3. Etappe, 22. Oktober: Ben Guerir - Settat

Distanz
96,60 km
Fahrzeit
4 h 05 min
Geschwindigkeit
23,65 km/h
Höhenmeter
478 m
Höchster Punkt
510 m NN
V max.
47,51 km/h

Jan: Sympathische Überführungsetappe

Herrliche Landschaft, eher wenig Verkehr, gutes Essen, Touri-Faktor Null, dazu strahlender Sonnenschein, kaum Wind und Temperaturen knapp über 25°C - Radfahrerherz, was willst du mehr. Nach 9 Stunden Schlaf im Gruselhotel - trotz lärmender Hauptverkehrsstraße und dem frühs rufenden Muezzin - servierte uns eine der typischen Kopftuch-Pfannkuchenfrauen ein leckeres Frühstück am Straßenrand. Nach dem ersten Zwischenstopp bei km 26 landeten wir in einem Café, in dem man herrlich den Alltag eines marokkanischen Marktfleckens beobachten konnte. Primär wurden Schafe und Ziegen auf Kleinbussen oder Mofas durchs Dorf gekarrt oder per Hand getrieben. Die Dorfjugend trägt dazu am liebsten adidas-Jacken und Fußballtrikots (ich wette, die schlagen uns hier haushoch in einem Champions-League-Quiz). Beim zweiten Stopp lief die ganze Grundschule durchs Dorf, wir genossen O-Saft, die leckerste Fanta der Welt und anschließend wieder ein superleckeres Tajine-Hackfleischgericht. Völlig zugeräuchert vom Straßengrill ging es auf die letzten 30 km nach Settat, was deutlich größer ist als Ben Guérir. Hier fanden wir auch gleich ein sauberes Hotel. Der Hotel"junge" ist einer dieser 150jährigen Marokkaner und will von allen Trinkgeld für seine Dienstleistung (worin auch immer sie bestehen mag außer einfach im Weg zu stehen), sonst - so habe ich die Geste interpretiert - schneidet er dem Teamweisen die Kehle durch.

Settat ist eine lebhafte Hochschulstadt, deutlich sympathischer als Ben Guérir, auch mit einer deutlich geringeren Kopftuchquote. Auch hier war das Abendessen wieder einmal ein Volltreffer: Hühnchen, Pommes frites, Spezi, alles mit französisch-arabischem Radebrechen (französische Speisekarte heißt: Die Überschriften sind französisch, die Gerichte arabisch) für 'nen Appel und ein Ei, dazu läuft Sevilla gegen Malaga im Fernseher. Als Etappenausklag haben sich hier der marokkanische alkoholfreie Whiskey und UNO eingebürgert. Das war’s für heute vom rollenden Farbkasten.

 

Christian:

Der Morgen graut und wir haben tatsächlich alle gut geschlafen. Das ist deshalb bemerkenswert, weil sich quasi in unmittelbarer Nachbarschaft ein Bahnstrecke, die Hauptstraße und der Muezzin befinden, die schon für eine nicht geringe Geräuschkulisse sorgen. In einem Anflug von Paranoia haben wir am Abend noch die äußeren Fensterklappen geschlossen, so dass uns niemand hätte vom Balkon draußen im Schlaf beobachten können. Philipp dankte zudem Tobi für die aufgebrachte, nächtliche Beschützerleistung. Zum Frühstück serviert uns eine coole alte Frau Crepes mit Honig und ein nicht minder coolerer älterer Herr serviert uns den Tee mit einer Showeinlage und gießt den Tee in 4 von 5 Versuchen mit Bravur aus einem Meter Höhe in die Tassen ein. Übrigens fahren auf der Straße andauernd Mercedes W123 vorbei, aber das ist ja schon nichts besonderes mehr.

Schon nach 28 km machen wir die erste Pause. Von der Topographie her können wir bis jetzt eher ruhiges berichten, gibt nur leichte Steigungen und Abfahrten und zur Abgrenzung von gestern auch mal wieder Kurven. Das Wetter ist weiterhin Radfahrers Liebling und wir transportieren unser Termingepäck weiter fröhlich durch alle Herren Länder. Terminfracht wird auch hier wie wild transportiert. Dabei handelt es sich augenscheinlich zumeist um Schafe, Ziegen oder manchmal auch Kühe. Transportiert werde sie auf allem, was man sich vorstellen kann, auf Mofas, Autodächern, Eselskarren, per Hand. Am drolligsten fand ich die Option eines Mannes, der die Hinterbeine des Schafs in der Hand hielt und das Schaf dann auf dessen Vorderfüßen vor sich her schob wie eine lebende Schubkarre. Das ist für das Tier wahrscheinlich absolut kein Spaß, aber es wirkt auf mich trotzdem rücksichtsvoller, als wenn es, wie ebenfalls gesehen, auf dem heißen Krümmer eines Mopeds sitzend transportiert. Es ist ein buntes Treiben in diesem Ort und die Kids aus dem benachbarten Schulshop begucken unsere Räderm hören dazu Rap-Musik und tragen fast alle Adidas-Jacken und Fußball-Trikots. In diesem Cafe wird mir auch der bisher größte Zuckerwürfel zum Tee gereicht, den ich je gesehen habe.

Wir setzen unsere Reise fort und es folgt eine rauschende Abfahrt zum nächsten Flussbett, dazu wird es grüner, die Kakteenfelder dichter und die Temperaturen merklich höher. Als wir sogar durch einen kleinen Wald fahren, ist die Wüste nun wohl wirklich abgehakt. Zur Mittagspause wählen wir zum ersten Mal, aber ganz in GND-Tradition, eine Tankstelle aus, die leider nur mit Getränken, aber nicht mit Speisen auftrumpfen kann. Der Wirt sieht ein bißchen aus, als hätte man Tim Mälzer (dieser Fernsehkoch wird wohl ein roter Faden der Tour) in einen Marokkaner verwandelt. Er verblüfft zudem mit einem Espresso, den er serviert, der aber von niemandem bestellt wurde. An dieser Stelle ein Rätsel für alle, die das hier lesen: Von wo nach wo laufen in Deutschland Ticker-Meldungen durch den Fernsehbildschirm, und wie sieht es dann in Marokko aus? Was zum essen finden wir auch noch im selben Ort und während wir so im Rauch des Grills sitzen erkennen wir das hiesige Geschäftsmodell: Man setzt sich in das Grillrestaurant seines Gastwirtes, was sich dadurch auszeichnet, dass er einen befeuerten Grill, Tische und  Stühle besitzt. Das bestellte Fleisch kauft er beim benachbarten Fleischverkäufer, wo genügend herumhängt. Während er dann grillt läuft ein Gehilfe zum benachbarten Getränkehändler, kauft die gewünschten Softdrinks und serviert diese. Wenn man am Ende bezahlt rennt der selbe Gehilfe zum Nachbarn oder benachbarten Geldwechsler und kommt mit dem Wechselgeld zurück.

Als Etappenziel peilen wir Settat an, ein Ort, der ideal gelegen ist, um am nächsten Tag früh nachmittags in Casablanca zu sein. Unterwegs fällt mir auch, wie oft in Marokko die Geschwindigkeit des Verkehrs von der Polizei überwacht wird. Zurück zu Settat. Weil wir vom dem Ort vorher noch nichts gehört hatten, fuhren wir auch ohne große Erwartungen hierher und wurden sehr positiv überrascht. Settat ist eine sehr quirliges und schöne Universitätsstadt, ziemlich untouristisch aber mit einer angenehmen Atmosphäre. Auf dem Basar schaffen es Tobi und Philipp sogar, Popcorn zu erstehen den Feierabendtee genießen wir auf einem schönen Balkon direkt am Plaz mit der Moschee. Von hier können wir nicht nur das Treiben in der Stadt beobachten, sondern auch die Störche, die in Scharen hier auf dem Weg zu ihren Winterquartieren hier eine Rast einlegen. Ich möchte an dieser Stelle auf die Entdeckung von Hawaii aufmerksam machen, einer sehr leckeren, knallorangen Mulitvitamin-Limonade.

Dem eher marokkountypischem Abendessen mit viel Pommes, halben Hähnchen und Omlette folgt die nächste UNO-Session im Hotel. Diesmal geht es um Runden, d.h., wer verliert gibt am nächsten Tag eine Runde. Soweit sogut, denn jetzt sind wir schließlich schon alle UNO-Experten. Von wegen! Als eigentlich stimmt das, nur ich war zu doof, die Regeln zu verstehen und haue unnötig auf den Stapel, obwohl ich die Siegkarte in der Hand halte und falle zurück auf den letzten Platz. Soviel Doofheit muss bestraft werden, aber nun werde ich mich einfach wieder abregen, trotz soviel eigenen Unvermögens

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