8. Etappe, 27. Oktober: Asilah - Tanger

Distanz
46,38 km
Fahrzeit
2 h 27 min
Geschwindigkeit
18,94 km/h
Höhenmeter
178 m
Höchster Punkt
81 m NN
V max.
36,88 km/h

Jan: Die Morocco Survivors am Ende von Afrika

Gar kein schlechter Tag auch heute: Ein gutes Frühstück mit der internationalen Motorradgang, ein entspanntes Rollen auf weiterhin verkehrsarmen Straßen, und dazu noch eine richtige Badepause an einem lavafreien, sandigen Strand im noch immer wohltemperierten Atlantik. In Tangier wird man dann wieder von Hinz und Kunz angelabert und wir genossen am Terminus du Nord (passender Name) nach einigen Kommunikationsschwierigkeiten (Christian: "Heineken?" Bediendung: "ok, jus d'orange") noch ein fürstliches Afrika-Abschluss-Mittagessen mit Casablanca-Bier. Vom Nebentisch stand erst eine begeisterte Fränkin ("schrecklich, alles geschlossen hier, und überall liegen Leichen") auf, dann hielt die chinesische Arbeiterpartei Afrikas dort ihren Parteitag ab und ließ es sich ähnlich gut gehen. Wir haben das Hotel Marco Polo bezogen. 610 km Afrika liegen hinter uns, vielleicht die einzigen meines Lebens - wer weiß das schon.

Lessons learned from Stadtrundgang: Die Fähre nach Algeciras fährt jetzt vom neuen Hafen Tangier Med, tatsächlich 54 km entfernt von Tangier Ville. Von der Stadt selbst fahren die Boote nur noch nach Tarifa, südlichster Punkt des europäischen Festlands, 14 km in 35 Minuten. Das werden wir morgen machen. Die Altstadt selbst ist schöner und auch größer als das, was uns Omar 2005 gezeigt hatte. Vor allem herrlich, wohl durch die Feiertage für marokkanische Verhältnisse relativ wenig angelabert worden zu sein. Und falls doch, kommt ein anderer Touri und labert den Anlaberer mit "So glad to see you" an. Muss man nicht verstehen.

In der täglichen "Sickest-Rider"-Hitliste haben mich Philipp und Christian heute wohl eingeholt. Nachdem wir eine Psychopathin mit irrem Blick abgewimmelt hatten, ließen wir uns noch in einem spanischen Restaurant mit einer sehr abgespeckten Speisekarte nieder. Für Omelette, Suppe und Gazpacho reichte es trotzdem. Tobi würde gerne nopch clubben gehen, aber haben sie schon einmal in einem Krankenhaus eine Disco gesehen? Eben. Adios, Marruecos.

 

Christian:

Obwohl ich schon fast dachte, wir seinen so ziemlich die einzigen Gäste im Hotel, wuseln am Morgen eine ganze Menge weiterer Europäer in Motorraduniform im Frühstücksraum herum. Wir kommen mit dem Rädelsführer der gemischt nationalen Truppe ins Gespräch und bekommen einige Besichtigungstipps rund um Marokko und die römische Ausgrabungsstätte Volubilis. Hätte er gefragt, so hätte er erfahren, dass wir leider in die andere Richtung unterwegs sind.

Das Wetter scheint heute wieder etwas artiger zu sein as gestern, doch ziemlich zu Beginn erfordert ein Schauer nochmal die Regenjacke. Der Regen ist aber schnell gegessen und so kommt Jans Vorschlag, die Sonne und den benachbarten Strand für ein bye-bye-Atlantik-Bad zu nutzen ziemlich pfiffig an. Dieser Strand ist weniger vulkanisch als der vor drei Tagen und eignet sich für sämtliche Bade- und sonstige Späße. Wäre es richtig sonnig, dann könnte man hier auch noch ein paar Stunden verweilen, denn nach Tanger ist es nicht mehr weit. War es aber nicht und außerdem grummelt mein Bauch heute stärker als in den letzten Tagen, wo ich quasi der Einäugige unter den Blinden war. Auch Philipp scheint sich heute nicht an optimaler Gesundheit zu erfreuen und auch deshalb äußert niemand den Vorschlag zum Strandurlaub.

Ich hatte bis eben ein völlig verzerrtes Bild von Tanger und verstehe nach sieben Jahren endlich, was Omar mit „New Town“ meinte. Tanger ist keine Kleinstadt mit Fährhafen, Basar und ner ganze Menge Antennen, sondern eine ziemlich große, üppige Stadt. Je mehr wir in die Stadt hineinfahren, umso höher und glänzender werden die Gebäude. Die Ampeln zählen von über 99 Sekunden Wartezeit herunter und an der Strandstraße reihen sich scheinbare Edelclub, Lounges und andere Vergnügungsbetriebe auf und erst dann kommt die Medina, also die „Old Town“, um Omars Worte von damals zu benutzen. Wir sind also da, an unserem Zielpunkt in Marokko. Jan kann diese Karte also jetzt einmotten und wir genehmigen uns im erstbesten Cafe ein Bier und eine Tagine. Dabei stöhle uns eine riesige asiatische Reisegruppe die Show, wenn wir denn eine machen wollen würden. Wollen wir aber nicht und nehmen stattdessen die Wehklagen einer zufällig passierenden deutschen Touristen entgegen, die entgeistert und ein wenig putzig hilflos von einer seltsamen Stadt und Leichen in den Straßen zu berichten weiß. Und schon ist sie wieder weg. Wir nehmen diese Information zur Kenntnis und tippen, sie meint die Reste der zum Opferfest geschächteten Schafe, die hier tatsächlich teilweise am Straßenrand herumliegen.  Irgendwie treffen wir bei jeder Tour einen Landsmann/frau, die sich mit außerdurchschnittlichem Verhalten außzeichnen. Oder bilde ich mir das gerade nur ein?

Wir beziehen das Marco-Polo-Hotel, von dem im Reiseführer sogar behauptet wird, man spräche Deutsch. Das ist nun nicht der Fall, aber das Hotel ist eine Wucht und ziemlich neu. Ich werde nicht müde, jedem auf die Nase zu binden, dass Jan und mir dieses Hotel schon beim Interrail 2005 durch den Schriftzug „Deutsche Leitung“ und dem Premium-Warsteiner-Angebot  aufgefallen ist. Wir machen uns etwas frisch und ziehen ohne Philipp, der einen Regenerationsaufenthalt im Bett für angebracht hält, los zum Hafen und in die Old Town. Aha, genauso, wie man heute keine Telefone mit Schnur mehr kaufen kann, kann man wohl auch nicht mehr mit der Fähre von Tanger nach Algerciras übersetzen. D.h., man kann es schon noch,  allerdings von Tanger New Port. Wer sich schon einmal mit der Lage von Ryanair-Flughäfen beschäftigt hat, kann sich vorstellen, wo „Tanger New Port“ ungefähr liegt. In der trotz Opferfest ziemlich belebten Medina plündern gibt es nicht nur einen klasse Zuckerbäcker für Tobi und mich, sondern auch viel zu sehen. Die Indizien, dass Omar uns damals mehr Teppichläden als Teile der Medina gezeigt hat, werden immer schwerwiegender.

Wir holen Philipp wieder im Hotel ab, denn trotz Magenproblemen muss der Kerl ja was essen. Auch ich bin diesbzgl. Gerade in einem Stadium, wo Fusswege länger als 200 m ein Problem darstellen könnten, wenn sich kein WC anbietet. Auf der Suche nach etwas passendem erschreckt uns eine ziemlich abgewrackte Dame (an wen sie Jan und mich erinnert hat, gehört aus rechtlichen Gründen hier nicht zu Papier gebracht), die plötzlich hinter uns steht und wirres Zeug redet. Würde ich an Hexen glauben, hätte ich mich dreimal vergewissert, dass ich als Mensch und nicht als schwarze Katze in das Restaurant gehe. Das auserwählte Lokal ist Spanier, dessen Geschäftseröffnung anscheinend in jüngerer Vergangenheit war. Das Angebot ist ziemlich reduziert und die Klimaanlage etwas unpassend eingestellt. Aber die Wirtin ist redlich bemüht und kredenzt uns einige leckere Gerichte, die gar nicht auf dem Speiseplan standen. Mir und Philipp reicht eine Suppe, nur Tobis Magen war quantitativ nicht zufriedengestellt.

Seitenanfang