2. Etappe, 21. Oktober: Marrakesch - Ben Guerir

Distanz
72,61 km
Fahrzeit
3 h 33 min
Geschwindigkeit
20,48 km/h
Höhenmeter
296 m
Höchster Punkt
573 m NN
V max.
31,47 km/h

Jan: Auf der 9 ins untouristische Marokko

Die erste Marokko-Etappe liegt hinter uns. Für GND-Sommertourverhältnisse ist sie kurz, da wir das Teilstück nach Casablanca nicht in 2, sondern in 3 Tagen absolvieren wollen. Schließlich ist ja Urlaub...
Nach einem Frühstück mit Minztee, Kaffee, Pfannkuchen und Marmelade fanden wir den Ausweg aus dem Medina-Labyrinth, kauften noch einmal 5 große Wasserflaschen und waren dann auf der Ausfallstraße N9 nach Casablanca. Es ging durch Olivenhaine in der Steinwüste, in unserem Rücken war der Atlas zu sehen - ein großartiges Gefühl, wieder fernab der Heimat in einer etwas anderen Welt unterwegs zu sein. 2009 lässt grüßen, nur fühlt sich hier wohl auch dank des arabischen Alphabets alles noch eine Stufe fremder an. Ca. 10 km und viele Granatapfelverkäufer hinter Marrakesch fängt parallel zur N9 eine Autobahn an, auf den der Großteil des Verkehrs umsteigt, und bei km 30 erreichen wir Sidi Bou Outhmane. Hier schlugen wir uns wie schon gestern Abend den Bauch an einem Straßencafé voll, diesmal mit Tajine. Christian hätte geschrieben: Die marokkanische Küche weiß zu überzeugen, oder so. Außerdem stellten wir fest, dass das Problem meiner Schaltung auf einem durch den Flug wohl verbogenen Umwerfer beruht. Der große Zahnkranz fährt folglich nur zur Dekoration mit. Macht aber wenig, so lange es so flach bleibt wie heute. Den Lenker hätte man übrigens genauso zu Hause lassen können.

In Ben Guérir waren wir dann schon gegen 14.30 und hätten wohl auch noch ein paar Stündchen weiterfahren können. Aber wir blieben hier und fanden das Hotel Milano am Nordende der Stadt, wo zwei Zimmer für uns fünf 300 Dirham kosten. Bei der Frage "douche?" nickte der Hotelbesitzer und zeigte uns eine Toilette mit Waschbecken. Wir schlugen trotzdem mangels Alternativen zu. Wir entdeckten in dieser 70.000-Seelen-Stadt (das Landshut Marokkos?) noch den Bahnhof, Orangenbäume, ein Lounge-Café, aßen Mini-Bananen und anschließend Hackfleisch - sehr bekömmlich, genau wie sich Philipp das wohl schon auf den letzten Kilometern vorgestellt hatte. Wir haben weiterhin keine einzige Alkoholverkaufsstelle gefunden - ein krasser Kontrast zu Türkei, wo einen Efes-Pilsener-"Büfes" von jeder Straßenecke anlachten. Die Außenwette, dass uns eine Marokkanerin im Dirndl fünf Maßkrüge bringt, verliert Markus Lanz wohl. Dafür gibt es auch hier viele Bettler. Eine verrückte Welt, und wir sitzen mittendrin und spielen eiskalt UNO. Es ist 7.30 morgens und Philipp hustet uns alle wach, da braucht man gar keinen Muezzin mehr.

 

Christian:

Eine Nacht ohne Zwischenfälle, Philipp laboriert noch etwas an seiner Erkältung, beschert uns nun auch Marrakesch bei Helligkeit und blauem Himmel. Von der Dachterrasse aus glaubt man nicht, wie wuselig es ein paar Meter weiter in der Medina ist. Bevor wir losdüsen, bekommt Jan auch noch eine Tourfrisur verpasst, diesmal mit dem neuen Haarscheider und korrekt gewählter Haarlänge.

Im Vergleich zu gestern Abend sind die Straßen jetzt sehr angenehm leer, kein Gedränge oder Gehupe, wir kommen easy raus aus der Stadt und nehmen Kurs auf Casablanca. Wie weit wir fahren, wissen wir nicht. Angepeilt ist es, die Strecke zu dritteln. Ich stelle fest, dass mein Fahrrad mit den 5 mm dickeren Reifen und Beladung erschreckend schwergängig wirkt. Am ersten kleinen Anstieg wird das noch deutlicher und es beruhigt mich, als Philipp in einem seiner Sätze erwähnte, dass mein Reifen hinten noch etwas Luft vertragen könnte. Möglicherweise kann ich die Perfomance von Ricola mit einer Luftpumpe ernorm verbessern.  Apropos Philipp: Ziemlich zu beginnt legten wir beide eine Streifkollision hin, ähnlich wie ich und Tobi beim BaltEx, nur mit umgekehrten Rollen. Nachdem er aber einen Sturz noch gerade so verhindern konnte, waren wir erstmal beide wieder wach und aufmerksamer als je zuvor. Aufmerksam sein muss man hier auch, denn es gibt zwar einen schönen kleinen Randstreifen, der wie gemacht ist für uns, aber der weiße Begrenzungstreifen ist in regelmäßigen Abständen gespickt mit kleinen Reflektorhügel, die einen unangenehm durchschütteln, wenn man drüber fährt. Dadurch fällt mir aber erst auf, wie unterbewusst gerne ich anscheinend genau auf der Linie fahre.

Hinter einem kleinen Anstieg eröffnet sich ein wohl recht neue und aus dem Boden gestampfte Ort, dessen Namen ich mir natürlich nicht gemerkt habe. Hier beschließen wir, eine Pause einzulegen. Bei der Bewertung der Hungerlage hat Claudia ein gewichtiges Wort und nachdem ein Blick auf die Karte keinen weiteren Pausenort in naher Zukunft in Aussicht stellte, beschieden wir, uns hier an den Tisch zu setzen. Im Rahmen einer Gruppenbestellung probierten wir dieses Mal Tagine aus, jenes marokkanische Gericht, welches im stylischen Tongefäß gereicht wird. Ich machte hier Bekanntschaft mit einem Einwohner, der erst vor Jahren aus dem Jemen hier hinzog und nun Kind und Kegel besitzt. Er bestätigte meine Vermutung, dass dieser Ort in den letzten Jahren erst errichtet worden wäre und immer noch viel aufgebaut würde. Das hat man an den großen Rohbauten am Ortsbeginn ebenfalls schon erahnen können. Ich denke, dieser Herr hätte bestimmt noch einige Geschichten erzählen können, immerhin kannte aus nicht Köln, aber Bonn, doch ein hupender W123 ließ ihn den Tisch wieder verlassen und er fuhr davon. Neben dem Essen nutzen wir die Pause für eine Schadensbeschau an Jans Schaltung. Nachdem wir viele Schadensbilder durchdiskutiert und Philipp die Verstellschrauben in jegliche Richtung justiert hatte stellten wir schließlich fest, dass es sich um ein klassisches Biegeschadensbild handelt. Wir können dieser Sache also nur mir roher Gewalt entgegenwirken, doch die Wahrscheinlichkeit, dabei mehr kaputt als heile zu machen, hält uns davon ab. Immerhin kommt Jan auch auf dem mittleren und kleinen Kettenblatt noch gut vorwärts.

Gestärkt wieder auf die Straße, weiterhin alles bietet was man so braucht, nur keine Kurven mehr. Es einfach nur geradeaus, der Lenker ist auf diesem Stück nur unnötiger Ballast. Die Landschaft wird immer karger und fast schon wüstenähnlich. Putzige Kakteenfelder setzen Farbtupfer im sonstigen rot-braun und die Palmen, die um Marrakesch noch die Straßen säumten, sucht man auch immer vergeblicher. Ab und zu rauscht ein Zug auf der benachbarten Bahnstrecke vorbei, was irgendwie eine bizarre Kulisse ist.

Ziemlich früh erreichen wir  Ben Guerir, ein Ort, von dem wir bei der Einfahrt noch nicht genau wissen, ob er unser Etappenort werden soll oder nicht. Bei einer Kaffee- / Teepause, bei der sich die Auswahl zwischen zwei nebeneinanderliegenden Cafes als extrem schwierig erwies, beschließen wir, hier unsere Zelte aufzuschlagen. Bzw. ein Hotel zu suchen, denn die Zelte haben wir ja nicht dabei. Es bietet sich das Hotel Milano an, in guter Nähe zum Bahnhof, Erlebnisdusche, baulich hygienischer Etagentoilette und Balkonzugang. Nun ja, was braucht man schon nach nur 70 km. Eigentlich nicht viel und zügig gehen wir zurück in die Stadt. Philipp vertreibt sich den Weg mit der Rätselfrage, ob es sich bei der gepfückten, grünen Frucht nun um eine spätere Zitrone oder spätere Orange handelt. Da wir diese Frage nicht mit endgültiger Sicherheit beantworten können, entscheiden wir uns für den klar definierbaren Genuss von Babynanen und einem Tee in der örtlichen WiFi-Sports-Bar, wo uns der Aufenthalt durch einen kitschig-schönen Sonnenuntergang versüßt wird. Dazu muss man wissen, dass einem in solchen Bars sonst am liebsten der Tee versüßt wird.

Neues Abendessen, neuer Geschmack, diesmal: gegrillte Hackfleischbällchen. Das ist gar keine so schlechte Wahl. Ich würde sagen, es kommt der durchschnittlichen mitteleuropäischen Geschmacksrichtung schon sehr nahe. Als Getränke dienen Fanta und Cola, denn wie schon am Vorabend in Marrakesch ist es hier einfach nicht en vogue, Bier zu trinken und der Zugang zu solchen Getränken deutlich schwieriger als in der Türkei zum Beispiel. Den noch jungen Abend beschließen wir im Zimmer unseres Gruselhotels mit einer Party UNO ausklingen zu lassen. Ich kenne das Spiel bisher als lahmes Mau-Mau-Generika und grummele ein bißchen, warum ich denn auch Wizard zu Hause vergessen habe (damit hätten wir die zweite nicht eingepackte Sache). Aber mit den von Philipp erklärten Regelerweiterungen wie schlagen, durcheinander werfen und bestrafen wird das Spiel nicht nur komplizierter, sondern auch spannender. Auch Jan, der den quietschbunten Karten erst skeptisch gegenüber steht, können wir mit solchen Regelerweiterungen von der Attraktivität dieses Zeitvertreibs mehr als überzeugen und auf improvisierten Möbeln mit dem kompletten Team loslegen. Eine dauerhaft bequeme Lösung war Tobis Stuhl aus einem 6er-Träger Wasserflaschen aber noch nicht.

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