4. Etappe, 23. Oktober: Settat - Casablanca

Distanz
75,29 km
Fahrzeit
3 h 03 min
Geschwindigkeit
24,67 km/h
Höhenmeter
150 m
Höchster Punkt
360 m NN
V max.
55,93 km/h

Jan: Manche mögen's heiß / Casablanca

Es wird immer heißer und vor allem auch schneller auf diesem Maghreb-Express. Nach Croissants, Baguette, O-Saft und Café auf der Terrasse verließen wir Settat mit 30 km/h und 30°C - etwas zu heiß und zu schnell für einige Mitfahrer, die bei Tee und Kaffee auf unserer Tankstellenpause erst einmal wieder zu sich kommen mussten. Der Verkehr und das wilde Gehupe (zu 30% waren es Schafstransporter) wurde immer dichter und lauter, je mehr wir uns Casablanca näherten. Unsere Mittagspause legten wir in Mediouma, 19 km vor Casablanca, ein. Hinter dem Straßengrill (stelle man sich mal mit diesen Rauchschwaden in einer deutschen Fußgängerzone vor … da würde das Gewerbeaufsichtsamt wohl auch “lol” denken) genossen wir noch Hackfleisch und Gemüse, bevor wieder einmal eine Stunde Einfahrt in einem Großstadtmoloch auf dem Programm stand. Es lief aber ohne größere Probleme, man muss sich einfach gut konzentrieren. Am ersten Halt holten wir unsere Reiseführer raus und fanden gleich ein sympathisches sauberes Hotel aus der Empfehlungsschnittmenge von Lonely Planet und Dumont.

Das Abendprogramm war auch nicht von schlechten Eltern: Casablanca ist aufgebaut wie Paris, d.h. primär aus sich in irren Winkeln schneidenden Boulevards. Richtung Meer grüßt schon die imposante Hassan-II-Moschee, das größte Bauwerk Marokkos mit wunderbarem Blick auf das Schauspiel, wie die Sonne über die Dunstglocke am Atlantik untergeht. Ein paar Halbstarke badeten noch tollkühn im steinigen Meer. Eher zufällig landeten wir noch in einem fantastischen Café in einem Innenhof (Cafe Maure), das ein recht intellektuell-kosmpolitisches Flair besaß. Das Essen war wieder einmal fantastisch, die Girls vom Nachbartisch spendierten noch ein Stück Geburtstagskuchen - es blieben erstmal keine Wünsche offen.

Auf dem Nachhauseweg trafen wir zu den ersten Regentropfen noch zwei aufgeschlossene marokkanische Studenten, die inschallah ihren Weg ins Ausland finden und dafür schon am Goethe-Institut Kurse belegen, Bitburger-Reklamesongs auswendig lernen und (viel wichtiger) Jan Schlaudraff kennen, sowie einen eher bemitleidenswerten polyglotten marokkanischen Alkoholiker, der irgendwann aus Rüsselsheim vertrieben wurde. Seine letzten Worte, bevor wir ihn abwimmeln konnten, waren: "Ihr könnt von Glück sagen, dass ihr mich getroffen hat, denn das waren Kriminelle". Alles klar. Wir fanden tatsächlich noch eine Bar, in der man Bier trinken konnte. Man darf keine Fotos machen, außerdem kam es noch zu einem Stromausfall zu den Bildern der Champions League - wie gesagt, hier wohl größer und wichtiger als in Deutschland. Außerdem gibt es auch McDonald's, also willkommen zurück in der globalisierten Welt.

 

Christian:

Im Vergleich zum Hotel am Tag zuvor konnte unser Hotel Bel Air in Settat mit weniger Gruselfaktor, dafür aber mit WiFi, vereinzelt gesichteten Kakerlaken und einem schönen Frühstück inkl. Kaffee aufwarten. Ich hielt es für eine spontan gute Idee, dieses Jahr eine Hotelbewertung in meinem Roadbook festzuhalten, die wir jeweils in großer Runde beratschlagen. Jans deutete als Statistigator leichte Zweifel an der Seriosität des gewählten Bewertungssystems an, bei dem unsere Gastwirte immerhin bis zu sechs Sterne in jeder Kategorie absahnen könnten. Kategorien gibt es genug in bei mehrmaligem Ausfüllen wir mir manchmal selber nicht klar, war ich das so ausgewählt habe, was mich generell aber nicht mehr groß erstaunt. So bewerten wir also just-for-fun ein bißchen vor uns hin und ich habe schon angedroht, das ganz zu Hause sowieso nochmal überarbeiten zu wollen.

Der Morgen beginnt wie in Deutschland ein typischer Hochsommertag und die eher flache Strecke führt uns Richtung Casablanca. Die Hitze verlangt einem Radfahrerkörper schon etwas anderes ab, als bei Frosttemperaturen unterwegs sein, auch wenn das jetzt nicht nach großer Erkenntnis klingt. Bei Temperaturen jenseits der 30°C setzt bei mir ein ähnliches Unwohlsein ein wie wohl Tobi es auch bei trockenem Wetter und mehr als 20°C empfindet. Aber als Band würde man sich ja auch nicht beschweren, nur weil man sein Goldenen Schallplatten nur mit Mühe tragen kann. Vor dem Endspurt nach Casablanca legen wir eine erneute Mittagspause in der mittlerweile vertrauten marokkanischen Gastronomieumgebung ein. Auch unsere Speisenauswahl hat sich professionalisiert und wir schwören jetzt auf gegrille Hackfleischbällchen mit gegrilltem Gemüse, was meistens Tomaten bedeutet.  Der GND hat zur Zeit einen Verbrauch von ca. 1 kg Hack pro Pause.

Gestärkt und gespannt machen wir uns auf die letzten Kilometer stadteinwärts, Tobi probiert gleich mehrere Befestigungsvarianten zur Renaissance der Fahrtvideokamera aus und nachdem wir eine brennende Mülldeponie hinter uns gelassen haben rollen wir auf einer schön breiten, langen und abschüssigen Straße zur Stadtmitte. Das Leben im Wirtschaftszentrum Marokkos unterscheidet sich merklich von dem auf manchen kleinen Landgemeinden, die wir bereits durchfahren haben und neben dem W123 wird der Fahrzeugmodellreichtum nun so üppig, dass man sogar Avenisse und Minis sieht, die Tobi und Philipp eifrig wetteifernd zu zählen beginnen.  Ich bin mir nicht sicher, ob das Hotel, welches wir auserkoren haben, nicht genau das gleiche ist, in dem ich mit der Exkursionsgruppe damals schon übernachtet habe.

Ideal, einen Nachmittag lang Zeit zu haben, die Stadt zu erkunden und ich konnte gleich zu Anfang meine UNO-Schulden mit dem Erwerb einer völlig überverpackten Variante des Überraschungseis begleichen. Unser Erkundungsziel sollte die Hassan II. – Moschee sein, das höchste religiöse Gebäude der Welt. Beeindruckend ist hier nicht nur der über 200 m hohe Minarett-Turm, sondern auch die Mainzer Dachdecker samt Firmenbus, die an der Zufahrt stehen und uns wertvolle Sicherheits- und Besuchstipps geben, die ich sinnlich leider nicht ganz verstanden habe. Egal, denn beeidruckend ist es trotzdem, zumal direkt am Atlantik gelegen. Beeindruckend  ist ebenfalls unser Restaurant, welches wir eher zufällig aufgemacht haben. Ein Kleinod mit plätscherndem Wasser und leckerem Essen, genau nach meinem Geschmack. So erquickend wie es war, dass uns die nebendran sitzende Geburtstagsgesellschaft mehrere Stücke der Geburtstagstorten zukommen ließ, so verwunderlich war es auch, dass sämtliche Geburtstagsfeierwilligen nach uns ankamen, um bereits vor uns das Restaurant Cafe Maure wieder zu verlassen.

Der Weg zurück war gepflastert mit illustren Typen. Zum einen zwei Bengel, welche uns am Nachmittag bereits begegnet waren, die gerade Deutsch lernen und ein Auslandssemester in Deutschland planen. Die Unterhaltung mit diesen pfiffigen Gesellen war sehr erquickend, wenn auch mühsam, weil ich mal wieder merke, wie schön bessere Französischkenntnisse meinerseits doch wären. Desweiteren hatten die beiden auch noch einen vermeintlichen Begleiter, den sie aber selbst nicht so ganz ernst zu nehmen schienen. Der mittelalte, deutschsprechende Georg-Clooney-Imitator (zumindest wäre er das, würden sein Gesicht und sein Atem nicht auch die Spuren von längerem, übertriebenem Alkoholkonsum zieren) erklärte uns die Welt. Der König, soviel war zu erfahren, ist sehr gut und intelligent, weil er was für die Armen tut, was an seiner Frau liegen würde. In innerhalb von fünf Minuten entschied sich unser Gesprächspartner dann jedoch unbewusst, seine Meinung über den König zu ändern, denn er würde ja nix tun gegen die Armut in seinem Land. Eine Armut, die nicht sein müsste, wegen der großen Phos-Vorkommen (wir konnten uns im Gespräch leider nicht einigen, ob es sich um Phosphor-Vorkommen oder Phosphat-Vorkommen handelt).  Seine jeweilige Meinung unterstrich er durch mehrmaliges wiederholen des Statements. Auch mochte er sich nicht festlegen, ob er uns nun für intelligent oder doof halten sollte und switchte daher gekonnt zwischen beiden Einschätzunsvarianten unseres Intelligenzgrades umher, was ihm selbst dennoch nicht den Eindruck geistiger Dynamik verlieh. Obwohl er unser Glück hervorhebte, ihn getroffen zu haben (da die beiden Studenten miese Betrüger seien), konnte er an unserem Desinteresse, den Abend durch seine weitere Anwesenheit zu ergänzen, nichts ändern.  Und wieder war es Tobi, dem dass Schicksal nun zum dritten Mal einen penetranten, nervigen Begleiter an die Seite schicke, den es abzuwimmeln galt.

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