7. Etappe, 26. Oktober: Souk el Arbaa - Asilah

Distanz
116,96 km
Fahrzeit
5 h 37 min
Geschwindigkeit
20,79 km/h
Höhenmeter
768 m
Höchster Punkt
245 m NN
V max.
54,72 km/h

Jan: Das Hammelfest bringt Regen und freie Straßen

Kein Hotelfrühstück, kein Tee, kein Kaffee - schuld ist das Hammelfest. So mussten wir mit besagtem gestern selbst in weiser Voraussicht gekauftem Wasser und Brot mit der hier omnipräsenten vielleicht aus Galgenhumor lachenden Kuh auf die Straße und fuhren von einem Regenschauer in den nächsten. Positiv anzumerken: Auf der Straße herrschte Stimmung wie während eines WM-Spiels in Deutschland - die Straße gehörte also quasi uns. Es wurde immer grüner, der Wüstencharakter war endgültig dahin, und schon bald erreichten wir Larache. Hier war das erste Mal ein Lebenszeichen wahrzunehmen - an einer Art spanischen Plaza waren gleich mehrere Cafés für unseren Minztee des Tages geöffnet. Außerdem bot sich ein paar Meter weiter unten auch wieder ein netter Blick auf die Wogen des Atlantiks.

Von hier fuhren wir noch 35 km durch eine toskanaähnliche Landschaft inklusive der ersten Bergwertung nach Asilah, wo wir uns schließlich für ein Hotel mit europäischen Standards entschieden, anstatt im Regenschauer Nr. 42 des Tages noch einen Wolf zu suchen. Ist ganz nett hier, und im Sommer ist dazu sicher auch etwas mehr los - so herrscht eine irgendwie gespenstische Atmosphäre, und mir geht wieder "Everyday is like Sunday" von Morrissey durch den Kopf.

Im Restaurant waren immerhin noch eine Handvoll andere Gäste, und hier erwartete uns Service, Wein und Essen wie bei einem (Wort des Tages) gediegenen Italiener in einer deutschen Kleinstadt. Heute gibt es mal nichts zu beanstanden.

 

Christian:

Einmal gönnen wir uns den Luxus und lassen uns das Frühstück auf dem Zimmer servieren, nämlich von uns selbst. Und das war eine sehr gute Idee, denn wie angekündigt war im gesamten Ort weder ein Cafe noch ein Kiosk oder ähnliches geöffnet. Auch in unserem Hotel herrscht in der Lobby gähnende Leere. Den Wetterbericht für heute können wir uns schenken, denn ein simpler Blick auf die Straße und den Himmel zeigt eindrücklich die Notwendigkeit von Regenkleidung. Bei den gegebenen Temperaturen ist Regen aber gar kein Problem, im Gegenteil, das Problem entsteht erst, wenn der Regen kurz aufhört, man sich aber der Regenjacke in Erwartung eines baldigen weiteren Schauers nicht entledigen möchte. Dann wird es nämlich ganz schon warm. Das die Straße uns gehört, ist heute nicht nur ein frommer Spruch, sondern pure Wirklichkeit. Das Opferfest hat den Autoverkehr nahezu abgestellt und es lässt sich entspannt zu dritt nebeneinander auf der Straße fahren. Anstatt der Autos begegnen uns in den Orten nun öfters Gruppen junger Männer mit einer Menge Messern in der Hand. Wenn wir das mit dem Wort „Opferfest“ und dem massenhaften Schafhandel der Vortage kombinieren, können wir uns denken, was die jungen Herren zur Aufgabe haben.

Insgesamt erscheint mir das Fahren heute sehr angenehm und so befürworte ich in Larache, trotz ziemlich feuchter Klamotten allerseits, noch weiter bis Asilah durchzuziehen. In Larache ist der spanische Einfluss schon recht sichtbar und die Piazze nahe der Küste wäre sicher eine Wonneort, wenn es nicht bis eben geregnet hätte und die Menschen anderes zu tun hätten, als das Opferfest zu feiern. Andererseits auch gar nicht schlimm, dass es mal nicht hektisch und belebt ist in einem Ort. So können wir in Ruhe unsere Fahrräder als Wäscheständer in der Sonne platzieren, ohne dass sich jemand daran stört. An der Promenade laben wir uns wiederholt an unseren Vorräten, als Philipp weitere zwei Lollies los wird: einen an einen vorbekommenden Jungen und einen an mich. Fast hätte ich den phantastischen Geschmack von Chupa Chups Cola vergessen, danke Philipp für diesen Backflash in meine Jugendtage. Während ich in kulinarischen Erinnerungen versinke, muss Jan das Schweizer Taschenmesser in seiner Hand gegen einen Marokkaner verteidigen, der das Messer mit Interesse betrachten möchte (man betrachtet hier anscheinend nicht nur mit den Augen). Auf Jans offensichtlichen Unwillen, ihm das Messer auszuhändigen, regiert er mit einem fröhlich-beschwichtigenden Spruch – Humor hat man hier. Man stelle sich vor, ein Bankräuber sagt zur gerade bedrohten Kassiererin „Hören Sie mal auf zu zittern, entspannen Sie sich. Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag“. Ich schwiff in absurde Gedankenwelten ab und die Messeraktion mit einem Bankraub zu vergleichen, wäre ähnlich falsch wie eine Bahnfahrt von Bonn nach Koblenz  mit einer Weltreise zu gleichzusetzen. Trotzdem konnte ich mir ein Schmunzeln über die unfreiwillige Komik des Typen und meiner Vorstellung nicht verkneifen.

Um nach Asilah zu gelangen, mussten wir nur noch über ein paar kleine Hügel etwas abseits der Küste klettern und zack-bumm waren wir auch schon vor Ort. Nach dem Improvisationshotel in Souk el Arbaa ich es allgemeine Meinung, dass wir diesmal klotzen wollen und ein edles Touristenhotel erhält mit Innenhof, Pool, eigenem Restaurant, Massagesessel und natürlich WiFi erhält den Zuschlag. Nach anfänglichem Chaos, wo unsere Räder denn nun unterzubringen seien, erkundeten die Vorstände der GND-Holding eifrig den Strand und diverse Digicam-Einstellungen, bevor wir zum Essen in das Hoteleigene Restaurant tingelten. Auch hier ist es heute nicht schwer, einen Sitzplatz zu bekommen und zu meiner großen Freude lassen wir uns ein Portiönchen Spaghetti und Wein bringen. Ein richtiges Restaurant bietet auf dem Tisch je Menge Dinge zum daran rumfummeln und ein kurzer Blick in Jans grinsendes Gesicht versetzt erinnert mich schnell wieder daran, dass solche Spielereinen beim BaltEx immer eine Runde Schnaps gekostet haben. Ich weiß auch nicht, warum ich das mache, passiert wohl unterbewusst und ist unter „harmlose Marotte“ verbucht.

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