9. Etappe, 15. August: Nida - Klaipeda - Plunge

Distanz
131,74 km
Fahrzeit
5 h 46 min
Geschwindigkeit
22,86 km/h
Höhenmeter
538 m
Höchster Punkt
125 m NN
V max.
54,72 km/h

Jan: Litauisches Kilometerfressen von Oase zu Oase

Gegen Litauen gibt es bislang wenig einzuwenden. Soeben haben wir unsere einzige komplett litauische Etappe absolviert. Sie begann mit Frühstück in der Sonne auf dem perfekt ausgestatteten Campingplatz in Nida, und einem auch nicht weniger üblen Radweg durch die Dünen bis ans Ende der Kurischen Nehrung, völlig abseits der Strasse, die 4 km kürzer als der Radweg (50 statt 54 km bis zur Fähre) gewesen wäre. Am Ende erwartete uns eine kostenlose Fähre ins erstaunlich wenig aufregende Klaipeda (Memel). Dort stärkten wir uns noch beim iki-Supermarkt mitten an der Strasse, die laut Lonely Planet das Zentrum der Altstadt darstellt.

Kurz nach 13.30 Uhr Ortszeit machten wir uns dann auf den Weg ins Hinterland. Das bedeutete zunächst 26 km wieder mal mit starkem Rückenwind bis Kretinga, dann weitere 40 km im Schnelltempo auf einem bundesstrassenähnlichen Highway mit 30er-Schnitt durch eine wenig spektakuläre Landschaft, die auch in Dänemark, Polen oder Niedersachsen hätte sein können, bis vor die Tore Plunge, dem einzigen Flecken weit und breit in dieser litauischen Prärie. Bei der Abzweigung in die 40 000-Einwohner-Stadt traf dann nach 23 Minuten auf Tobi mit seinem Weltumradlungsgepäck (er kann das Rad nach eigenen Angaben bepackt keine Treppe heruntertragen) ein.

Plunge liegt ca. 2 km südlich der litauischen West-Ost-Magistrale und begrüsst seine Gäste mit einem riesigen Kornspeicher (so der Tipp von Steffen) und einem ca. zehn Minuten lang völlig blockierten Bahnübergang (wir wussten auch nicht warum, vielleicht war es ein Rangiermanöver). Jedenfalls machten Steffen, Christian und ich es wie die Einheimnischen und schoben unsere Räder um den Zug herum, die Bahnübergangsgouvernante schien das nicht zu stören, sie reagierte typisch baltisch, nämlich gar nicht. Im “Stadtzentrum” trafen wir dann auch Tobi wieder und fanden sogar ein Hotel. Dort wollte man weder englisch noch russisch sprechen, geschweige denn, uns verschwitzte Radler aufnehmen (dass es wirklich ausgebucht war, konnten wir nicht wirklich glauben), so dass wir uns weiter auf die Suche begaben. An einer Tankstelle beschrieben uns zwei hilfsbereite Plungäer unabhängig voneinander den Weg zum Hotel “Oaze” 3 km ausserhalb der Stadt, was sich für uns tatsächlich als Oase erweisen sollte. Also ist es auch am 9. Tag Pustekuchen mit wild Zelten, was aber angesichts des mittlerweile wieder völlig wolkenverhangenen Himmels auch kein Beinbruch ist. Bei dieser Sommertour besteht grundsätzlich immer ein Regenrisiko. Im Hotelrestaurant lernten wir noch Matthias, einen Vertriebsleiter für Wasserfilter aus Buxtehude, kennen, der nun schon mit der zweiten Estin verheiratet war - wir hoffen, dass wir ihn mit unserem für uns jedenfalls sehr lustigen Wodka&Wizard-Biathlon in dem dreieckigen Hotelzimmer mit dem Hotelwodka akustisch nicht allzu sehr belästigt haben. Jedenfalls hat er herrlich norddeutsch reagiert.

Christian: Des Baltikums Kornkammer

Zelten ist anders, eigentlich ist Zelten mehr Sommertour. Und diesmal hat es tatsächlich auch nicht geregnet. Daher kann man heute Morgen mit Fug und Recht behaupten, dass wir unsere Zelte abbrechen und aufbrechen in einen neuen Tag. Für mich ist es was besonderes, da nun zum ersten mal ich offiziell für den Abbau des Zeltes, dessen Trocknung, Verpackung und Transport zuständig bin (wir erinnern uns: Nach einer verlorenen Wette gegen Jan ist das diese Tour meine Aufgabe). Den ursprünglichen Plan, in Nida einen Supermarkt aufzusuchen, um dort zu frühstücken verwerfen wir und genehmigen uns ein „richtiges Frühstück“ im Campingplatzcafé.

Querdünenein absolvieren wir so gestärkt den zweiten Teil der kurischen Nehrung und werden anstatt über die Hauptstraße nun über einen gut ausgebauten Radweg geleitet, ohne lästige Autos, dafür aber durch herrliche Dünen und Kiefernwälder. Weil die Nehrung an ihrem Ende keine direkte Verbindung zum Land hat, nutzen wir die zweite Gratisfähre des BaltEx, um nach Memel, heute Klaipeda zu gelangen. Es ist faszinierend, dass sich Deutschland bis vor nicht allzu langer Zeit bis hier her erstreckte. Aber bis auf ein Gebäude in Form eines „K“s und einen Supermarkt in der Kopfsteinpflasterinnenstadt ist der Ort wenig spektakulär und alsbald reiten wir weiter im Wind durch das litauische Hinterland, vorbei an riesigen Kornspeichern, bis uns ein Bahnübergang jäh stoppt. Die Schranken sind geschlossen und auch auf den Zug brauchen wir nicht zu warten, denn er steht bereits mitten drauf. Und genau da legt auch das Problem, nämlich dass der Zug steht und erstmal keine Anstalten macht, sich wieder in Bewegung zu setzen. Wir beschließen es den Einheimischen gleich zu tun und schieben / tragen unsere Fahrräder über die Gleise durch das Schotterbett, umrunden nach kurzer, non-verbaler Kommunikation mit dem Lokführer die Lokomotive und stehen im Handumdrehen auf der anderen Seite des Bahnübergangs. Tobi, der sich mittlerweile schon den Spitznamen „Securitator“ eingefangen hat, wählt die Alternative eines anderen, hoffentlich geöffneten Bahnübergangs, den er irgendwo vermutet und sucht.

Plunge setzt in der Stadtentwicklung nicht auf die Karte Tourismus und im einzigen, mit Teppich tapezierten Wänden, verweigert die Bedienstete Tobi und mir sowohl die Kommunikation auf dem kgV einer (Fremd-)Sprache als auch die Übernachtungsmöglichkeit. Angeblich sei es ausgebucht, aber das ist bisher einer der größten Bären, die man mir wahrscheinlich dieses Jahr aufbinden wollte. Trotzdem war nun erstmal guter Rad teuer und ich steuere eine Tankstelle an, bei der ich mir Kontakt zu Menschen erhoffe, die uns irgendwie weiterhelfen können. Und so war es dann auch, wir werden an das Motel Oase verwiesen, das zwar ein bißchen außerhalb liegt, aber gar nicht schlimm ist. Hier bekommen wir nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch noch etwas zu essen.

Seitenanfang