5. Etappe, 24. Oktober: Casablanca - Rabat

Distanz
95,52 km
Fahrzeit
4 h 23 min
Geschwindigkeit
21,82 km/h
Höhenmeter
291 m
Höchster Punkt
62 m NN
V max.
38,49 km/h

Jan: Das rollende Lazarett erreicht Rabat

Wen es interessiert: Jetzt hat es meinen Magen also auch einmal erwischt auf einer Sommertour. Christians auch, Claudia klagt auch über Magenkrämpfe beim Frühstück. Die Unkenrufe hatten also vielleicht ansatzweise recht. Wären wir doch nur durchs romantische Taubertal geradelt! Ich habe weder viel geschlafen noch groß etwas gefrühstückt und mich heute quasi nur von 1 Liter Cola ernährt. Es hatte schon etwas von Lazarettstimmung heute, wie wir aus Casablanca aufbrachen. Dafür blies (2011 lässt grüßen) wieder einmal ein veritabler Rückenwind aus Südwest, und bis auf den Schlussanstieg ins Stadtzentrum von Rabat war die Etappe auch flach wie Holland - dankbare Bedingungen. Zudem hatten wir hinter dem dreckigen Großstadtverkehr von Casablanca auch Glück mit einer wunderbaren Nebenstraße, die direkt am Atlantik entlangführte. Eigentlich wollten wir nach einer klassischen Sommertour-Tankstellenpause, auf der Tobi unsere Appetitlosigkeit mehr als kompensierte, mal im Atlantik schwimmen gehen. Allerdings war der Strand, den wir uns nach einem kilometerlangen Königspalast, der den Strand quasi blockiert hatte, ausgesucht hatten, ein einziges Nagelbett aus Aa-Lava. Hatte man sich darüber gequält, schlugen die Wellen des Atlantiks mächtig auf die Vulkanite. Naja, wir waren mit ein paar Schürfwunden alle mal mindestens mit den Füßen drin.

Die Einfahrt nach Rabat war dann mit dem engen Gehupe auch wieder eher nervig, zumal nach ca. 1 Stunde Schlaf und kaum etwas im Magen und folgerichtig schweren Beinen wie nach einem Marathon. Gehupt wird hier standardmäßig in jeder Situation: anhalten, losfahren, kuppeln, schalten, Vorfahrt gewähren, winken, warnen, einatmen, ausatmen, abbiegen, geradeausfahren, einparken. Aber wir haben wieder ein gutes Hotel gefunden, und ich falle jetzt gleich in einen 11stündigen Schlaf.

 

Christian:

Ein neuer Morgen, ein neuer Tag, die Fahrräder lachen uns im Flur unserer Souterrain-Hotelzimmer fröhlich entgegen und ich bin noch nicht allzu irritiert von den einmaligen Magenproblemen in der Nacht. Schnell stellt sich heraus, dass Claudia und Jan gleich gelagerten Gesundheitsbeschwerden heimgesucht worden sind, bei ihnen allerdings mit allgemeinen Grippesymptomen bzw. einer recht schlaffreien Nacht. Die Merseburg-Connection hingegen erfreut sich weiterhin blendender Verdauungsgesundheit. Das Frühstück lässt nur den Wunsch nach einem größeren Tisch offen und trotz unserer Wehwehchen sind wir zeitig wieder on the road. Ab hier prägt sich der Begriff des rollenden Lazaretts und da ich meinen Magen kenne, weiß ich dass es wohl nur eine Frage der Zeit sein wird, bis auch meine Leiden sich verstärken.

Heute steht die Küstenstraße nach Rabat auf dem Programm und laut Karte soll es hier einige empfehlenswerte Badestellen geben, von denen wir beschließen, eine aufzusuchen. Dass es hier tolle Strände gibt, lässt sich auch ohne Karte vermuten, weil der König hier direkt zwischen Straße und Meer ein riesiges Anwesen besitzt und sich dafür sicher nicht eine Gegend ausgesucht hat, wo ständig tote Fische und Öl-Klumpen angespült werden. Wenig später steuern wir unseren Strand an, eine vorgelagerte Lagune, die durch einen erhöhten Lava-Streifen vom offenen Meer getrennt ist. Die Lagune wird vom überschwappenden Wasser der krass hohen Atlantikwellen gespeist, eigenet sich aber wegen ihrer geringen Tiefe nur zum planschen, nicht zum schwimmen. Wir arbeiten uns in Richtung Basalklippe vor und es ist unbeschreiblich beeindruckend, hier am Rand zu stehen und den heranpeitschenden Wellen zuzzuschauen, die allenthalben für eine kräftige Dusche sorgen. Es ist einer dieser Punkte, an denen sich Faszination, Schönheit und Respekt treffen, an denen man die Kraft der Natur spürt und auch spüren will, aber gleichzeitig weiß, dass man keinen halben Meter weiter vor treten sollte. Ähnlich wie an manchen Stellen in den Bergen. Geil!

Der Rückweg über die Lava gestaltete sich wegen der abweichenden Route schwieriger als gedacht. Doch trotz meiner kultigen Nike –Sandalen, die mit Ausnahme vom OrientExpress bislang jede Sommertour mitgemacht haben, machte ich einen Abflug und stürzte unsanft nach hinten, was eine Wunde am Rücken bedeutete. So lange sich das jetzt nicht entzündet, ist es aber kein Problem. Die Sandalen hingegen scheinen sowohl für den Catwalk als auch für den Aa-Lava-Walk ungeeignet. Trotzdem zweifle ich weiter nicht an der grundsätzlichen Zweckmäßigkeit meiner mitgeführten Ausrüstung.

Das wir Rabat näher kommen, merkt man im Vergleich zur Casablanca-Einfahrt weniger an immer städtischerer Bebauung, als vielmehr an dem stark zunehmenden Verkehr. Eine gute Beschilderung zum Zentrum von Rabat entdecken wir auch nicht, aber der Nase nach erweist sich mal wieder als richtig und schon bald haben wir unser Hotel bezogen und machen uns auf ins Getümmel. Mir fällt zum ersten mal auf, dass der Basar in der Medina wohl tagsüber gar nicht besteht und die Händler und Kunden hier erst abends aufeinandertreffen. Einer der Shops hat ein ideales Angebot für Tobi bereit. Bilder, die der Künstler dort persönlich verkauft. Da es von jeder Tour ein solches landestypisches Bild in Tobis Küche gibt, beschließt er auch hier zuzugreifen. Mit subtilen Anfeuerungssprüchen fordern wir ihn auf, zu feilschen und er returniert auf den genannten Preis  „300 Dirham!“ ein geschäftstüchtiges „200 Dirham?!“. Doch alle Bemühungen um eine vorurteilsunfreie Preisverhandlung  beendete der Künstler mit einem schlichten „OK!“.

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