15. Etappe, 23. August: Tallin - Kohtla-Järve - Johvi

Distanz
169,46 km
Fahrzeit
7 h 01 min
Geschwindigkeit
24,13 km/h
Höhenmeter
355 m
Höchster Punkt
77 m NN
V max.
37,49 km/h

Jan: Die Sommertour 2011 - jetzt mit noch mehr Fahrerinnen, Action, km und Regen

Endlich wieder auf der Strasse nach zwei Ruhetagen. Und obwohl das Etappenprofil das Gegenteil vermuten liess, hatte es die heutige Etappe in sich, wohl auch dank des Bambiroschka und Spaghetti-Boosters von gestern. Um 8 Uhr wollten wir wie mit dem Hostelpersonal abgemacht unser Frühstück einnehmen, doch die etwas lethargische Crew war gerade erst am Aufbauen. So lernten wir noch einen ganz pfiffigen jungen Holländer kennen, der in Syrien unterwegs war, und etwas mehr als das übliche Hostel-Traveller-Bla-Bla zu erzählen hatte. Christian unterstellte ihm eine etwas krude Ansicht über die Atompolitik. Wie dem auch sein, gegen 9 Uhr verliessen wir Estlands Hauptstadt durch eine ewig lange Baustelle und ein düsteres Schwerindustriegebiet. Die E67 (übrigens Prag - Helsinki) wurde darauf hin zu unserem Highway, und wir rollten wieder mit mehr als 25 Sachen nach Osten, und zur Pause an der traditionellen 42-km-Marke mussten wir uns fast schon zwingen - anstrengend war es bis hierhin kaum. Mit Sandwichs gestärkt, ging es nun in den ersten von ich glaube sechs heftigen Regenschauern (von denen von den sogenannten Experten bei Wetteronline kein einziger vorausgesagt war) am heutigen Tag. Die restliche Etappe war ein endloses An und Aus der Regenkleidung, die irgendwann sowieso bei uns allen durchnässt war. Sogar die Überschuhe hatten bei mir das erste Mal ihre Funktion nicht ganz erfüllt. Dafür hatten wir die ganze Zeit einen veritablen Rückenwind, so dass wir durch das nodestische Niemandsland schnell Kilometer frassen.

Bald wichen die Birken- und Nadelwälder Acker- und Brachland, und als Highlight der Etappe verblüffte Christian mit einem unvermittelten Sturz auf die Fahrbahn. Zum Glück ist dabei nicht viel passiert, sogar die Regenhose blieb unversehrt. Ich stürzte dahinter wohl deshalb nicht, weil ich keinen Helm aufhatte, und zum Glück war das erste Auto, das die Unfallstelle erreichte, auch kein heissgemachter Sportwagen mit überhöhter Geschwindigkeit (von dieser Sorte gibt es hier eh kaum welche), sondern ein Fahrzeug mit zwei älteren Damen warten, die geduldig warteten, bis der Teamweise den Inhalt seiner Krimskrams- Lenkerbox wieder eingesammelt hatte. Im einzigen Ort der Etappe bei km 160, Kohtla-Järve, laut Wikipedia spektakuläres Zentrum des Abbaus von Ölschiefer, fanden wir ein Hotel, was aber irgendwie doch keins war, und dort, wo eins sein sollte, war auch keins, so dass die Fahrt mit der Überlänge noch bis Johvi fortsetzten, ein Ort, der zwar viel kleiner ist, aber nicht ganz so ausgestorben wirkt wie Kohtla-Järve mit seinen Kummerhäufen. St. Petersburg ist noch 180 und die russische Grenze 50 km entfernt.

Wir fanden noch ein Hotel, in dem man zu fünft im Dreierzimmer schlafen konnte, und sind so durchnässt, dass die Zahlungsbereitschaft sicher einiges höher als die 77 Euro insgesamt gewesen wäre. Leider wurden wir nicht fündig auf der Suche nach einem original estischen Restaurant und landeten nach einem wenig spektakulären Stadtrundgang wieder in der gut besuchten Kneipe unter unserem Hotel. Leider gab es dort nach 20.30 nichts mehr zu essen (das sollte man mal Spaniern erzählen), und der Lance des Tages geht an die Russin Marina, die uns noch den Weg in ein etwas abseits gelegenes Asien-Restaurant wies, wo wir eventuell mit dem besten Service der Tour noch bedient wurden - ein schönes Ende einer erstaunlich aufregenden Etappe. Regen macht glaube ich auch albern, meine Homies albern jedenfalls rum.

*Grüsse aus A. Le Coq Country: Christian: “Heineken”. Kellnerin: “A Le Coq?”

Christian: Survival of the fittest. Alle wohlauf nahe der EU-Außengrenze

OK, return back on the street. Nach etwas holprigem Frühstück im Hostel, bei dem es schön wäre, wenn die Crew das Anrichten des Frühstücks ähnlich gewissenhaft durchgeführt hätte wie das Eintreiben der Bezahlung lernen wir einen sehr aufgestellten, jungen Niederländer, der mit einer diskutablen, aber gefestigten Meinung von seinen Traveller-Erfahrungen berichtet. Cooler Typ.

Wieder auf der Straße zeigt sich Tallinn von seiner Industrieseite und der Himmel lässt uns in dem Glauben, gerade mit aller erster Sahne an einem dicken Schauer vorbeizuradeln. Claudia merkt man das fehlende Teilstück seit Küstrin nicht an, schließlich ist sie auch schon GND-erprobt und deshalb gelangen wir wieder in kurzer Zeit an unseren ersten Tankstellenstopp irgendwo im nirgendwo. Unser Plan ist heute Kilometer zu fressen und das gelingt uns auch souverän. Daran kann auch die Regenwand nichts ändern, in die wir auf einer mal wieder kilometerlangen, schnurgerade Straße blicken. Faszinierend, man fuhr im trockenen konnte aber die messerscharfe Regenlinie genau erkennen. Dieser Regen stand so nicht im Prospekt und wir zögern lange, bis wir die Regenklamotten nun doch auspacken, um dieses vermutlich kurze Schauer-Stelldichein zu durchqueren. Es macht im Übrigen manchmal Spaß, komplett eingepackt durch Starkregen zu sausen, so auch diesmal, zumindest am Anfang. Nun sollte sich dieser Schauer aber al sehr zäh und lange erweisen und auch nicht der einzige des Tages bleiben, so dass wir heute unterm Strich den nassesten Tag bisher erlebten. Auf Dauer ist das dann doch schon nervig, daran ändert auch die Erwartung, einen echt Elch zu sehen nichts, der auf Schildern ständig angekündigt wird. Zu allem Überfluss lege ich noch eine eiskalte Bruchlandung hin. Ein aufkommender Hungerast lässt mich etwas unkonzentriert in Tobis Gepäcktaschen fahren und anschließend in einer engen 180°-Kurve auf die Straße stürzen. Es ist ein krasses Gefühl, hinter sich dabei Autos zu hören und auch zu wissen, wie eng und schnell hier oft LKWs unterwegs sind. Zum Glück ist aber alles gut gegangen und bis auf meine Lenkertasche hat nichts Schaden genommen. Einfach nur Glück gehabt. An dieser Stelle auch ein großes Dankeschön an die anderen Teammitglieder, die sich bestens mit Worten, Schokolade, Aufräumhilfe, Worten und allem anderen unterstüzt haben. Ihr seid echt die Größten, Danke! Damit wir die Stelle auch nicht vergessen, sie befindet sich 59°26’09,17 N / 26°42’54,21 O

Weitere Zwischenfälle gab es glücklicherweise nicht zu verzeichnen und gemäß unserem Plan rollten wir auch was das Zeug hält bis in einen Ort ca. 10 Kilometer von hier, wo wir eigentlich unsere Unterkunft festmachen wollten. Aber in dem ersten und wohl auch einzigen Hotel am Platze sah man sich nicht imstande, uns Zimmer anbieten zu können (wirkte alles etwas dubios: unten war ein Cafe und eine Spielhölle, oben drüber eine Art Stundenhotel) und verwies uns, sogar mit Anfahrtskizze auf ein weiteres angebliches Hotel gleich um die Ecke. Eine unabhängige Passantin verwies uns ebenso dorthin, doch auch nach zehn Runden um das entsprechende Haus (es war definitiv das richtige, dafür war die ebenfalls dort befindliche Postfiliale der Indikator) und Sturmklingeln überall. Hier ist definitiv kein Hotel. Wir beschlossen daher, unsere Zeit nicht weiter dem Phantom-Hotel zu widmen und machten uns auf nach Johvi, was, wie bereits gesagt, nur 10 Kilometer weiter entfernt und auch auf unserer Route liegt. Hier hatten wir mehr Glück und wir konnten die Rezeptionistin überzeugen, dass das letzte vorhandene Dreibettzimmer unseren Ansprüchen völlig genügt. Was will man mehr, wenn man nach einem solchen Tag am Ziel ankommt: Ein trockenes Zimmer, eine Dusche und zwei Quadratmeter Platz zum schlafen. Und zum ersten Mal auf dieser Tour ist nun dieses geile Gefühl wieder da, was ein Mix aus Erschöpfung und völliger Zufriedenheit ist.

Bevor wir den Ort erkunden, bringt mir Jan die Grundzüge des kyrillischen Alphabets bei. Das ist eigentlich gar nicht so schwierig und ich find’s begeisternd, nun schon ein paar russische Worte lesen zu können oder meinen Namen zu übersetzen: Чристиан Хоффманн. Im Ort erkennen wir schnell, dass es nicht unbedingt viel zu besichtigen gibt und wir begeben uns in den Pub unterhalb unseres Hotels. Hier ist Selbstbedienung und ich schlunze auf Socken an die Theke, um uns mit dem wichtigsten, dem Belohnungsbier zu versorgen. Leider hat die Küche hier mittlerweile schon dicht gemacht und da wir mit unserem Speisewunsch nach 20 Uhr hier fast schon Paradiesvogelstatus haben, trinken wir schnell aus und lassen uns von einer lustigen, blonden Estin und ihrer russischen Freundin (die mehr kichert als zu reden) ein asiatisches Lokal zeigen, in dem wir auch jetzt noch etwas zu essen bekommen würden. Nette Aktion der beiden. Im Restaurant will man extra den großen Speisesaal für uns öffnen, wir aber entschließen uns, zwar etwas enger, aber dafür mit anderen Gästen im Raum in Gastraum 1 Platz zu nehmen. Als Absacker steht selbst redend wieder Wodka an, diesmal der von Absolut, bisher mein geschmacklicher Gewinner.

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