16. Etappe, 24. August: Johvi - Narva - Krasnoye Bryzgovo

Distanz
131,79 km
Fahrzeit
5 h 57 min
Geschwindigkeit
22,12 km/h
Höhenmeter
414 m
Höchster Punkt
148 m NN
V max.
36,68 km/h

Jan: So stellt man sich das vor

Wir sind zurück in Russland - und wie! Nach einem stattlichen letzten estischen Frühstücksbuffet liefen die letzten 50 km in der EU bis Narva wie am Schnürchen. Dort sicherten wir uns die letzten Vorräte (man weiss ja nie) in einem riesigen Einkaufszenter, wo sogar das Personal mit den Kunden primär Russisch spricht.

Nach einer langen Rast machten wir uns auf den Weg zum Grenzübergang, der (wie Tobi richtig erkannte) an der einzigen Brücke über die Narva von Narva nach Ivangorod lag. Während die Schlage bei der Einreise nach Estland ca. 50 Personen umfasste, waren wir schnell und problemlos nach dem Ausfüllen der Migrationskarten mit unseren Rädern rund 980 km hinter der Kurischen Nehrung wieder in Russland. Es wurde immer einsamer, die Autors lauter, es roch wieder nach Osteuropa, Rost tauchte entland der Strasse an Geländern und Brücken auf, und wir fuhren durch ewige Bärenklau-Urwälder. Die einzige wirkliche Stadt, durch die wir kamen, war das schön herausgeputzte Kingisepp, dahinter folgten nur noch kleinere Orte und Datschen, kleine Läden und Omas am Strassenrand mit ihren “Kartoffelkiosken” (Tobi).

Da wir hier nicht mit Hotels oder Campingplätzen rechnen konnten, deckten wir uns in Begunitsy (km 120) mit Lebensmitteln für die Nacht ein und verliessen die M-11 auf der Suche nach einem Zeltplatz. Nach einer 2 km langen Fahrt durch einen Wald wurden wir in dem Dörfchen Krasnoje Bryzgovo fündig und bauten die Zelte in der Nähe eines Feldes auf. Dort waren wir von den Dorf- und Datschenbewohnern zwar gut einsehbar, was aber nicht unbedingt zum Nachteil werden sollte: Drei verschiedene Familien fragten uns, ob wir irgendwas benötigten oder nicht bei ihnen übernachten wollten, brachten Trinkwasserkanisteer, Gurken, Äpfel, Kartoffeln und Tomaten. Nachdem wir Kartoffel und Äpfel mit dem Gaskocher zubereitet hatten, entschlossen wir uns dann, die Einladung eines sehr netten Aserbaidschaners, zumindest noch seine Datscha anzuschauen, anzunehmen. Der Feuerwehrmann, der vor 30 Jahren aus Baku nach St. Petersburg migriert war, baut nun schon seine zweite Datscha in diesem Dorf, stellte uns seine sehr herzliche Grossfamilie vor, und bei Tee und Gebäck kamen wir noch ins Gespräch - hierfür hat sich dann mein mehrjähriges Russischlernen bezahlt gemacht hat. Im nächsten Leben werde ich Dolmetscher. Ich denke, dieser erste und letzte Wildzelttag in der russischen Wildnis ca. 70 km vorm Tourziel wird uns in guter Erinnerung. Viele Grüsse aus dem von den Dorfbewohnern vorausgesagten Nebel (ach ja, geregnet hat es heute auch wieder leicht, aber das gehört dieses Jahr ja schon dazu wie der Tee in der Türkei)

Christian: Die interessantesten Abende werden aus der Not geboren

Gut geruht und mit einem leckeren Frühstück (ich könnte jederzeit auf mein Mittagsmahl verzichten, aber Frühstück und Abendessen sind essentiell) im Bauch geht es heute zur Grenze. Vom Straßenund teilweise sogar Radwegezustand würde ich mich nicht so nah an Russland fühlen. Im Grenzort Narva hauen wir in einem riesen Einkaufcenter schnell noch die letzten Euros auf den Kopf – besonders zu empfehlen ist hier das Schoko-Sahne-Kirsch – Dessert), und Steffen schmeißt eine Party, weil er hier endlich wieder mal eine Packung seiner geliebten Maccadamia-Nüsse erstehen kann, wenn auch mit knapp 5,00 € zu Porschepreisen.

Die Grenze bildet ein Fluss und typisch russisch fährt man auch hier die Taktik strenger Vereinzelung der Übertrittswilligen. Die leichte Aufregung, die ich noch bei der ersten Einreise nach Russland hatte ist weg und ich sehe davon ab, die Fotokamera auch nur zu berühren. Jetzt heißt es Russia again und alles ist anders. Felderweise Bärenklau, stinkende Auto ohne Katalysator und ein LKW aus annodazumal, dessen Fahrer sage und schreibe 5 Minuten brauchte, um sich über eine Kreuzung zu trauen, was ihm dann ruckelnd und stickend sogar gelang. Über den Fahrstil der Russen kann man sonst nicht meckern, ich finde, sie fahren alle sehr defensiv und respektvoll an uns Radlern vorbei. Gehupt wird hier ebenfalls weniger als in Anatolien.

So richtiges Sommerwetter stellt sich heute noch nicht ein und die Etappe bis nach Sankt Petersburg zu erweitern wäre zu viel, andererseits können wir hier auch keine andere Übernachtungsmöglichkeit vorher erwarten. Schon seit der Straße aus Kingisepp (zu deutsch übrigens Jamburg, wie ich bei Wikipedia-Recherche erfuhr) gab es keine bedeutenden Infrastruktureinrichtungen mehr direkt an der Straße, so dass Tobi irgendwann zu recht meinte, wir sollten den Etappenort nun langsam besser erzwingen, da von selbst nichts mehr kommen wird. Und so deckten wir uns bei wieder beginnendem Regen in einem Supermarkt mit dem nötigsten für das Abendbrot ein und Jan spendierte uns sogar noch eine Flasche Wodka.

Die Suche nach einem geeigneten Wildzeltplatz – sowas muss man bei einer richtigen Sommertour auch einmal mindestens machen – gestaltete sich schwierig, da wir nicht in Sichtweite der Hauptstraße bleiben wollen, aber der angrenzende Wald auch ungeeignet scheint. Doch Glück muss man haben und schon nach 1,8 Kilometern endet der Wald wieder und wir sind an einem kleinen russischen Dorf mit großen angrenzenden Feldern, die wunderbar fürs wildcampen geeignet sind. Ein Glücksgriff dieser Ort, denn noch ehe wir die Zelte komplett aufgebaut haben, kommen die ersten Einheimischen und hören sich interessiert die Geschichte unserer Tour an. Gold wert, dass Jan russisch kann. Von Ablehnung ist hier nichts zu spüren, im Gegenteil. Wir werden von verschiedenen Leuten mit Trinkwasser, Obst und Gemüse, Souveniers, Fotos und allem möglichen bedacht. Wir bedanken uns mit Haribo, Kinderschokolade und dem Goleo, der die Tour über an Jans Lenker mitfuhr (welche Wette war das eigentlich?) und den er in Sankt Petersburg an jemand „würdigen“ verschenken wollte. Doch dieser Zeitpunkt scheint heute schon gekommen und hoffentlich lebt Goleo nun noch lange in einer der Häuser in diesem sympathischen Dorf weiter. Für die Kinder des Dorfes sind wir die Attraktion des Abends und in einer kurzen halbstündigen Pause von unseren Fans schaffen wir es, die Kartoffeln zu kochen und später noch Apfelmus anzurichten. Steffen versucht sich derweil als Autan-Beauftragter, indem er feuchtest Holz sammelt und, leider vergeblich, zu entzünden versucht, um mit dem Rauch die Stechmücken zu vertreiben, von denen es hier definitiv zu viele gibt. Die Einheimischen berichten auch von Nebel und bieten uns an, bei ihnen zu Hause zu schlafen, was wir ablehnen. Der Nebel kommt dennoch. Man sieht ihn gespenstisch am anderen Ende des Feldes aufkommen und langsam auf uns zuwandern. Währenddessen kommt erneut ein Petersburger Feuerwehrmann mit seinem Sohn zu uns und lädt auf einen Tee in seiner Datscha ein. Soviel Gastfreundschaft wollen wir nicht ablehnen und kommen mit. Alles, auch die Wertsachen lassen wir bei den Zelten, ohne den leisesten Zweifel, dass was wegkommen würde – zu Recht. Die Familie der beiden empfängt uns überaus herzlich in ihrer ordentlich geheizten Datscha und serviert Tee mit Schokokuchen. Obwohl wir, bis auf Jan, dem nebenbei noch die möglichen Dusch- und Schlaffacilitäten vorgestellt wurden, kaum ein Wort verstanden war es eine sehr herzliche und schöne Kommunikation und mit dieser Erfahrung, die uns keiner mehr nehmen kann, kehren wir zurück zu den Zelten im Nebel und machen jetzt bubu.

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