6. Etappe, 25. Oktober: Rabat – Souk el Arbaa

Distanz
116,73 km
Fahrzeit
4 h 59 min
Geschwindigkeit
23,45 km/h
Höhenmeter
216 m
Höchster Punkt
63 m NN
V max.
41,29 km/h

Jan: Statt Meknes und Fes: Tour durchs marokkanische Sachsen-Anhalt

Beim Frühstück auf der Dachterrasse folgte heute die entscheidende Planänderung: Wir sparen uns den Schlenker über Meknes und Fes, da sich Claudia nicht fit für 140 km bergauf fühlte, die wohl eh in der Dunkelheit geendet hätten - ohnehin fraglich, was man da noch von Meknes gehabt hätte. So fuhren wir wieder easy mit Rückenwind durch die Ebene. Immer wieder das selbe Bild: winkende Kids am Straßenrand und von Pick-ups und vollgestopften Kleinbussen winkende Heranwachsende, eine Teepause um 10.30, diesmal in Ketira, dazu spendierte unsere Sachsen-Anhalt-Ingenieursfraktion die ersten Cheeseburger.

Nach einem defekten Umwerfer und Magen folgte dann auch noch ein Sturz - vielleicht werde ich ja morgen vom Killerschaf aufgefressen oder vom Blitz getroffen?  Wie es dazu, weiß ich auch nicht mehr genau - auf jeden Fall war Seitenwind im Spiel und ich fiel auf meine (am Abend immer noch sehr schmerzenden) Knie und Ellenbogen. Nach der Mittagspause in Sidi bei Hack, Tomaten, Zwiebeln und Coke (daran kann man sich gewöhnen) und in meinen Wunden spielende Fliegen (daran eher weniger) setzte der Regen ein, und jetzt sitzen wir hier in Souk-el-Arba in einem sehr einfachen Hotel ohne Toilettenspülung. Mit zertrümmerten Knien gingen wir dann noch durch den Ort ohne Sehenswürdigkeiten und kauften für die morgen beginnenden Tage des Schafs (da hat angeblich alles geschlossen) ein. Zum Abendessen gab es wieder einmal am Straßenrand gegrilltes Fleisch. Die Rauchfahne verrät, dass wir immer noch Rückenwind haben auf dem Weg nach Norden. Das ist doch schon mal etwas, würde Dr. Hasenbein sagen und sich danach wieder fragen, wer ihm eigentlich immer diese billigen Kassenpatienten mit ihren Malaisen in seine Praxis holt. Sorry, Doc, wir hören auf zu jammern und fahren einfach unbeirrt weiter.

 

Christian:

Das Frühstück dient diesmal auch der Strategiebesprechung.
Eigentlich sieht der Masterplan für die nächsten zwei Tage die Städte Meknes und Fes auf dem Programm. Dies würde nicht nur einen Schlenker vom direkten Weg nach Tanger bedeuten, sondern auch eine wahrscheinlich recht lange und höhenmeterlastige Etappe. Deshalb erscheint es uns nun als sinnvoller, diese beiden sehenswerten Städte leider auszulassen und auf direktem Weg weiterzufahren. Das immer noch vorhandene Magengrummeln und eine Erkältung lassen einen zusätzlichen Reservetag in petto und eine nicht zu anstrengendes Programm sprechen für die „Abkürzung“. Übrigens: Der ziemlich geschmackfreie Couscous-Taler bekam durch die Sonderberechnung des zweiten Kaffees zumindest einen bitteren Beigeschmack.

Ziemlich zu Beginn fliegt mit ein wehrhaftes Insekt, schätze mal eine Wespe,  in den Helm und sticht mich in die Schläfe. Was soll das? Es rollt zunächst gut, erst aus Rabat heraus, dann nach Kenitra hinein. Ein weiterer Küstenort, der sich nach ca. 40 km ideal für die obligatorische Teepause anbietet. Meinen Eindruck, dass es mit der Zeit auch immer westlicher wird, bestätigt ein McDonalds gegenüber dem Cafe. Es ist zwar nicht der erste McDonalds, denn in Casablanca haben wir auch schonen einen entdeckt, aber hier ist es der erste seiner Art, den wir auch nutzen. Als Output ziehen den erwartet vertrauten Geschmack eines Cheeseburgers, aber auch die Information von einem weiteren Kunden dort, dass ab morgen das Opferfest beginnt und wir uns besser mit Vorräten versorgen. Das erklärt auch den beobachteten, regen Schafhandel und –transport der letzten Tage. Das Opferfest ist das zweitwichtigste Fest in der islamischen Welt und vergleichbar mit Weihnachten bei uns. Kioske, Händler und wahrscheinlich auch Cafes abseits der Zentren werden hier an drei aufeinanderfolgenden Tagen nicht geöffnet haben.

Ohne in Aktionismus zu verfallen fahren wir weiter zum heutigen Etappenziel, Vorräte können wir auch dort noch kaufen. Die eingeschlagene Straße ist nun wieder weniger belebt, da keine Hauptachse mehr, aber trotzdem marokkotypisch gut ausgebaut. Auffällig ist die hohe Frequenz von Taxis (W123) und Sammeltaxis, wahrscheinlich wegen dem aufkommenden Opferfests. Die Landschaft ist, wie erwartet recht grün und agrarisch genutzt und der Wind schiebt ordentlich. Das merkt man besonders, wenn man nach einer Kurve ein Stück lang die Richtung ändert und sich plötzlich ziemlich gegen den Seitenwind stemmen muss. Der Seitenwind war es dann wohl auch, der Jan zu Fall brachte. Er für direkt vor mir und plötzlich bracht sein Rad aus, kurze Gegenlenkbewegung und ich sah ihn vor mir über den Asphalt schlittern. Sowas ist nicht schön, für den Stürzenden noch viel weniger und ich war schon ziemlich beruhigt, dass er wieder von alleine aufstand, um sich an den Straßenrand zu setzen und auch, dass Claudia dabei war und Desinfektionsmittel dabei hat. Schön auch, dass direkt ein hinter uns fahrender Sammeltaxifahrer anhielt, sich nach dem Wohlergehen erkundigte und erst weiterfuhr, als wir ihm versicherten, keine Hilfe zu brauchen. Ich sammelte ein paar verstreut herumliegende Utensilien auf und beobachtete mit Erleichterung, dass weiter nichts wirklich Schlimmes passiert ist und wir unsere Reise fortsetzen konnten.

„Der Wind treibt Regen übers Land“ heißt es in einem Volkslied und so bestätigt es sich auch hier. Lange dachte ich, dass uns die von weitem sichtbare Regenfront nicht treffen würde, aber sie tut es doch. Dafür gibt es ja Regenklamotten und das Strahlen in Tobis Augen verrät gleich, wer am meisten Freude über die neue Wetterlage empfindet. Ziemlich nass erreichen wir unseren Etappenort, wo man ein Hotel nicht groß suchen muss, sondern es direkt an der ersten Kreuzung findet. Alles etwas improvisiert hier, aber Hauptsache ein Dach über dem Kopf und eine Toilette in der Nähe. Souk el Arbaa kann ich (noch) irgendwie nicht so ganz in mein Herz schließen, der Ort ist weitläufig, es war dunkel und nass, wahrscheinlich hatten sich auch viele schon auf die bevorstehenden Feiertage eingestellt. Wir spielen noch etwas UNO und ich haue nicht mehr unnötig auf eine „5“. Ein Ort zum durchreisen eben.

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