1. Etappe, 20. Oktober: Basel SBB – Flughafen Basel / Marrakesch Flughafen – Marrakesch Hostel

Distanz
14,7 km
Fahrzeit
k.A.
Geschwindigkeit
k.A.
Höhenmeter
k.A.
Höchster Punkt
k.A.
V max.
k.A.

Jan: Alfred Biolek Medina Version - Die erwartete Reizüberflutung

Ein Springbrunnen plätschert idyllisch im wunderschönen Riad des Hotel Fantasia in Marrakesch. Stationen zwischen dem letzten Eintrag und hier: Sankt Gallen, der Sihlsee, Treffen mit Christian am Bodensee, Ankunft von Rookie Philipp in Sankt Gallen, Umstieg in Zürich, Treffen mit Claudia bei Basel SBB, Abflug von Mulhouse, Flug über eine beeindruckende marokkanische Landschaft, und Ankunft in Marrakech Airport. Dort haben wir unsere Räder wieder zusammengebaut und den Weg in die Stadt gefunden. Nach etwas Reizüberflutung (Straßenschilder? Forget it!) vor und hinter dem Djemaa el Fna, der früher eine Hinrichtungsstätte war und heute einer klassischen Mischnutzung von Leerstand, Gauklern, Orangensaftständen, Trockenfrüchten und Open-Air-Grills unterliegt, konnten wir nun erst einmal die Meute geschäftstüchtiger Dreikäsehochs abwimmeln und befinden uns bei einem Minztee in dieser Oase der Ruhe. Alle spielen begeistert mit ihren Smartphones (Philipp hat schon das App-Referat von Christian übernommen) und ein kauziger Engländer fragt uns, ob wir das Wort “shit” kennen. Apropos shit: Mein Schaltwerk hat sich beim Flug völlig verbogen. Das Abenteuer beginnt eben schon immer damit, wie das Fahrrad aus dem Flugzeug kommt. Mal schauen, welche Gänge so überhaupt nutzbar sind. Aber ab jetzt leben wir wieder in der Lage - goodbye, sekundengenauer nordeuropäischer Perfektionswahn, hello, ständige Improvisation.

Unser Hostelbesitzer Said macht einen sehr netten Eindruck, raucht nach eigenen Angaben alles, und zeigt uns noch auf einem Stadtplan den Kontrast zwischen Altstadt (hier befinden wir uns) und Neustadt (braucht man nicht zu sehen). Übrigens: Ganz schön enge Straßen hier. Auf einer Straße, die auf der Karte so gezeichnet ist, dass darauf in Hannover locker zwei Lkws aneinander vorbeifahren könnten, würden hier zwei Fahrräder zwangsläufig frontal kollidieren. Fahrradfreundliche Medina in NRW - wohl kaum. Trotzdem eine schöne Einstimmung auf das, was uns in den nächsten Tagen erwartet, weil eben anders als zu Hause.

Auf unserem Abendspaziergang durch die Medina sicherten wir uns noch bei einem der 500 Orangensaftverkäufer einen Vitaminschock und schlugen uns bei einer Garküche, bei der nach eigenen Angaben Alfred Biolek Sauerkraut kostet, den Bauch so voll, dass uns die hungrigen bettelnden Kinder, so grotesk das klingt, hier irgendwie sehr recht kamen. Die Zahl des Tages zum Abendessen: geschätzte 100, Anzahl der Taschentuchverkäuferinnen (ja, nur Frauen), die uns heute Abend ihr Top-Produkt unterjubeln wollten. In der Nacht ruft übrigens wieder der Muezzin. Also ist der GND nach 3 Jahren wirklich zurück im Islam.

 

Christian:

Heute kommt Teil 2 der mehrstufigen Anreise zum Startpunkt. Im Programm hatten wir Rad fahren, Rad schieben, Bahn fahren, Flugzeug fliegen, zu Fuß gehen. Das ist körperlich ein geringerer Aufwand, als sich im freien Fall aus der Tropopause zu stürzen oder gar den Etzelpass hinauf zu fahren, aber es zieht sich wie Kaugummi und ich habe drei Kreuze gemacht, als wir in Marrakesch die Tür des Riad-Fantasia-Hostels hinteruns und unseren Rädern geschlossen hatten. Tobi durfte als letzter durchatmen, da er die Ehre hatte, die hanebüchenen Forderungen des Medina-Guides abzuwehren, den wir nie gebucht hatten , die im Laufe der Zeit in Beschimpfungen transformierten. Aber der Reihe nach.

In der Schweiz kann normalerweise ziemlich wenig schief gehen, wenn man selber keine Fehler macht und so können wir schon bald vorm Basler Bahnhof mit Claudia die fünfte Reckin und Teamärztin begrüßen. Damit sind wir nun komplett und radeln in den nur knapp 8 km entfernten Flughafen, von dem ich bisher nur gehört habe, aber nicht wusste, dass er so nah an der Stadt liegt. Hier beginnt jetzt das bereit gewohnte Spiel des Auseinanderbauens und Verpackens der Fahrräder. Ich nutze zum ersten Mal eine extra Reisetasche von Veloplus und bin schier begeistert. Mega praktisch und wenn die Pedalen nicht die Speichen des ausgehängten Vorderrads zerschießen, dann ist glaube ich alles gut. Philipp schwört auf die Frischhaltefolie-Taktik, die ich mit Steffen letztes Jahr auch erfolgreich verwendet habe. Man kann sich merken, dass zwei Rollen dieser handelsüblichen Folie ausreichen, um ein Fahrrad sachgerecht zu verpacken. Ein kleines Problem ist es, dass ich kein Aufgabegepäck gebucht hatte und erstmal merke, was diese Entscheidung für mich bedeutet: Ein kleines Problem nämlich! Gut ist dann, wenn die anderen im Team diesen Fehler nicht ebenso begangen haben und man sein Gepäck bei ihnen verteilen kann. Besonders Tobis 500-Liter-Gepäckvolumen-Taktik in vier ausgewachsenen blauen Ortliebtaschen erwies sich da als äußerst hilfreich.

Hoffentlich können wir unsere Räder auch alle wieder in genau der gleichen Form wieder aufbauen, wenn wir  den Flug hinter uns haben. Ich muss zugeben, dass ich bei sowas immer hibbelig bin, wenn ich Geräte aus meinem Einflussbereich in andere Hände gebe, die eine relativ hohe „Könnte-auch-nicht ganz-gutgehen“-Wahrscheinlichkeit haben. Easyjet-Personal, mein Vertrauen ist bei euch. Bis zum Ende Europas verlief der Flug eher unspektakulär, denn unter uns befand sich durchgehend eine geschlossene Wolkendecke. Passend zur Straße von Gibraltar, wirklich messerscharf mit der europäischen Landgrenze übereinstimmend, verschwanden die Wolken und es eröffnete sich uns (zumindest denen, die am Fenster saßen wie mir) ein genialer Blick über die Straße von Gibraltar, das Riff-Gebirge und den Atlas.

Grenzkontrolle und Gepäckrückgabe funktionierten einwandfrei, wenn auch Tobi und Claudia die Pass-Abfertigung-Schlange wählten, bei der es ca. 15 Minuten länger dauert. Aber wir sind ja auf Radtour und nicht auf der Flucht. Flucht wäre bei Passkontrollen sowieso immer die dümmste aller möglichen Optionen, sofern man nichts auf dem Kerbholz hat. Auch die Fahrräder waren schnell wieder zusammengebaut, jedoch stellte Jan, kurz bevor ich erleichtert durchseufzen wollte, wie gut doch alles geklappt hat, fest, dass seine Schaltung irgendwas abbekommen hatte und ein Schalten auf das größte Kettenblatt nicht mehr möglich war. Trotzdem erwies sich Katja als rollfähig und so taten wir dies wegen der einsetzenden Dämmerung recht bald in Richtung City. Die Straßen sind riesig und in mehrere gleiche Teile mit mehreren Fahrspuren eingeteilt, auf denen sich alte Mercedes (Modell W123, wie Philipp erfreut feststellte), andere Autos, Eselkarren, Fußgänger, Radfahrer und v.a. Mofafahrer die Klinke in die Hand geben. Sieht chaotisch aus, ist aber voll easy. Irgendwie in Richtung Zentrum der Stadt zu kommen ist einfach, aber dann ohne genaue Ortskenntnis in der Dämmerung im Fortbewegungsmittel-Reperatur-Viertel zu stehen und keine genaue Orienttierung zu haben bedeutet schon eine größere Herausforderung. Neben der zunehmenden Enge, Hektik und Dunkelheit kommt nämlich hinzu, dass es zwar schön ist, einen Stadtplan zu haben, dieser aber kaum nützt, wenn man nicht feststellen kann, wo man sich denn überhaupt gerade befindet. Daher fahren wir erstmal auf Gefühl der Nase nach. Hier vollbepackt stehen zu bleiben ist sowieso keine Option. Und nun zahlt sich mein fotographisches Gedächtnis und die Exkursion 2006 aus. Ein paar Dinge kommen mir bekannt vor und ich kann uns zum zentralen Platz, dem  Djemaa el Fna führen. Ein Meilenstein, hier zu sein. Nun noch ein paar Meter zum Hostel, dann beginnt das Touri-Programm. Doch ein Hostel in der Medina von Marrakesch heißt auch, dass man es suchen muss, anstatt es an einer großen Leuchtklame kilometerweit zu erkennen, wie in Deutschland einen McDonalds. Erschwert wurde dieses Unterfangen durch enge und unheimlich wuselige Gassen, durch die wir suchend mit vollem Gepäck durchschoben und nebenbei noch hupende Mofafahrer passieren ließen, viele Gastro-„Tipps“ entgegennahmen, Bettler abwimmelten und auf Hilfs-, Stadtführungs- und Navigationsangebote eingingen.

Doch dann Hostel-Türe zu, hingesetzt, Tee bekommen. Geil. Wir sind da! Das Hostel ist zudem noch ein Kleinod mit Springbrunnen, gegossener Badewanne, Dachterrasse, coolem Hostelpapa und seltsamen, älteren Hostelgast in der Ecke. An diesem Punkt beginnt nun für mich die eigentliche Tour und die Anreise ist endgültig abgeschlossen. Also schnell wieder raus in Getümmel, was essen und Fotos machen. Unser Weg zurück zum Djemaa el Fna kommt mir nun zehn Level ruhiger vor, obwohl es mindestens noch genauso voll ist und mich der Gastwirt von eben natürlich wiedererkennt und nochmals auf sein reichhaltiges Angebot hinweist. Was ich von meiner Exkursion in nachhaltiger Erinnerung behalten habe, sind die übelst leckeren Säfte hier und somit beglücke ich das Team mit je zwei Bechern Apfelsinensaft und einem Becher Pampelmusendrink. Den Gauklerplatz oder die Stadt usw. zu beschreiben ist schwer. Es ist klasse und man muss es einfach selbst erleben. Nur wo essen gehen? Auswahl hat es genug, fast schon zuviel, überzeugen konnte uns letztendlich ein spaßiger Werber, der behauptete, an seinem Stand würde Alfred Biolek kochen. Anscheinend sahen wir noch nicht überzeugt genug aus, denn schnell erweiterte er den Kreis der hier beschäftigen Deutschen Promis noch um Tim Mälzer. Bei soviel Überzeugungskraft können wir gar nicht nein sagen und setzen uns. Praktischerweise sitzen wir im äußeren Kreis direkt am Rand, so dass uns die günstigen Angebote von Uhren, Süßwaren, Taschentüchern und Sonnenbrillen nicht entgehen. Da hier mehrere Händler mit der gleichen Produktkategorie unterwegs sind, ist wohl davon auszugehen, dass man als Konsument durch den vorhandenen Konkurrenzdruck die besten Preise am erzielen kann. Neben lecker bekommt unser Essen außerdem das Attribut reichhaltig. Für’s nächste Mal merken: Weniger bestellen!

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