4. Etappe, 10. August: Chojnice - Gdynia

Distanz
137,55 km
Fahrzeit
6 h 55 min
Geschwindigkeit
22,86 km/h
Höhenmeter
806 m
Höchster Punkt
285 m NN
V max.
56,53 km/h

Jan: Do widzenia, windswept hinterland

Nach einem weiteren sehr windigen und eher kühlen Tag im polnischen Hinterland haben wir nun die Ostsee erreicht. Das Hotel, in dem wir übernachtet haben, war so neu, dass in vielen Zimmern noch Handwerker am Gange waren, und es noch nicht einmal einen Frühstücksraum gab, und wir das opulente Morgenmahl mit dem türkisch-polnischen Kaffee sogar aufs Zimmer serviert bekamen und beim Blick auf fleissige Dachdecker einnahmen. Danach verliessen wir die Durchfahrsstrasse 22, die direkt nach Elblag führt, und bogen nordwärts auf eine kleinere Strasse Richtung Gdynia ab. Das erste Highlight dieser Fahrt bestand darin, dass Steffen seine Reifen an einer Tankstelle eher abpumpte. Wer ein running system changet, muss damit halt mit Handaufpumpen bestraft werden. Das zweite Highlight war ein Lkw, der Tobi überholte und dabei ein gegenüberliegendes Fahrzeug rammte und seine Ladung verlor. Der am Ganzen direkt eher unbeteiligte Tobi fuhr nach einer kurzen Kommunikation mit dem Lkw-Fahrer weiter. Ansonsten fahren die Polen übrigens sehr entspannt.

Bei km 57 legten wir an einer verhältnismässig riesigen Tankstelle in Winterkleidung die Pause mit den geschmierten Brötchen und Kaffee ein und erreichten in Korne die B20, im wesentlichen die Hauptverbindung von Stettin nach Gdynia. Hier nahm der Verkehr wieder deutlich zu, so dass die Einfahrt in die Ostseestadt Gdynia eher nervig war. Hier entschieden wir uns, zwar nicht die Zelte aufzuschlagen (vor allem, weil es viel zu windig war), aber doch zu übernachten. Nachdem wir nach 477 km vom Brandenburger Tor unsere treuen Räder an der Ostsee parkiert und das Meer auf uns hatten wirken lassen, konnte unseren Teamweisen und Übernachtungsbeauftragen das zweite Hotel mit “Rezeptionsengel” überzeugen - rund 62 Euro für ein Viererzimmer. Jetzt lacht sogar die Sonne in ebendieses hinein, wenn auch natürlich hinter typischen Baltex-Riesenwolken. Gut übrigens, dass wir nicht nach Südwesten fahren, denn das wäre bei diesem Wind wohl die Höchststrafe und ein gefühltes Fahren einer 5%- Steigung. Wer weiss, was da von unserem für Tourenrädern schon fast astronomischen 23er- Schnitt noch übrigbleiben würde.

Am Abend blieb es weiterhin trocken und kalt, wir genossen Fisch und Pasta sowie Softeis im recht grosszügig gestalteten Strandbereich, und gingen durch den kalten feinen Sand zurück an der Ostseepromenade. Morgen wollen wir nur 20 km nach Danzig, aber die nächste Etappe ist ja immer die schwerste.

Christian: Herbstlich an die Ostsee – wir sind wohlauf

In Aussicht gestellt hat uns heute der Navigator die vielleicht längste Etappe der Tour. Zumindest aber sollte es die bergigste werden und wir sollten uns später mit wissenschaftlicher Neugier fragen, wie ein solches Hügelland im Moränenumfeld wohl entstanden ist.

In unserem nigel-nagel-neuen Hotel gibt es das Frühstück nicht in einem schnöden Speisesaal, sondern wird stilecht in Tobis und meinem Zimmer serviert. Das ist eigentlich ganz pfiffig und bietet eine schnuckelige Atmosphäre, aber Kaffeejunkies wie Jan und ich schauen ob der genommenen Nachfüllmöglichkeit leider in die Röhre.

Wir fuhren los und bei noch krasserem Rückenwind (ich bin gespannt, wie oft ich das noch schreiben werde) schaute Tobi zwar nicht in die Röhre, dafür aber der Gefahr ins Auge bzw. einem Frosta- Laster in die gewaltsam geöffnete Ladefläche. Diese wurde bei einem missglückten Überholvorgang des LKWs leider vom Gegenverkehr touchiert. Der Adrenalinpegel schnellt bei sowas schlagartig in die Höhe, aber zum Glück ist wirklich außer dem Blechschaden nichts weiteres passiert und nach einer kurzen Wartezeit gab der Unfallfahrer grünes Licht für unsere Weiterfahrt. Die Freude, dass Tobi nichts passiert ist überwiegt, auch wenn mir der LKW-Fahrer schon leid tut, da er nun bestimmt einen ziemlichen Ärger am Hals hat – andererseits ist es auch sehr fahrlässig, mit einem LKW in einer Kurve und Senke überholen zu wollen. Der Wind heute ist übrigens kälter als in den letzten Tagen und gerade bei unserer großen Pause (GND-traditionell an einer Tankstelle) hätte man jede Jahreszeit vermuten können, nur nicht den Sommer (am undichten Tiefkühlwagen von vorhin wird es kaum liegen).

Wir ließen uns weiter nach Gdynia treiben und dort misstraute das Team zu Unrecht meinem Höhenmesser und ein innerstädtische 100 hm – Abfahrt brachte uns in die Hafenmetropole, der wir vor Sopot den Vorzug als Etappenort gaben. Eigentlich ist diese Stadt nicht sonderlich schön, es sieht eher aus wie in den 60ern aus dem Boden gestampft, aber ein spektakuläres Hochhaus, ein wirklich schöner Hafen und ein großer Strand bestätigen uns trotzdem in unserer Entscheidung. Das luxuriös angestaubte Hotel Orbis Gdynia (mit der unfreundlichen Rezeptionsschabracke) mochte uns weniger überzeugen als das sozialistisch persistierende Hotel „Dom Marynarza“, das etwas abseits der City liegt.

Der Strand hier ist sehr schick und ich denke mir, dass wir genau den richtigen Ort ausgewählt haben, um zum ersten Mal auf dieser Tour die Ostsee zu begrüßen. Wir dinieren in einer belebten Strandbar mit einem Alleinunterhalter draußen auf der Terrasse, ziehen es aber vor drinnen zu essen, weil die Temperaturen im Vergleich zur Mittagspause immer noch nicht maßgeblich besser geworden sind. Außerdem stellen wir fest, dass es in Polen wohl üblich ist, alle Speisen- und Getränkewünsche gleich zu Beginn direkt mit einem genauen Servierzeitplan zu äußern (ich weiß beim Abtippen gerade gar nicht mehr, was der genaue Anlass für diesen letzten Satz war).

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