7. Etappe, 13. August: Frombork - Kaliningrad

Distanz
74,4 km
Fahrzeit
3 h 34 min
Geschwindigkeit
20,88 km/h
Höhenmeter
361 m
Höchster Punkt
77 m NN
V max.
42,10 km/h

Jan: Back in the (supposedly) sunny USSR

Nun haben wir es auch mit dem Fahrrad nach Russland geschafft, und beim nachmittäglichen Schreiben dieser Zeilen im Hotel ist die Sonne erstmal zurück. Die ganze Nacht hatte es in Frombork noch hörbar geregnet, aber schon bei unserem Self-Catering-Frühstück hatten sich die Wolken verzogen. Von hier waren es noch 15 hügelige einsame letzte Kilometer durch Polen, auf denen uns ein paar andere Tourenradler (wahrscheinlich auch Deutsche) entgegenkamen, bevor uns ein kilometerlanger Grenzbereich erwartete. Erst lies man uns aus Polen ausreisen, dann übergab uns ein russischer Beamter eine Migrationskarte zum Auffüllen, 500 Meter später wurden dann die Visa und Pässe noch gescannt. Viel Verkehr war hier nicht, nur drei Autos mit deutschem Kennzeichen wollten noch nach Russland einreisen. Nachdem Christian noch unter der Aufsicht eines Zollbeamten sämtliche Lichtbilder der Grenzanlagen gelöscht hatte, waren gegen 11 Uhr die Grenzformalitäten abgeschlossen.

Hinter der Grenze folgten noch ca. 30 Kilometer durch Brachland aus dem Bilderbuch mit ein paar heruntergekommenen Datschen und Babuschkas mit Gurken, Kartoffeln und Pilzen am Strassenrand auf einer perfekt asphaltierten Strasse, von der man linker Hand ab und zu das Meer erblicken konnte, bis vor die Tore Kaliningrads. Dort trafen wir dann bald wieder auf ein brutales Kopfsteinplaster und fuhren durch ein bisschen chaotischen Stadtverkehr zu unserem Hotel, was sich ca. 3 km östlich des Stadtzentrums befand. Ohne Kenntnis der kyrillischen Schrift und des Russischen hätte man hier wahrscheinlich grosse Schwierigkeiten bei der Orientierung gehabt.

Wir checkten bei Nikolai, einem sehr freundlichen und perfekt deutsch sprechenden Russen ein. Gegen 15 Uhr, als wir das Hotel verlassen wollten, fing es dann heftig an zu regnen, wir mussten uns lange bei einer Tankstelle unterstellen, bevor wir in der - Lonely Planet hat wieder mal recht - ziemlich untouristischen Stadt in einem Irish Pub die ersten Rubel ausgaben. Anschliessend erreichten wir den zentralen “Platz des Sieges” (das, was in Spanien immer Plaza Mayor heissen würde) mit einer wunderschönen Kathedrale, und uns fiel ein “Zötler Brauhaus” auf. Zötler ist eine kleine Brauerei aus dem Allgäu, an der wir auf einer Ostertour dieses Jahres vorbeigekommen waren, und wir waren erstaunt, wieso Zötler ein Restaurant hier in Kaliningrad betreibt. Hier gab es Bedinungen im Dirndl, Masskrüge und natürlich Königsberger Klöpse, wenn auch nicht in Portionen für hungrige Radler. Nachdem Steffen erstmal noch nicht mutig genug war, Russinnen mit einem Russen am Nachbartisch anzusprechen, stellte Christian mit seinem unvergleichlichen Marktleitercharme die Verbindung her. Wir durften uns zu ihnen setzen und und es stellte sich hinaus, dass eine von ihnen perfekt Deutsch sprach, und der Russe selbst in Kiel promoviert hatte. Leider sprach die für Steffen wohl interessantere Sibirierin nur wenig deutsch, aber er hatte nach seinen Angaben trotzdem noch einen wunderschönen langen ersten Clubbing-Abend in Russland.

Christian: 1. Klasse in der 2. Welt

Ich melde mich hier live aus unserem Königsberger Hotel, während Jan im Bad gerade seine Socken föhnt und sich draußen ein ziemliches Gewitter zusammenbraut.

Unsere erste Prüfung heute war nach leichtem Einrollen von Fromburg der Grenzübertritt nach Russland „light“. Die großen Mützen der Grenzbeamten wirken bestimmt nicht Autoritätsmindernd (objektiv gesehen totaler Quatsch, ist aber so), sehen aber insgesamt auch recht witzig aus. Nachdem wir alles ausgefüllt hatten und nach Passage der ersten Vereinzelungsanlage zur eigentlichen Grenze durchgestellt wurden, machte ich unvorsichtigerweise ein Foto, welches mir alsbald zwei russische Grenzer zur Löschung unter Aufsicht vorschlugen.

Auch in Russland blieb es erstmal beim topographischen Auf und Ab, die Straße genügte weiter unseren Ansprüchen, aber die Felder am Strassenrand wirkten schon deutlich unbestellter als noch in Polen. In Königsberg selbst mischten sich plötzlich Passagen grausiger Straßenverhältnisse in Form von Kopfsteinpflaster, das über Jahrzehnte schwere Busse, LKWs und Straßenbahnen aushalten musste ohne renoviert zu werden, enormen Verkehr und einer Hauptstraßenkreuzung mit ausgefallener Ampelanlage dazwischen. Unser Navigator leistete dennoch unbeirrt ganze Arbeit und schon bald checkten wir beim deutschsprachigen Hotelier etwas abseits der City ein und freuen uns nun, dass die Zimmerausstattung hier etwas dicker aufträgt.

Das zu Beginn schon angekündigte Gewitter kam das auch tatsächlich mit Pauken und Trompeten und etwas unentschlossen warteten wir auf einem Tankstellengelände den heftigsten Regen ab, wurden aber als wir weiterzogen trotzdem noch ordentlich nass. Es macht weniger Spaß bei strömenden Regen und ohne einen einzigen Rubel in der Tasche eine Innenstadt zu suchen, die dann auch, bis auf die beeindruckende Kirche und eine große Shopping Mall, gar nicht so richtig überzeugen konnte. Dafür konnte uns aber das Brauhaus Zötler in ebenfalls zentraler Lage sehr beeindrucken, in dem mit Allgäuer Bier (an exakt dieser Brauerei sind Jan und ich beim AlpEx reloaded vorbeigeradelt) und Musik von Heino urdeutsche Stimmung verbreitet wurde, was gerade in Kaliningrad schon etwas seltsam anmutet. Um Brücken der Kultur zu schlagen habe ich hier selbstverständlich Königsberger Klopse gegessen, bevor ich quasi im Auftrag für den, durch reichlich coole Aussichten und geistige Getränke aphrotisierten Steffen den Nachbartisch auf uns aufmerksam machte. Eine Gruppe russischer Studentinnen und Studierter, die teilweise Deutsch sprachen und ziemlich cool drauf waren („Hey, wenn man an einen Tisch eingeladen wird, dann überlegt man nicht sondern kommt“). Nachdem sich unsere ersten russischen Anbandelungen in den Feierabend verabschiedet haben, überzeugt Steffen Tobi noch von einer weiteren Clubbing-Session und Jan mich von einem Tagesabschlusseis auf dem Nachhauseweg. Russland, wir sind da!

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