+++ Radtour Zürich-Alpen-Adria-Zagreb-Wien, 3.-20.August 2006 +++

reiseberichte
jan christian

Zürich - Krk - Wien 2006. A bittersweet  symphony in 18 parts

Auszüge aus dem Blog oder Block von Jan 

Anm.: Dieses Tagebuch wurde manuell erstellt. Es ist auch mit Rechtschreib-, Tempus-, Interpunktions- und Grammatikfehlern, in Denglisch, mit unbeweisbar konstruierten Zusammenhängen und stilistischen Inkonsistenzen gültig. 
 

Do, 3.8., Müllheim/Baden, km 0:

Vor der Tour ist vor der Tour

11.15 Uhr: Die badische Sonne wirft einen Schatten in den EuroCity 9 Dortmund - Chur. Wenn die "sogenannten Experten" recht behalten, werden es die letzten Sonnenstrahlen für die nächsten drei Tage sein. Mein Vater interpretierte das Symbol "12°C, drei Regentropfen aus einer dunkelgrauen Wolke" putzigerweise als "deutlich kälter als die letzten Tage" (im Juli 2006 waren es nachts im Mittel 20°C) und "vielleicht Regen", und meinen Mutter sieht mich schon in den Alpen erfrieren.

Ja gut, ich sach' mal: Entscheidend ist auf der Straße. In ca. 100 Minuten rollen der Christian und ich unsere Räder auf die Straßen Zürichs.  
 

Do, 3.8., Gross am Sihlsee im Kanton Schwyz, km 43:

Isch's guet g'si?

Ja, es ist gut gewesen, besser als gedacht. Die wohl interessanteste Zahl des Tages ist die Null - Anzahl der Regentropfen bis km 34, Biberbrugg. Dort hatten wir nach einem zügigen Einrollen am Südufer des Zürichsees vorbei an Lindt in Kilchberg und einem ersten Anstieg so wenig die Schnauze voll, dass wir uns noch in einem Anflug spätjugendlichen Größenwahns dafür entschieden, das ganz große Ritzel an meinem Lieblingsberg im Kanton Schwyz, der idyllischen "Wand von Bennau", auszuprobieren. Von dort bot sich ein herrlicher Blick auf den Ortskern von Einsiedeln (***: das Kloster!) und auf die sich auftürmende Gewitterfront, die die "sogenannten Experten" (s.o.) uns ja vollmundig versprochen hatten. Die letzten 4 km vom Kloster bis an den Sihlsee verliefen dann auch im Dauerregen, so dass man sich auf die Eröffnung der Tee- und Saunasaison freuen konnte.

Für die Freunde der Statistik sei übrigens noch gesagt, dass 1) ich zusammen mit meiner voll beladenen Raisa 119 kg auf die Waage bringe, die sich im Verhältnis 80:18:19:2 auf eigenes Lebendgewicht : Raisa : Gepäck : Bekleidung verteilen, dass 2) meine Mutter Platz 1 belegt in meiner persönlichen Hitliste "Frauen, die jünger aussehen als sie sind und Stachelbeerkuchen backen können", dass 3) Jens Voigt wie bei unserer "Nacht von Heidelberg" (282 km, 15.7.) schon wieder Etappensieger geworden ist und dass 4) 43 km noch mehr sind als ein Marathon.

Wie dem auch sei, die Wetterprognosen sind z.Z. so weit von heiter bis wolkig entfernt wie wir von Kroatien, und bevor man von möglichen Heldentaten auch nur ansatzweise schreiben kann, sollte man sich lieber freuen, dass August und nicht Februar ist, denn dann sind rounda here die Straßen vereist und Velofahren genauso illusorisch wie z.Z. (noch) das Skilanglaufen. Lucky, lucky, lucky. 

Exkurs: Lessons learned from km 0 to 43

 
 

Fr, 4.8.: Buchs am Schweizer Rhein, km 148:

Der dritte Mann

Der heutige Tag wird sicher nicht als der härteste der Tour in die Geschichte eingehen. Nach einem letzten ausgieben Frühstück im Hotel Mama ging es erstmal 16 km und 500 Höhenmeter bergab an den Zürichsee, und von dort dann wieter auf den Spuren des Euro-Citys von Pfäffikon zum Walensee. Christian mag den Walensee nicht; dort gibt es eine 25%-Steigung, die völlig unnötig ist. Die Veloroute führte von Walenstadt weiter nan den bedeutenden Eisenbahnknotenpunkt Sargans am Rhein.

Weil wir dort schon vor 15 Uhr waren, setzten wir uns noch an den Rhein und in ein McDonald's in Liechtenstein und kauften einen neuen Campingkocher, bevor wir um 18 Uhr beim dritten Mann, dem bis dato unbekannten Tobias aus Halle/Saale, zum Pasta-Essen eintrafen. Man darf gespannt sein, wie sich unser neues Trio am Arlbergpass schlägt. Heute hat es wieder fast gar nicht geregnet - entgegen der Voraussagen. 
 

Sa, 5.8.: Imst (Tirol), km 290:

Übermut tut selten gut, aber das Glück ist ja mit den Tüchtigen

Nach einer Nacht auf Tobias' Ausziehcouch, während der es draußen hörbar und sichtbar stark regnete, und einem Frühstück, das für mich aus dem Rest der Nudeln vom Vorabend bestand, waren wir bereits um 8.35 auf den trockenen Straßen von Buchs unterwegs. Tobias erwies sich auf dem Liechtensteiner Rheindamm als Lokomotive.

Im Folgenden ging es immer abseits der Straße, mal auf herrlich asphaltierten, mal auf Schotterpisten leicht bergan bis Klösterle. Dort merkte man den Anstieg dann schon in seinen Beinen: Klösterle liegt schon 1000 Meter hoch und damit waren 600 hm geschafft. Von dort fuhren wir eigenes Tempo, nach Tobias' Angaben (kannte den Arlbergpass schon) fing nun der härteste Teil an.

Nach Meinung von Christian und mir handelt es sich um den totalen Psychoterror - 2 km bei ca. 9 km/h in einem schlecht durchlüfteten Tunnel! Man kommt heraus und freut sich a), dass man überlebt hat und b), dass man wieder im frischen Regen fahren darf. Diese frische Luft ist auch bitter nötig, denn fürs mit 119 Kilo typische 10%-Alpenpass-Serpentinen hochfahren braucht man schon ein bisschen Sauerstoff. Nach diesem Kraftakt war uns erstmal nach etwas Warmem im mit Kamin gut beheizten Rasthaus an der Abzweigung zum Flexenpass. Der Wirt (Kurt Felix) servierte dort einer spanischsprachigen Familie ein Bier im heißen Wasserbad, aber den Witz hatte er wohl nur selbst verstanden, bzw. er hatte die Bestellung des Gastes ("Es gibt nichts Schlimmeres als warme Frauen und kaltes Bier, ähem, andersherum") irrtümlicherweise ernst gemeint.

Wie auch immer, nach 15 Minuten leichtem Ansteig hatten wir um 16 Uhr bei ca. 4°C den Arlbergpass erreicht, wo es wie auf vielen Alpenpässen von Filzhüten über Glückssteine, Likör und Aufklebern (wichtig!) wieder ungefähr jeden Ramsch zu kaufen gab. Nach einer rasanten Abfahrt hatten wir in Landeck noch nicht genug und fuhren angesichts der wieder mal grauenhaften Wetterprognosen für den Folgetag (ui, mir kommen die Tränen) noch 23 km bis Imst.

Übermut tut selten gut, weil: Dort ging es noch ca. 200 Meter unverhofft hoch ins Stadtzentrum (da merkten wir es dann schon), und erst das sechste von uns aufgesuchte Hotel (fürs Campen waren wir uns angesichts des nasskalten Abends zu fein) hatte ein Dreibettzimmer frei. Dieses schnappten wir italienischen Motorradfahrern vor der Nase weg  - eine gelungene WM-Revanche. Morgen besucht die Deutschland-Tour uns in Tirol. Es hätt noch immer jot jejange - ein Meilenstein der Radsportgeschichte.

P.S. Yeah, Floyd Landis positiv getestet - So ein Idiot! 
 

So., 6.8.: Neu-Rum bei Innsbruck, km 360:

This is a low but it won't hurt you (Blur)

Wozu Erasmus-Auslandssemester doch gut sind! Z.B., dass man ein kleines Netzwerk von ehemaligen Kommilitonen in Europa verteilt hat. Z.Z. sitze ich unweit des Olympischen Dorfs von Innsbruck bei Markus, meinem Mitbewohner aus Southampton. Was davor geschah: Ein Frühstück im Gasthof Sonne bei Regen draußen mit wortloser bis unfreundlicher Bedienung, die noch unser Mülltüten-Panzertape-Überziehschuhimitat hämisch belächelte (Tiroler Humor, eigentlich ganz niedlich), 30 km mit knackigen Steigungen im Inntal durch Apfelplantagen, die im Regen bei Tankstelle Nr. 1 endeten. Dort hielt ein lustige rheinländisches und ein garstiges niedersächsisches ("Radrennen? So ein Blödsinn" Recht hat er!) Auto. Von hier waren es noch 7 km bis Telfs, wo Jedermannrennen und die Profi-Etappe der Deutschland-Tour durchfuhren.  Nach 2,5 Stunden an einer Tankstelle, wo wir u.a. Rollstuhlfahrenden Autofahrern beim Tanken halfen, sahen wir dann auch das Péloton zügig das Inntal hinaufrollen. Während die Profis noch 500 Höhenmeter nach Seefeld hochklettern mussten, fuhren wir den Inntalradweg (Radwanderparadies mit Alpenpanorama) bis nach Innsbruck - nette Innenstadt und an einem der schönsten Plätze McDonald's, wier überall auf der Welt. Dort konnten wir schon richtig á la Südeuropa Straßencafé-mäßig draußen sitzen, schrieben Postkarten und erfreuten uns am McDonald's-Fraß (Asche auf unser Haupt). Von dort ging es noch 6 km innabwärts nach Neu-Rum zu Markus. Anschließend machten wir noch eine Stadttour (empfehlenswert: Aufstieg in den7. Stock der Rathausgalerie) mit Guide Markus mit Besuch im Theresienbräu.

Die Mülltütenüberziehschuhe haben sich bewährt, aber man muss sie eng abtapen, sonst fliegt der Müllsack in die Kette. Ich wusste doch, dass das Panzertape, mit dem ich mal einen Riss in der Ruderbootswand geklebt habe, zu irgendwas gut ist. Italia, veniamo! 

Mo, 7.8., Chiusa/Klausen in Südtirol, km 461:

Ab in den Süden

Das war dann wohl eine Etappe wie aus dem Bilderbuch oder wie in Erzählungen von Goethe: Beim Brötchenholen in Innsbruck ging mir noch "did you ever feel the pain in the morning rain / as it soaks you to the bone" durch den Kopf. Nach einem zünftigen Tiroler Jausenfrühstück begleitete besagter Morgenregen uns dann auch hoch bis auf den Brenner, wo wir geschlossen als Trio um 10.50 Uhr ankamen. Wirklich anstrengend waren nur die letzten 500 Meter, ansonsten hatte ein geschätzter Bonner Italien-Kenner recht behalten mit "da werden sie keine Schwierigkeiten haben". Oben trockneten wir uns ab und zogen uns Winterkleidung für 12°C Außentemperatur an. Im Bahnhofsbuffet schauten wir aus dem Fenster, wie es allmählich aufhörte zu regnen, und nach der Lektüre der Lokalzeitung "Dolomiten" und je zwei Heißgetränken, den Innsbrucker Semmeln und Snickers rollten wir noch 58 km im Eisacktal herunter.

Der Verkehr hielt sich, genau wie bergauf, in Grenzen, und auch das Wetter (darum Bilderbuchetappe), wurde derart allmählich besser, dass wir auch die Regenkleidung nach und nach ausziehen konnten. Noch mit langen Hosen und Trikots trafen wir kurz nach 15 Uhr (nicht schlecht für 100 km und 700 hm) auf dem Campingplatz von Klausen im Eisacktal ein, der voll mit Holländer (quel surprise) ist, aber gerade noch Platz für unsere zwei Zelte hatte. Bevor ich an die morgige Killer-Etappe denke, genieße ich lieber den Pool und die noch etwas zögerlich durch die Wolken guckenden ersten Sonnenstrahlen seit einer Woche und freue mich, dass wir es gesund und heile nach Italien geschafft haben. Heißer Tipp: Beim Nudelnkochen das Salz nicht vergessen! Der erste Fehler der Tour. 

Di, 8.8., Cortina d'Ampezzo, km 561:

Kaiserwetter auf der Königsetappe

Wow, 2700 Höhenmeter an einem Tag bedeuten auch für mich persönlichen Rekord, und das mit den besagten 119 Kilo - ein unbeladenes Rennrad wäre wohl 30 kg leichter. Christian hat auch alles sehr gut überstanden, insgesamt vielleicht mit einer halben Stunde Rückstand.

Gestartet hat dieser Tag, der ja wohl wieder einen Schritt in Richtung Unsterblichkeit bedeutet, mit einem Campingkocher-Kaffee-Frühstück mit Campingshop-Brötchen in der Südtiroler Morgensonne. Um 9 Uhr standen wir dann abfahrbereit an der Rezeption, wo sich ein englisches Motorradfahrerehepaar noch derart vehement weigerte, den festgesetzen Preis zu zahlen, dass die Angestellte sich ihrerseits vehement weigerte, Englisch zu sprechen. Sie rief die Polizei, und Tobias fuhr Richtung Brixen und Toblach. Er umfuhr wegen Knieschmerz die Berge, die auf Christian und mich warteten.

Um 12.30 Uhr hatte ich meinen ersten Dolomitenpass, das Sellajoch (2241m) erreicht - oder besser gesagt, das 70 Meter weiter unten liegende Gasthaus. Es war so bewölt und kalt draußen (immerhin nicht nass), dass Christian und mir nach Heißgetränken war. Oben fotografierten uns Italiener auf Rennrädern, und die übliche Zeremonie folgte: Foto, Aufkleber, Jacke an, Helm an, mit 50 km/h bergab. Nach 5 km Abfahrt folgte der nächste Ansteig auf den nächsten 2240m hohen Pass, den Pordoi, der dem Sella in natürlicher Schönheit in nichts nachsteht. Ich galube, wenn man anstatt durch eine Dolomiten-Landschaft durch eine stinkende Müllhalde fahren würde, könnte man sich weniger zu solchen Höchstleistungen motivieren.

Auf dem Pordoi lachte dann bei 9°C die Sonne, und es steppte der Bär. Es gibt ca. sechs Restaurants und fünf Souvenirläden. Eine weitere Abfahrt in der Sonne folgte, und als für mich persönliches Highlight der für mich bis dato völlig unbekannte Falzarego-Pass in der Abendstimmung (oben um 17 Uhr). Die Abfahrt nach Cortina steigerte unseren Schnitt auf über 15 km/h, dort wartete Tobias dann auf dem Campingplatz und wir gingen Pizza essen und den Vollmond fotografieren. Respekt vor Christian - 2700 hm mit Gepäck, vor einem Jahr hätte er das sicher nicht geschafft. Wie groß mein Verdienst daran ist, vermag ich wirklich nicht zu sagen. Im Ohr laufen jedenfalls die großartigen Hurricane #1 mit "Only the strongest will survive, these days you've got to kill yourself just to stay alive". 

Mi, 9.8., Pordenone, km 684:

Das hatten sie sich anders vorgestellt

Eigentlich wollten wir jetzt am Lago di Santa Croce vorm Zelt in der Sonne sitzen und im See schwimmen. Stattdessen sitzen wir 33 km weiter östlich in der Provinzhauptstadt Pordenone in einem Hotel.

Der Tag hatte sehr sonnig angefangen. Gegen 8 Uhr kam die Sonne hinter den Dolomiten hervor, und beim Frühstück war es fast schon zu heiß. Gegen 10 Uhr brachen wir auf und brausten mit solidem 25er-Schnitt durch weitere Psycho-Tunnel (siehe 5.8.) entlang am völlig trockenen Flussbett der Boite und Piave bis zur Mittagspause in Longarone, wo wir an einem Kriegsdenkmal den Schatten suchten. Christian bemerkte schon, dass es in einem Seitental regnete, was uns aber nicht sehr störte angesichts der Hitze und Sonne bei uns. Wir kalkulierten, dass wir in ca. 1 Stunde am Lago di Santa Croce sein würden. Das waren wir dann auch, aber inzwischen hatte die Gewitterfront auch uns erreicht und es sah alles in allem sehr unzuverlässig aus.

Wir fuhren am Westufer des Lago di Santa Croce entlang, dort fanden wir aber nicht den eingezeichneten Campingplatzen. Was tun, sprach Zeus - wir überlegten uns ca. hundert Pläne und entschieden uns, erst einmal zum etwas ausgetrockneten See hinunterzurollen, wo uns ein Italiener auf Englisch sinngemäß erzählte, dass der nächste Campingplatz ca. 10 km rückwärts am anderen Seenordufer läge. Darauf hatten wir keine Lust und entschied uns für den Plan, schon mal einen Teil der morgigen Etappe zu fahren, nämlich 32 km bei weiterhin unbeständigem Wetter auf völlig ebenem Terrain (daher auch der wohl rekordverdächtige Schnitt) durch die selbsternannte Citta del Arte Vittorio Veneto bis über die Grenze Friaul-Venezia Julia in das herrlich untouristische Pordenone. Dort fanden wir ein Dreibettzimmer für 80 € - Campingplätze gibt es hier nämlich gar nicht, weil hier in dem total industriell und landwirtschaftlich (Mais und Wein, dazwischen auch mal Wein und Mais) geprägten Gebiet anscheinend keiner Zelten will. Abendprogramm: Mein erster Tocai-Wein, kleine Nudelportionen in einer Prosciutteria, wo uns jemand das Rezept "Hund mit Rosmarin" empfahl, drei große Eiskugeln und ganz tiefer Schlaf.

So viel zur Übergangsetappe " ich bin zuversichtlich, dass ich morgen das erste Mal mit dem Rad an der Adria stehe.  

Do, 10.8.,  Marina Julia bei Monfalcone an der Adria, km 777:

Adria bitte auch abhaken

Na bitte, es geht noch: Nach 777 km (schöne Zahl) in 8 Tagen erreichen Christian, Tobias und ich den mäßig schönen Strand "Marina Julia" der mäßig schönen Hafenstadt Monfalcone - und die Sonne lacht bei angenehmen 26°C dazu. Wir schieben unsere Räder ans Meer, gratulieren uns gegenseitig und checken im Campingplatz (mit Animationsprogramm, Zehnmeterturm und deutschsprachiger Rezeption) ein.

Vorher gab es 27 schnurgeradenen km mit Blick auf Alpen, Mais, Wein und Industriegebiete auf der SS13, danach etwas weniger befahrene Landstraßen, das ganze völlig tellerflach, recht problemlos und zügig. Nach Nudeln im Campingkocher, diesmal mit Salz, erzählte uns ein Pfeife rauchender Psychologe noch von seiner Tour durch den Veneto und fragte mich nach einer alternativen Pizzeria in Bückeburg, und ich erweiterte meinen kroatischen Wortschatz (Roggenvollkornschrot, Eingabegebietsschemaleiste). Die Adria ist übrigens nicht gerade kalt. Wir machten wieder tolle Fotos vom Vollmond. 

Fr, 11.8., Matulj bei Opatija bei Rijeka an der kroatischen Adria, km 887:

Was heißt Albtraum auf slowenisch?

Ich muss zugeben, auch wenn mich meine Mitmenschen ja hassen, weil ich weiß, wie man ungewohnte Buchstaben ausspricht und daher als Bildungssnob beschimpft werde - hier muss ich passen. Ich stelle diese Frage, weil die ca. 50 km durch Slowenien sicher zu den ganz schwarzen Stunden meines Radfahrerlebens zählten. Wer glaubte, das Tiroler Weltuntergangswetter könnte nicht mehr unterboten werden, sah sich getäuscht: Herrlicher Karstformen, deren Herrlichkeit durch kühlen Platzregen etwas getrübt wurde.

Dazu inmitten der schwäbischen Alb nur ein einziger Ort (Ilirska Bistrica), dafür umsomehr "gostilnas" (Gasthöfe). Zu allem Überfluss stürzte ich doch auf der sich entlang unseres gesamten unserem Weg verlaufenden Ölspur in einer Abfahrt mit 40 km/h - zum Glück nur Schürfwunden. Wenig später gab Christians Gepäckträger den Geist auf und musste mit Kabelbindern fixiert werden. In Italien war vorher außer Regen beim Zeltabbauen (ziemlich lästig), einem leichten Ansteig bis zur Grenze, einer laschen Grenzkontrolle und einem Einkauf bei Spar, wo der Dorfälteste und die Dorfälteste eine Szene des Ohnsorg-Theaters nachspielten, wenig Spannendes passiert. In der Provinz Triest ist schon alles zweisprachig.

An der Grenze zu Kroatien trafen wir noch ein schwäbelndes Ehepaar, das uns nett bemitleidete. Wir tauschten Geld, und putzigerweise kam bei unserer Abfahrt Richtung "nächstes Hotel, aber Dalli" (Tobias: "Trocknen und Saunalandschaft") die Sonne wieder raus. Aber nochmal Camping, nein Danke! Sogar im winzigen Matulj sprach die Dame im Tourist-Office detusch und vermittelte uns alternativlos ein Zimmer für rund 46 - in einer Pension, wo ein lustiger Kroate mit einer Krücke etwas Englisch ("it's only for you!") spricht. Man kann die Sonne und das Meer (Rijeka, Opatija, Krk) sehen. Irgendwie ein sehr komischer Tag, genau wie der 11.8.2005 (Galibier, Regen). Must be something about August 11, mal im Auge behalten. Aber jetzt muss ich erstmal die versprochenen drei Runden Ozujsko ("Croatian for beer") ausgeben. 

Sa, 12.8., Senj an der kroatischen Adria, km 973:

Maybe all day Sonne, maybe Regen

... sagte unser Pensionsbesitzer bei Rijeka heute morgen bei der Frage nach dem Wetter beim Blick aus dem Fenster. Um 6.30 Uhr hatte mich ein Gewitter mit Blitz und Donner geweckt, woraufhin ich die zum Trocknen aufgehängte Wäsche glecih von der Leine ins Zimmer holte. Dahingegen verlief der Rest der Etappe mit drei (!) Sonnenminuten ab der Brücke von Krk und nur drei Starkregenminuten (welch ein Fortschritt) sehr erfreulich.

Die Landschaft war südlich von Krk, wo keine Bäume mehr die Sicht aufs Meer versperrten, besonders schön; anders als im flachen Italien ging es immer an der Steilküste entlang. Zuvor hatten wir am Hafen von Rijeka (Mischung aus Malaga, Gijon und Southampton) im Supermarkt Eingekauftes gefrühstückt und die Reste dann mit nach Krk über die Brücke mit dem lebensgefährlichen ein Meter breiten Fahrradweg genommen. Gegen 17.30 kamen wir dann in Senj an. Dort hatte der 6. Anruf der deutsch sprechenden Tourist-Office-Angestellten (Kroatinnen sind nicht nur die hübschesten Frauen der Welt - das kommt nicht von mir -, sondern scheinbar auch sehr sprachbegabt) nach einem Dreibettzimmer, und meine erste mazedonische Bekanntschaft holte uns ab und fuhr mit dem Auto eine Straße hoch, wir folgten ihm. In der Pension waren noch Österreicher "Wien ist schwul", wir gingen eiskalt in einer der wenigen meteorologisch schönen halben Stunden im meer banden und anschließend in einem Restauerant mit mehrsprachiger Speisekarte Plijeskavica essen.  

So, 13.8., Plitvicer Seen, km 1068:

The real Croatia

Die Küste, von der wir ja gestern nur rund 1/7 befahren hatten, macht natürlich nur einen Bruchteil von Kroatien aus. Interessant wird es ja immer erst im Hinterland. Zuvor riss uns aber quasi als Abziehbild des Vortages um 6 Uhr morgens wieder ein Gewitter mit Blitz und Donner, diesmal auch mit Hagel, aus dem Schlaf. Manche hatten gestern gesagt, das Wetter würde besser werden, andere genau das Gegenteil behauptet ("all Europe bad weather", "Mitteleuropa hat z.Z. die A****karte"). Eine Seite (mal die südliche, mal die nördliche) war am Morgen völlig schwarz, die Wolken bewegten sich unglaublich schnell, über Krk war plötzlich Sonne - ein tolles Schauspiel vom Balkon unserer Pension.

Wir fuhren erstmal herunter in die 5-bis-2-Uhr (wow!)-Bäckerei, kauften ein und frühstückten, bevor wir den schön sanften Anstieg über die "kroatische Kordillere" in Angriff nahmen. Es gab noch ein paar Regenschauer, aber gegen Ende klarte es auf. Oben trafen wir einen österreichischen Reisebus, dessen Besatzung uns bestaunte wie Zootiere, unsere Müllsack-Panzertape-Überziehschuhe "lässig" fand und uns versicherte, am Dienstag werde das Wetter besser. Nach einem Regenschauer auf der Abfahrt - Richtung Otocac sah es wirklich schaurig aus - wurde es aber schon bald sonnig!  
Weiter ging es bei durchwachsenem Wetter durch Landminengebiete mit Häusern mit Einschusslöchern, vorbei an unzähligen Ständen, an denen Frauen, vorzugsweise mit den aus Georgien bekannten schwarzen Kopftüchern gekleidet, Käse, Honig und Slibovice verkauften, durch die Karstlandschaft des "wahren Kroatien" bis auf 798 m Höhe. Dort zweigt eine Nebenstraße zum Nationalpark und UNESCO-Weltkulturerbe Plitvicer Seen ab - herrlich blaue Seen mit Wasserfällen und Karst, soviel das Herz begehrt. Darum fahren auch im Minutentakt Busse mit Wander- und Touristengruppen durch den Park. Soweit man die ganze Schönheit vom Fahrrad aus sehen konnte, hielten wir an und machten Fotos. Jetzt hat es mindestens drei Stunden schon nicht geregnet, und ich liege bei 5/8 Wolkenbedeckung (evtl. Minusrekord seit Italien) auf dem Campingplatz in einer Doline. Oder ist es eine Polje? Oder eine Uvala?
 

Mo, 14.8., Zagreb, km 1205:

Übergangsetappe

nennt man wohl so etwas wie heute. Auf der kroatischen Nationalstraße 1 ging es bis Karlovac " nichts spektakuläres, guter Straßenbelag, keine Chance zum Verfahren. Nach dem obligatorischen kroatischen 6.30-Regen, der das Zelteabbauen wieder zur "Situation, in der man Radiohead hört" ("Rain down, rain down, come on rain down on me", Paranoid Android) werden ließ (zum Glück, waren lustige Leipziger dabei, die wie in einer Comedy-Show sächselten und uns alles Gute wünschten), kam die Sonne sogar heraus, so dass wir unser Zelt und die Handtücher an einer Tankstelle derart ausbreiteten, dass sie in den zwei Stunden, in denen wir dort abhingen (essen, trinken, Ölgeruch schnüffeln, uns gegenseitig in der ZDF-Hitparade wie Dieter Thomas Heck ankündigen und deutschsprachig Franz Ferdinand singen), wieder trockneten. Früher als gedacht waren wir an den Karlovacer Plattenbauten, und voll jugendlichem Elan starteten wir dann unsere gegenseitigen Ausreißversuche, die immer wieder unterbunden wurden, und erreichten wir gegen 18 Uhr die Tore Zagrebs - gut, dass wir einen fabelhaften Stadtplan (in Hamburg gekauft!) dabei hatten, der uns durch die achtsprachigen, ich meine, achtspurigen Straßen der Stadt, zu Petras neuer Wohnung im Osten der Stadt führten. Der Stadtteil erinnert ein wenig an die schöneren Teile von Hannover-Misburg. Am Ende stand ein vegetarisches Candle-Light-Dinner chez Petra und ein Kneipentour mit einem professionellen Schachgroßmeister, einem Triathleten sowie dem obligatorischen Regen. 

Di, 15.8., Zagreb, immer noch km 1205, weil Ruhetag:

Ain't going to the town, we're going to the city

ertönt es aus dem Wohnzimmerradio, Petra schreibt mir kroatische Worte in mein Roadbook, und ich habe keine Ahnung, was sie bedeuten. An Mariä Himmelfahrt macht die kroatische Amélie mit uns eine Stadtführung in der Sonne (der bisher obligatorische 6-Uhr-Regenschauer blieb aus) und führte uns ins Naherholungsgebiet Jarun, wo es eine tolle Ruderregattastrecke gibt, und wir schwimmen gehen. Anschließend gehen wir in "ihrem Block" Pizza essen (riesig und billig) und trinken Bambus (Rotwein mit Cola, wie so etwas in in Hannover heißt, schenke ich mir hier - Julia Clemens oder Lennart fragen, merke aber an, dass komischerweise Pornofilme auf dem Pizzeria-Fernseher laufen). Weiterhin ist anzumerken, dass Petra ähnlich wie ich alle Texte aller wichtigen Britpop-Songs auswendig weiß und es liebt, sie im Stadtverkehr preiszugeben. Der Unterschied zwischen uns m.E. interessant unverschiedenen Menschen ist, dass Petra viel besser singen kann als ich - ich nämlich gar nicht, sie wie ein Popstar. 

Exkurs: Twisted logic

P.: "How old are you, Christian?"

C.: "Guess"

P.: "24?"

J.:  "You know, he is older than I am".

P.: "I know."

J.: "So how hold am I?"

P.: "25." 

Mi, 16.8., Galambok im ungarischen Molwanien, km 1379:

Zurück zum Sommer, zurück zum Radsport.

Und zurück zu lustigen Parallelen: 16.8.2005: Mein 60 000. Kilometer, das erste Mal mit Rad am Mittelmeer, die SMS mit der Nachricht, dass meine Bonner WG ein Haus in Endenich gefunden hatte.

16.8.2006: Die Nacht war ziemlich kurz, es regnete nicht am Morgen, ich erreichte das erste Mal mit dem Rad Ungarn und fuhr meinen 5000. Jahreskilometer. Und zwar irgendwo, nachdem wir Abschied von Petra und dem überraschend unhässlichen Zagreb im Wettfahren mit der tramvaj genommen hatten, im überraschend untrashigen, sondern eher ans liebliche Tauberfranken erinnernden Nordkroatien (laut dem Schachgroßmeister sehr reich - man sieht's!).

Durch die ungewohnte Sonne waren wir auch guter Dinge, kommentierten lauthals unser eigenes Rennen über die 250 Meter hohen Bergpässe á la Herbert Watterott, Monica Lierhaus und Marcel Wüst, als ob wir in Alpe d'Huez wären ("der Schnee ist extra für die Etappe weggeräumt worden", "Lance Armstrong hat diesen Berg nie geschafft", "hier schaffen es nur die Stärksten hoch"). Bald waren wir in Varazdin, dahinter gab es sogar vorbildliche Fahrradwege, und passierten auf einer Autobahn (uuh, kriminell) die Mur und waren in Ungarn - ein Land, über das ich noch kein klares Bild hatte. Ich weiß nur, dass Ungarn eine hohe Selbstmordrate hat.

Völlig unbeeindruckt davon zeigte sich die blonde, verführerisch lächelnde Grenzerin, die an der ungarischen Grenze beim Landesfahne fotografieren auf uns zu kam und anbot, unsere Pässe zu kontrollierten. Es hätte nur noch das Welcome-Package mit Landkarte, Sprachführer und Schokolade gefehlt. Wir holten uns Forint in der Wechselstube und fuhren wieder verbotenerweise auf der N7 (für Fahrräder verboten, keiner weiß warum, darum stört es auch keinen) nach Nagykanizsa - Petra kann es aussprechen, ich nicht. Ähnlich wie Kroatien: nur Maisfelder, anders als Kroatien: es geht bergab und bergauf, Pferdegespanne und lustige Männer mit gelben oder gar keinen Zähnen auf Schrotträdern kommen einem entgegen. In Nagykanizsa lachten wir etwas überheblich über einen Zeltplatz und fuhren wieder ins Stadtzentrum " man ahnt es schon, zu McDonald's.

Die Angestellte sprach Deutsch - fast perfekt, total putzig war nur, dass sie am Ende immer sagte: "Ich möchte bitte 980 Forint". Zur Heiterkeit trug auch die dämlich grinsende Ronald-Mc-Donald-Figur bei, die zu genauso dämlichen Fotos einlud. Nun ja, wie entschieden uns nach einem guten Essen (Zitat ich selbst: "Jedes gute Essen muss mit den Worten: 'So, jetzt ist mir schlecht' enden"), zum nächsten Campingplatz weiter zu fahren. Doch dann trafen wir eine schicksalhafte Entscheidung: Wir folgten einem Jugendherbergsschild, das nach 14 km nach Pat ins totale Niemandsland führte. Mittlerweile war es dunkel, die Frage war wieder "Was tun?", und wir entschieden uns, ein ungeschriebenes Gesetz zu brechen: Wir fuhren tatsächlich zurück nach Zalaszentjakab (s.u.), hier entstand ein Hit zur Melodie von "Riders On The Storm", denn hinter diesem Ort und einer Lukoil-Tankstelle, wo es ungarisches Bier, Töltött Paprika, Toroskaposzta und Wafelini zu kaufen gibt, waren drei Campingplätze eingezeichnet. Im ersten Ort, Galambok, erblickten wir dann das Schild "private Campingmöglichkeit". Sounds interesting, dachten wir uns, und es kam sodann auch eine gebrochen Deutsch sprechende Frau mit den Worten "guter Junge" auf uns zu, holte Stühle, Tische, einen Campingkocher, Obst, Gemüse und ihren Mann aus Heilbronn.

Dort sitze ich jetzt gerade auf der Terrasse, frisch geduscht in der Gartendusche, und denke mir, wenn irgendwas wie Molwanien ist, dann ja wohl Südwestungarn. So, das war die längste Etappe, der längste Eintrag, der meiste Koffeingenuss (5 oder 6 Tassen Kaffee), der meiste Sonnenschein, der lustigste und, vulgo, geilste Tag (zusammen mit den Dolomiten am 8.8.) - ob es an dem wenigen Schlaf, der ungarischen Realsatire, der Sonne, dem Ruhetag oder irgendetwas Anderem :-) lag, vermag ich wieder einmal nicht zu sagen. Aber: Does it matter? Eben.

P.S. Ungarisch, da verstehste nix. Sör heißt bier, ut heißt Straße, ist ja klar, aber was szupermarket heißt, weiß ich nicht. Partnerort des Tages: Breznicki Hum 

More lessons learned:

 

The First Bismarcks: Fragmente aus Zalaszentjakab (Melodie: Riders On The Storm, bitte vervollständigen!)

Er sagt, ich fahr heut nicht gradaus, ich biege lieber ab, nach Zalaszentjakab

Die Laternen spenden Licht, das bräucht'n sie eigentlich nicht, in Zalaszentjakab

Ein Mann geht aus dem Haus, denn dort hält er's nicht aus, in Zalaszentjakab

Kneipen gab es dort mal drei, jetzt sind's nicht mal zwei, in Zalaszentjakab

Er sucht nach hübschen Frau'n, doch die sind abgehau'n, aus Zalaszentjakab

Es gab wohl mal nen Bus, doch damit ist jetzt Schluss, in Zalaszentjakab

Ein Hund bellt wie ein Wolf, es fährt ein VW Golf, durch Zalaszentjakab

Der Hund, denkt er sei ein Star, doch niemand nimmt es wahr, in Zalaszentjakab

Und der Mann von eben, denkt sich, wozu noch leben, in Zalaszentjakab

Er sagt, hier geht nix ab, ich schaufel mir mein Grab, in Zalaszentjakab. 
 
 
 

Do, 17.8., Siofok,  km 1475:

Das andere Extrem

Heute war es nämlich viel zu heiß. Im Garten bei Stefan, einem Bilderbuchschwaben, der uns noch seine Visitenkarte und Tipps für ein gutes Thermalbad gab ("falls wir mal wieder in der Nähe sind oder Verwandte haben ..." zeigte das Thermometer 23°C um 8 Uhr an. Wir kauften bei einem Tante-Emma-Laden mit einer niedlich Viszontlátásra sagenden Tante Emma noch Ergänzungsfrühstück zu den Feldfrüchten von Stefan und Eszter und fuhren eine todlangweile Bundesstraße mit Bergwertung 4. Kategorie zum Balaton. Dort konnte uns nichts mehr vom Baden abhalten, und Christian erfreute sich an Pommes und Bild-Zeitung. Gerüchte, nach denen ich mir eine "Praline" gekauft habe, verweise ich ins Reich der Fabel. Allein der Gedanke ... ins Ensemble seichter deutschtümeliger Bierbauchglückseligkeit am Strand hätte es aber gepasst. Es war herrlich, kernige Hessen "werd' nicht zum Papa-Kind, pass auf, dass du nicht so fett wirst wie ich" und zukünftige ungarische Informatik-Absolventen und Schachgroßmeister (pass auf, Dinko!) beim Pflaumenessen mit Oma zu beobachten. Die Bild schreibt: "Was kein Loch hat, ist eine Kugel." Irre!

Nun ja, auf Empfehlung des Balaton-Experten Tobias fahren wir noch weiter in der unsäglichen Hitze, 60 lange, ebene Kilometer durch die Ferienhaussiedlungen des südlichen Plattensees bis an die Stadttore Siofoks, wo ein vermutlicher Student mit Deutschland-Parka uns in den Campingplatz einweist. Dann wieder Baden und Party!

Wir waren nach Gulaschkonsum mit dem Bus am "Coca-Cola-Beach", wo wir im "Spaghetti House" zu House tanzten sowie Karaoke sangen (The Doors, Riders On The Storm gab es nicht, aber "Light My Fire").  
In Siofok gibt es ein riesiges Cluster von Ramschläden und -ständen. Eine Frau versuchte uns rührend von den Vorzügen der Geheimnisbox zu überzeugen, doch wir waren genausowenig beeindruckt wie von Tokio-Hotel-T-Shirts, Skoda-Mützen, Holland-Trikots etc. Zwischen 2 und 3 Uhr nachts liefen wir zu Fuß nach Hause.
 
 

Fr, 18.8., Györ, km 1605:

Le vent nous portera

... zumindest, wenn es nach Norden geht - sozusagen unsere Glücksrichtung, was das Wetter anbelangt. So sind wir jetzt in Györ, und das ist fast schon an der Donau und an der Zugachse Wien-Budapest. Und das, obwohl die Nacht wieder sehr kurz und der Morgen unglaublich heiß war (man wünschte sich fast das slowenische Wetter herbei ...) Stilvoll war das Frühstück an der Strandpromenande von Siofok, wo wir gestern noch gefeiert hatten " eine "walkende" Asiatin ging viermal aus der selben Richtung an uns vorbei, die Security-Guards verglichen ihre Armbräune mit einem auf der Bank sitzenden Schwarzen, und wir tranken dazu kalten Kakao. Danach blies uns der Südwestwind ans angenehm ruhige Balaton-Ostufer, von wo aus dann eine nervige Bundesstraße nach Veszprem führt. Die letzten 2 km führten gen Westen, und vor Gegen- und Seitenwind wäre man fast vom Rad gefallen, als die Lkws auf der wieder mal offiziell für den Radverkehr gesperrten Straße an einem vorbeizogen.

Absolutes Highlight von Veszprem (gut, wir waren nicht in der Innenstadt) ist ein 24 Stunden geöffneter Supermarkt - wir nahmen die Gelegenheit wahr. Danach ging es in die Höhen des Bakony-Walds (Christian: "deutsches Mittelgebirge") - Tobias hatte ein paar Probleme ("hat mit Radsport in der Hitze doch nix mehr zu tun"), kämpfte sich aber nach ein paar kleinen Pausen (Ciao Agip!) auch bis vor die Tore Györs, wo uns ein Gewitter überraschte " diesmal war der Regen so willkommen wir wohl noch nie. Leider fanden wir nach einer Fahrt durch Plattenbausiedlungen (Innenstadt ist aber ganz schön), die an der Touri-I angespriesene JH nicht, aber eine Pension für 7000 Forint.

Leider warteten wir dann etwas lange aus unser Essen (2 Stunden), und der Kellner war etwas schlecht gelaunt. Die Eisdiele war auch schon zu, und es regnete noch nicht mal. Zum Glück haben wir TV auf dem Zimmer, wo "The Young Knives", die Simpsons und der tschechische Maulwurf laufen. Jetzt erstmal Schlaf aufholen, 14 Stunden in 3 Tagen sind nicht gerade viel! 

Sa, 19.8., Neusiedler See, km 1744:

Die Zusatz-/Streberaufgabe

Die Slowakei war eigentlich bei der Planung am Bonner Schreibtisch überhaupt nicht vorgesehen. Doch selbst meine sonst nicht gerade optimistische Mutter antwortete ja auf die SMS "Sind in Györ" mit "Prima, dann seid ihr ja morgen in Wien!" Kleiner Haken: Unser Nachtzug nach Bonn fährt ja erst Sonntag abend - und der Masterplan sah ja auch noch den nach meinem die Erwartungen übertreffenden Neusiedler See vor.

Nach einem Nescafé-Frühstück auf der Pensionsterrasse in Györ waren wir dann an einem weiteren sonnigen morgen nach 11 km an der slowakischen Grenze. Wir zeigten unsere Personalausweise, und der Grenzer fragte: "Wohin fahren Sie?" Ich antwortete: "Slowakei", und daraufhin ließ er mich durch. Ich fragte mich kurz, was ich hätte antworten sollen, dass er uns nicht durchlässt - aber dann wurde dieser Gedanke schon wieder durch den Eindruck der Donauüberquerung übertroffen. Von jetzt waren es noch 70 km im Gegenwind nach Bratislava. Wir versuchten mal kurz den Radweg auf dem Donaudamm, doch der war so gerade und langweilig ("Guck mal, 'ne Kurve!" - "Geil, 'ne Stromleitung!"), dass wir freiwillig auf die Landstraße wechselten, dann wieder auf den Radweg, von dem man schon die charakteristischen Plattenbausiedlungen und die schöne apricotfarbene Burg sehen konnte. Unser Aufenthalt in Bratislava bestand im Besuch der historischen Altstadt (ganz nett, sogar leicht touristy), einem McDonald's-Besuch, den Kauf von Ansichtskarten und Aufklebern. Von hier waren es noch 6 km bis zur Grenze, wo wir (wie landweilig) problemlos durchkamen und Fotos mit Handständen und getauschten Trikots und Brillen machten.

Die letzten drei Stunden verliefen durch Österreichs Armenstube, das Burgenland - tellerflach, Windräder und etwas ramshackle á la Ungarn. Am Ende näherten wir uns den Sonnenblumen, Mais- und Weinfeldern des Neusiedler Sees, wo der erste Campingplatz am Westufer in Breitenbrunn, d.h. 4 km seewärts vom etwas oberhalb liegenden Ort liegt. Wir wollten dort eigentlich unter freiem Himmel schlafen, aber beim Baden merkten wir schon, dass es vor Mücken nur so wimmelte. Jetzt sitzen wir in einem Biergarten, die anderen zwei hatten Wiener Schnitzel, und damit man auch ordentlich zunimmt im Urlaub, essen wir Kaiserschmarrn. Mit dem Rad von Zürich über Kroatien nach Wien? Eventuell eine lösbare Aufgabe. 

More lessons learned between Hungary and Austria:

 
 

So, 20.8., Wien Westbahnhof, km 1813 (offiziell km 1842):

To the end

So, Freunde des Radsports.: Das war es. 18 unglaubliche Tage, die nun wirklich alles boten, was das Herz eines 25jährigen begehrt. Nach einem letzten Instantkaffee mit Semmeln in der Morgenhitze des Neusiedler Sees stand im Leithagebirge die letzte Bergwertung der Tour auf dem Programm, und ich konnte mein "polka dot jersey" verteidigen. Dahinter folgte in Niederösterreich der Tour-Sieger in der Strecke "stärkster Gegenwind" und ohne jegliche Konkurrenz auch bei "höchste Flugzeugfrequenz" - in der Einflugschneise nach Schwechat geschätzt 1 Flugzeug pro Minute. Den Flughafen dort nahmen wir dann auch noch mit. Tobias versuchte vergeblich, eine Reservierung für den Zug von Wien nach Buchs zu kriegen, da er den Flughafen-Bahnhof nicht finden konnte.

Ein wenig später hatten wir einen unspektakulären Ortseingang von Wien (mit "Hupen-verboten-Schild") zum Zielfoto erreicht, darauf folgten ein Bad in der Donau, ein Sektimbiss (jaja, im Uns-Selber-Feiern sind wir gut, ne? 4 Jahre Rheinland hinterlassen ihre Spuren ...), eine Fahrt durch den Prater (eine meiner absoluten Lieblingsstrecken! Wie in den Herrenhäuser Gärten!) und durch die Fiaker zum Stephansdom. Und, genau wie ich es mir gewünscht hatte: Die 2,7 km von der Hofburg zum Wiener Westbahnhof verliefen in strömendem Regen, also ein  echtes Karthasis-Wetter am Enden. Love, reign (rain) over me (The Who). Tobias nahm um 17.30 den völlig überfüllten Zug nach Buchs, sein namenloses Rad, das sich, gerade mal 14 Tage alt, als treuer Begleiter erwiesen hatte, fand auch noch einen Platz. Christian und ich sitzen seitdem in einem Café, schreiben Postkarten, kommen überein, dass es eine geile Zeit war und warten auf den Nachtzug. 

Thanks, grazie, hvala, köszönöm und merci vielmal

Mitfahrer, Familie, Freunde, Geliebte, Songwriter für Ohrwürmer, leidenschaftliche Fahrrad- und zubehörhersteller, Gastgeber, Kollegen - you know who you are, würde Richard Ashcroft sagen. Und wie immer an meinen Schutzengel und denjenigen, der irgendwo über uns sitzt und bei einem Nescafé zu britischer Gitarrenmusik Zigarillo rauchend (so stelle ich es mir vor) den Masterplan schreibt. Nach meinen Erfahrungen ein cooler Typ. 

Awards

Stärkster Gegenwind: zwischen Leithagebirge und Donau

Stärkster Rückenwind: zwischen Balaton und Györ

Schönste Etappe: Dolomiten 8.8.

Größtes Ärgernis: Abendessen in Györ und morgendlicher Zeltplatzregen

Kältester Moment: Arlbergpass

Wärmster Moment: Südufer Balaton

Best Male Performance: Nachtzugschaffner

Bester Party-Abend: Siofok

Bestes Eis: Pordenone

Bester Sonnenuntergang: Siofok

Bester Ort, der nicht in deutscher oder holländischer Hand ist: Neusiedler See

Beste Aufstehzeit: 7 Uhr

Beste Ankunftszeit: 18 Uhr

Bester Moment auf der Straße: Sonne kommt raus aus Abfahrt vom Brenner

Fürchterlichstes Wetter: Slowenien

Längste Tankstellen-Pause: Telfs (3 Heißgetränke)

Beste Stimmung: 1. Abend in Ungarn, singend in der molwanischen Dunkelheit

Kürzeste Nacht: Zagreb II

Langweiligster Abschnitt: Donaudamm Slowakei

Bestes Getränk: kalter Kakao

Floyd-Landis-Award für den größten Unsinn: Tobias, Christian und ich

Treuester und hartnäckigster Begleiter: Regen

Best Diner: Hotel Mama

Worst Diner: Nudeln ohne Salz in Klausen

Unterschätzter Gegenstand: Müllsäcke, Panzertape und Kabelbinder

Überschätzter Gegenstand: Ersatzschläuche und Sonnenmilch

Unterschätzte Schmerzquelle: Fußballen

Überschätzte Schmerzquelle: Hintern und Beine

Schönste Stadt: Wien

Hässlichste Stadt: Karlovac (ging aber auch, nichts gegen Kirn, Solingen oder Gießen)

Fiesester Ohrwurm: Jenny Was A Friend Of Mine (Killers) und Fall (Editors)

Bester Radfahrer: Der, der in der Abfahrt des Pordoi abbremste, um mich zu fragen, ob ich auf  einer Weltreise sei und ob er ein Foto machen solle

Sieger Supermarktwertung: Spar (Italien, Österreich, Ungarn)

Sieger Bierwertung: Ozujsko (Zagreb) vor Karlovacko (Karlovac, auch Kroatien) und Heineken.

Sieger Tankstellen: Agip

Most Valuable Item: Schwalbe Marathon Smartguard plus (Reißzwecken-Test bestanden)

Sinnloseste Radspur: Brücke von Krk

Größtes Mysterium: Frauen und Radverbot auf ungarischen Bundesstraßen

Seltsamste Sprache: Ungarisch

Regenfreiestes Land: Slowakei

Beste Institution: Tankstellen (Zelte trocknen, kalte Getränke auch sonntags)

Wiederentdeckung der Tour und peinlichste Angewohnheiten: McDonald's und Coke

Beste Pizza: "Il Mundo", Borovje, Zagreb

Casualties: Deckel der Trinkflasche, RIP Neusiedler See und Datumsfunktion der Kamera, RIP Rijeka

Nervigster Typ: Arroganter Bettler mit Alkoholfahne in Wien Westbahnhof

Höchste Kutschendichte/höchster Molwanien-Faktor: Südwestungarn

Best Female Performance (außer Petra): Grenzerin zwischen Ungarn und Kroatien