12. Etappe, 18. August: Riga - Saulkrasti - Svetciems

Distanz
96,54 km
Fahrzeit
3 h 56 min
Geschwindigkeit
24,50 km/h
Höhenmeter
197 m
Höchster Punkt
43 m NN
V max.
38,89 km/h

Jan: Vier Fahrer, vier Elemente

Kurz vor 10 schaffte es dann auch Steffen zum Hostel-Frühstück aus dem Bett. Wir trugen unsere Räder aus dem 6. Stock abwärts und verliessen Riga auf einem sehr ausgebauten Radweg. Übrigens ist auch die Fahrradgeschäftdichte hier so hoch wie nirgendswo zwischen Berlin und St. Petersburg. Hinter einem Kanal am Ostende der Stadt und dem Autobahnkreuz nach ca. 14 km begann der Highway Richtung Tallinn nach Norden. Der Schwerlastverkehr liess dann irgendwann auch nach, der übliche Schiebewind stellte sich ein, Berge waren sowieso keine da, dafür Sonne, so dass diese ganze Fahrt unglaublich entspannend und meditativ wurde, wie man sich das von Sommertouren wünscht.

Schnell hatten wir den Ort Saulkrasti abseits der Autobahn erreicht, dessen Datschen sich 17 km lang wie eine Perlenkette an einer Nebenstrasse entlangziehen. Die Bänke neben dem Supermarkt gehörten zwar zu einem Café, aber für eine halbe Stunde lang schien das die Bedienung nicht zu stören, bevor sie uns die Speisekarte brachte. Mit der Bestellung eines Kaffees für Christians Tagespensum konnten wir sie aber milde stimmen.

Die Nachmittagsfahrt führte uns schon an einigen traumhaften Stränden hinter Kiefernund Birkenwäldern vorbei, und bei km 96 bogen wir zu einem Campingplatz ander Küste ab. Sogleich kam ein freundlicher Jungspund auf dem Fahrrad daher, verlangte 2 Lats pro Person - die billigste Übernachtung bislang - und bot auch noch einen Sack Brennholz für den selben Preis an. Das klang nach einem guten Angebot, und wir schlugen an einer perfekten Stelle unsere Zelte auf. Die direkt anliegende Ostsee war angenehm temperiert fürs Baden, und ca. 1 km hinter der Küste erreichten wir sogar einen Punkt, wo 2-Meter-Tobi nicht mehr stehen konnte.

Unsere letzten Lats hauten wir bei Soljanka und Aldaris-Bier in einem sehr modernen Restaurant auf den Kopf, an das Bungalos angrenzten, und Kleinkinder mit unglaublichen Basketball-Trefferquoten begeisterten. Ingesamt ist das ganze Ambiente hier für mich sehr in der skandinavisch-heile-Welt-Schublade. Nach den von Wolken leicht verhangenen Sonnenuntergang am Strand machten wir noch das erste offene Feuer unserer Sommertour-Karriere und experimentelle Fotos mit langer Belichtungsdauer. Das ist wohl “die Unbefangenheit, die das Campingleben ausmacht”, von denen die Deutschen 2006 in Plitvice sprachen.

Christian: Shootings in Prachtumgebung

Kurzweilig war es in Riga, kurzweilig ist eigentlich auch die ganze Tour. Es kommt mir vor, als wären wir schon ewig unterwegs und sehr gerne würde ich das auch gerade mit den Jungs sein. Schade, dass wir nur noch zweimal drei Radeltage vor uns haben, cool dass wir gerade erstmal gesamt bei der Hälfte der Zeit sind.

Wir schmieren uns in der Hostelküche ein paar Stullen und trinken Kaffee, wozu wir uns ausgiebig Zeit lassen können, denn Steffen braucht noch die ein oder andere weitere Schlafminute, die wir ihm generös gewähren. Doch schon bald sitzen wir alle wieder voll bepackt im Sattel und nehmen Kurs auf die nächste Aufgabe: Tallinn. Dazu werden wir zunächst radfahrfreundlich aus der Stadt hinausgeführt, um dann wieder inmitten einer schönen Naturkulisse über Land zu rollen. Die Ostsee ist zwar nicht immer zu sehen, aber unser Weg führt mehr oder weniger parallel an der Küste entlang und unverhofft eröffnet sich immer mal wieder ein schöner Blick auf idyllische Sandstrände. Bei Sonnenschein freuen wir uns auf eine rustikale Supermarktpause, hier im Baltikum besorgt Steffen dazu immer die leckeren, einzelverschweißten Würstchen, die ihm am Anfang noch Kopfzerbrechen bereitet haben. Wir nehmen auf den Möbeln der vereinsamten Außengastronomie platz und hier zeigt sich, dass man manchmal einfach nur die nötige Geduld mitbringen muss, um bedient zu werden. In unserem Fall hieß das, dass uns während der Wiederaufbruchstimmung und bereits gefüllten Energiereserven eine Speisekarte nach draußen gebracht wurde, mit dem Verweis, dort eigentlich nichts eigenes verzehren zu dürfen. Aus Deeskalationsgründen bestelle ich einfach mal einen Kaffee, was wohl ausreicht, um die Diskussion im Keim zu ersticken (das wäre ungefähr so, als würde man in Deutschland in einer Eisdiele Nogger und eine Fürst-Pückler-Rolle auspacken und den Wirt 30 Minuten später mit der Bestellung eines Pinocchiobechers beruhigen).

Ein wirkliches Ziel haben wir an diesem Tag nicht. Wir beschließen irgendwann, dass wir die nächste sich bietende Bleibe aufsuchen wollen und gelangen an einen Abzweig, der einen Campingplatz ankündigt. Über eine deutlich schlechtere Straße fahren wir in Richtung Meer und stehen plötzlich in einer Lichtung im Wald, an der wir ein paar Campingmobile, Plumsklohäuschen und Wasserhähne vorfinden. Schnell ist uns ein lettischer Jugendlicher hinterhergeradelt und bietet uns an, hier zum Preis von nur zwei lettischen GE unsere Zelte aufschlagen zu dürfen. Ebenso fragt er uns, ob er uns Feuerholz bringen soll und wenn ja, ob es ein kleines oder ein großes Feuer werden soll. Wir bejahen und wählen das normale Feuer, so dass wir umgehend einen Sack zugeschnittenen Brennholzes bekommen. Unbeschreiblich, fast wie wild zelten, aber mit Toilettenmöglichkeit, fließendem Wasser, rustikalen Bänken, nur 100 Metern an die Ostsee und später einem Lagerfeuer. Für einen Moment denke ich mir, wer das hier nicht so erlebt, der hat in seinem Leben was verpasst.

Nach einem Bad in der wieder mal tellerflachen Ostsee und diversen Sprung-Kunstfotoaufnahmen suchen wir das in Richtung Straße gelegende Restaurant im Landhausstil auf und schlagen uns mal wieder den Bauch voll. Das scheint hier eine Art Familienferienpark zu sein, denn es gibt noch diverse Bungalows und Spielmöglichkeiten für den Nachwuchs, unter anderem eine große Schaukel und einen Basketballplatz. Die Rechnung dürfen wir in einer Mixtur aus lettischen Geldeinheiten und Euro bezahlen, so passt dann am Ende auch alles. Für uns geht der Abend jetzt aber erst richtig los und mit der Dämmerung entzünden wir das Lagerfeuer, konstruieren uns mittel Wäscheleine, Taschenlampe und Baum eine Tischlampe, um dort Wizzard spielen und Wodka trinken zu können. Dazu servieren wir stilecht Brotscheiben mit Razas Nutella vom Southside. Mein neues Lieblingsglas ist btw. der wohlgeformte Nescafe-Cappuccino-Becher. Den Abend an dieser idealen Kulisse krönen wir mit GND-Lightdrawing im nächtlichen Himmel und ich denke, jedem werden gleich freudig die Augen zufallen. Bis morgen!

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