 77 erreiten wir noch vor 14 Uhr Czluchow, einen Ort mit mehreren Seen, wo es mit rund 18°C zwar etwa zu kalt zum Schwimmen war, wir aber trotzdem die Zeit irgendwie totschlagen mussten, denn an die Ostsee wollten wir ja sowieso erst morgen. So spielten wir noch ca. 3 Stunden das von Steffen angespriesene Skat-Surrogat “Wizard”, das zwar erst einen schweren Stand bei uns hatte, sich aber für die gesamte Tour als perfekte Überbrückung genau solcher Momente entpuppen sollte. Denn so geil es auch ist, on the road zu sein - nicht der gesamte Raum und die gesamte Zeit zwischen Berlin und St. Petersburg ist voller Highlights.

Wir warteten in einem kleinen Strandcafé noch einen heftigen Regenschauer ab, tranken Kaffee und Tee und begaben uns nach einer dreistündigen Pause auf weitere 15 km mit heftigem Rückenrind bis Chojnice. Diese wirklich schöne 40 000-Einwohner-Stadt haben wir ins Herz geschlossen, hier gibt es belebte Kneipen, ein wirklich schönes Stadtbild, natürlcih wieder Piroggen, Pizza, Bier und Wodka zu Schleuderpreisen. Steffen kriegt sich bei den reizenden Polinnen hier kaum ein vor Begeisterung. Ausser vielleicht etwas wärmeren Badetemperaturen kann ich keine Verbesserungsvorschläge machen.

Christian: Seen, Wolkenbruch und eine neue Dusche

Der Tag startete mal wieder mit dem lustigen Spiel „Christian sucht den Fahrradschlossschlüssel“ und so nervig das auch immer ist bin ich mittlerweile von der Ruhe beseelt, den Schlüssel irgendwann irgendwo schon zu finden. So auch diesmal.

Mit abermaligem, tierischen Rückenwindwurden wir mit brachialer Kraft in Richtung unserer Zielortes geschoben – so muss sich ein E-Bike anfühlen. Bei einer Etappenlänge von „nur“ 90 km sprechen wir heute ohne mit der Wimper zu zucken von einer Halbetappe. Steffen erliegt dem Rausch der Geschwindigkeit vollends und nur die in Aussicht gestellt Wizzard-Session an einem lauschigen Platz am See können ihn stoppen. Wizzard, das ist keine windige Naturkatastrophe, sondern unser neues Lieblingsspiel, dass mit aufgedruckten Protagonisten aus der Phantasy- Schublade für kurzweilige Unterhaltung sorgt. So auch an diesem schön gelegenen Campingplatz in Czluchow, dessen Restaurantsaal nahezu museal an die sozialistische Moderne erinnerte und wo wir es tatsächlich schafften so lange zu spielen und türkischen Kaffee zu genießen (mindestens 3 Stunden), bis ein dicker Regenschauer aufzog und damit die Weiterfahrt in den nur noch 15 Kilometer entfernten Etappenort noch etwas verzögerte.

In Chojnice gewinnen wir direkt einen guten Eindruck der Stadt und bei mir kommt zum ersten Mal das persönliche Tourwort des Jahres 2011 in den Kopf: pittoresk. Direkt am schick aufgehübschten Marktplatz befindet sich das 2-Sterne Tourist-Hotel, unsere erste Wahl. Hier bietet man uns auch gerne 2 Zimmer an, allerdings können wir zunächst nur eins betreten, denn im anderen Zimmer gehen gerade noch die Bauarbeiter ein und aus. Kein Witz. Anscheinend wird das Hotel gerade komplett renoviert und mir wird die Ehre zuteil, das Bad im zweiten Zimmer einzuweihen (als wir ankamen lag die Duschkabine noch verpackt im Zimmer rum).

Auch der Rest des Abends verläuft friedlich und wir werden mit kulinarischen Höhenflügen verköstigt. Da kann ich es generös unter den Tisch fallen lassen, dass mein bestelltes Beilagengemüse nicht kam und dieser Posten auf der Rechnung auch bereits vorstorniert war, ohne dass ich darüber aber je mit der Kellnerin gesprochen habe. Zum Ausklang wählten wir (im zweiten Anlauf) eine hippe Keller-Dance-Kaschemme mit Techno-Sound und rauchiger Atmosphäre, um den Feierabendwodka einzunehmen. Tobis und mein Beschluss, uns noch ein Zimmerbier zu sichern, traf bei Steffen auf rege Begeisterung und somit sind die Brennstoffzellen nun wieder für eine weitere Rückenwindetappe morgen gefüllt.

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