14. Etappe, 20. August: Pärnu - Tallinn

Distanz
131,89 km
Fahrzeit
6 h 00 min
Geschwindigkeit
22,01 km/h
Höhenmeter
235 m
Höchster Punkt
69 m NN
V max.
37,28 km/h

Jan: Wiedergewöhnung an Regen

Vor die Ruhetage in Tallinn hat der liebe Gott noch einmal die bislang härteste Etappe dieser Sommertour gesetzt. Das lag nicht an etwaigen Bergen, auch wenn Christians Höhenmesser luftdruckbedingt zwischen 165 und -46 Metern über dem Meer anzeigte, sondern an einem völlig verregneten Vormittag, der mit orkanartigem Seiten- bis Gegenwind einherging.

Nach einem Frühstück mit Fisch auf dem Campingplatz rissen wir die ersten 65 km zur Halbzeit am Stück ab und fuhren am estischen Nationalfeiertag (Flaggen wehten überall) bis zu einer Tankstelle, wo Christian seinen gefallen an Audis äusserte und ich mit einem estischen Ehepaar ins Gespräch kam, das eine Wette am Laufen hatte, ob wir Holländer oder Deutsche waren. Dahinter wichen die Regen- Schönwetterfolken und wir fuhren nun auch mit Tobi in der Gruppe bis vor die Tore Tallinns. Dei Einfahrt war von der Sequenz Industriegebiet/ Plattenbauten/Villen/Gewerbegebiet/Altstadt gezeichnet. Nach fast 6 Stunden (längste Fahrtzeit bislang) erreichten wir die erstaunliche wunderschöne restaurierte Innenstadt.

Unser Hostel scheint gut ausgelastet zu sein - von angeblich 75 Gästen kamen in den 10 Minuten, in denen wir draussen auf den Übernachtungsmanager Christian warteten, ca. 20 zur Tür hinein oder hinaus. Unsere Fahrräder dürfen wir im Hinterhof abstellen, und wir haben ein Viererzimmer, durch das man eine Wäscheleine fürs dringend benötigte Trocknen der Zelte und Wäsche spannen kann. Tobis Bett ist beim blossen Draufsetzen schon durchgekracht, naja, das Alleredelste ist das hier nicht, aber man hält es für drei Tage aus.

Nach einem Stadtrundgang, bei dem es viele schöne Ecken zu entdecken gab, landeten wir noch in einem estischen Restaurant mit eher gehobenen Preisen, aber man is(s)t ja vielleicht nur einmal in Tallinn, und warum dann nicht gemütlich am Marktplatz sitzen. Wenigstens kommen die Kellner und Kellnerinnen hier fast im Minutentakt. Noch etwas, was man aus Deutschland eher weniger kennt: Das Essen wird hier unverzüglich nach dem Verschlingen des letzten Bissens abgeräumt, egal, ob jemand am Tisch noch mittendrin ist.

Christian: Damit man gutes Wetter besser schätzt

Das am Vortag ins Handydisplay georderte Wetteronline ließ für diesen Tag bestimmt kein gutes Wetter vorrausahnen und so sollte es dann auch kommen. Regen prasselte seit dem frühen Morgen auf unser Zelt. Ich mag das eigentlich, denn das macht die Übernachtung ein Stück aufregender, solange das Zelt dicht hält. Das hat es glücklicherweise auch und nachdem ich in der trockenen Enge des Zeltes meine Sachen eingepackt habe mache ich mich auf in Richtung Speisesaal, in dessen Nähe sich Jan schon einen Internet-PC gesichert hat und von wohl weiter verregneten Morgenstunden zu berichten weiß. Wir beschließen uns damit nicht ins Boxhorn jagen zu lassen, genehmigen uns noch das schöne Frühstücksbuffet im Trockenen, packen uns anschließen dicht ein und radeln los. Ein riesiger Spaß ist das sicher nicht, aber es passt schon. Leider reißt das Feld erst auseinander und wenig später auch die Regenwolken ebenfalls, so dass wir zwar wieder trocknend, aber erstmal ohne Tobi bis zu einer großen Tankstellenrastanlage auf ungefähr der Streckenhälfte auf ihn warteten. Auch Steffen schien den Pausenort nun schnell erreichen zu wollen und zog das Tempo deutlich an, was Jan aber aus Rücksicht auf mich nicht mitging. Ich versuchte mich zumindest durch Übernahme der Windschattenspenderrolle dafür zu revanchieren. Genau, „Windschattenspender“ – heute schreiben wir den ersten Tourtag, an dem der Wind nicht von hinten weht, sondern meistens schräg und böig von vorne.

Wärend ich mich noch über den russischen LKW wunderte, der mehrere LKW-Führerhäuser transportierte, traf alsbald auch Tobi ein und nach ein paar stärkenden Getränken und Schnittchen nahmen wir den zweiten Teil nach Tallinn in Angriff, der nun trocken, aber auch weiterhin windgeplagt blieb. Gerade im Kolonnenbetrieb auf dem Velo erweisen sich estnische Bushaltestellen bauartbedingt als Unfallrisiko für Radfahrer, ist aber soweit alles gut gegangen. Nach einer wirklich langen Einfahrt in die City präsentiert sich diese sehr gut besucht und mitteleuropäisch herausgeputzt. Ich glaube umso mehr, dass es sinnvoll war hier das Hostel vorgebucht zu haben, als wir an der ersten Adresse auf eine zweite Dependance, ebenfalls in der Altstadt verwiesen werden, wo es zugeht wie in einem Taubenschlag. Die Gruppe vor mir an der Rezeption wirkte zu recht sehr verärgert, da sie wohl auch reserviert haben, was aber technisch nicht im Hostel angekommen ist. Meine Anspannung wuchs, jedoch zu Unrecht, denn nach 20 Minuten wusste ich, dass bei uns alles funktioniert hatte. Wir durften die Räder im Raucherhof parken und bezogen unser zweckmäßiges Zimmer. Nachdem Tobi sein Lattenrost erfolglos einem Stresstest (tat wohl empfindlich weh) unterzog spannte er die Wäscheleine quer durchs Zimmer. Gut, dass wir hier drei Tage verbringen, denn die werden ich auch brauchen, alle meine Sachen inkl. Zelt wieder trocken sind. Dementsprechend ist nun auch die Geruchskulisse bei uns, gut dass wir hier nur unter uns sind.

Wir schicken uns an, Tallinn erstmal grob vorzuerkunden, wollen nach der heute aber wirklich kräftezehrenden Etappe auch recht schnell einfach nur sitzen, essen und ein Bier testen. Tallinn ist eine sehr schöne und belebte Stadt, die Orientierung fällt mir aufgrund einiger verwinkelter Gassen nicht leicht. Am zentralen Rathausplatz werben gleich mehrere Restaurants freundlich Gäste an und wir lassen uns von „Traditional Estonian food“ rumkriegen. Wie erwartet zwar ein bißchen teurer, aber dafür lecker, reichlich und mega entspannend. Beim Rückweg zum Hostel baldovern wir schon einmal die Fährbedingungen am Hafen aus, der leider kurz vor unserer Ankunft schloss und zurück im Hostel-Gemeinschaftsraum erfahren wir, dass auch vermeintliche Globetrotter nervig rumpalavern können. So liege ich nun im Bett und sage gute Nacht. Morgen geht es nach Helsinki.

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