9. Etappe, 28. Oktober: Tarifa - Gibraltar

Distanz
50,18 km
Fahrzeit
3 h 01 min
Geschwindigkeit
16,95 km/h
Höhenmeter
583 m
Höchster Punkt
340 m NN
V max.
48,31 km/h

Jan: Über die andalusische Fahrradautobahn nach UK

Wer hätte das gedacht - wir sind auf britischem Staatgebiet! Der Weg hierher: Ein fast einstündiges Warten auf ein Spiegelei im Hotel Marco Polo, ein etwas unübersichtlicher Just-in-Time-Check-in für die Fähre nach Tarifa, eine 35minütige Überfahrt und eine wunderbare wellige Straße durch die grüne hügelige andalusische Küstenlandschaft zwischen Tarifa und Algeciras. Dort genossen wir erst einmal den McIberica, dann die wunderbare Aussicht auf den Containerhafen und noch eine Fahrt durch den Gegenwind auf einer Autobahn, zu der es östlich von Algeciras auch keine Alternative gibt. Aber auch keine Verbotsschilder für Fahrräder Ist ja fast wie in den USA, man denkt nur an die Autofahrer. Mal schauen, wie wir das morgen nach Osten machen - gestört hat es jedenfalls wieder mal keinen.

Gibraltar wirkt erstmal wie ein Fremdkörper in Andalusien, britisches Stadt- und Schilderdesign (trotzdem Rechtsverkehr), viele Hochhäuser, über deren Nutzung ich mir nicht ganz im Klaren bin, eine Main Street, in deren Nähe wir ein nettes Hotel mit britischem Humor ("what do the children learn here?" - "Well, nothing") bezogen haben, und viele gemütliche Pubs, in denen man Guiness und Foster's trinken und Sky schauen kann. Taten wir dann auch, in Jury's sympathischer Cafe & Wine Bar. Selten waren wir kollektiv so vollgefressen wie von der ausgezeichneten Lasagne - kein Wunder, wenn wir nur halb so kurze Etappen fahren wie in den Jahren zuvor. Jetzt wissen wir alles über Jimmy Savile, den skurrilen pädophilen Philantrophen. Das Wort “Philantroph” bekommt so eine ganz neue Qualität. Naja, vielleicht sollte man nicht mal zu "euphratisiert" sein auf dem "europäischen Planeten".

 

Christian:

Das war es mit Afrika, laut Plan und auch in echt geht es heute in die alte Welt. Fortbewegungsmittel auf den ersten Kilometern ich ausnahmsweise nicht das Fahrrad, sondern die Schnellfähre nach Tarifa, die wir gerade noch so bekommen haben. Ok, einerseits selber Schuld, wenn wir so knapp zum Hafen fahren, obwohl wir ja wissen, dass wir neben dem Fahrkartenkauf auch noch die Zollabfertigung bewältigen müssen. Andererseits aber auch total Banane, dass uns der Mann im Ticketshop nicht gleich die, definitiv benötigten, Zettel mitgibt, die ausgefüllt eine Art Passierschein am Zoll sind. Er meinte nur „hurry up“ und hätte uns damit fast einen Bärendienst erwiesen. Somit wird die Zeit immer knapper und wäre die Fähre nicht mit Verspätung abgelegt, dann hätten wir sowieso 2 Stunden warten müssen. Aber Schwamm drüber, wir haben es ja geschafft. Die Fähre macht richtig Tempo und kaum eine Coladosen-Zeit später kommen wir am südlichsten Zipfel Europas an, schieben unsere Velos aus dem Bauch der Fähre und stehen nun mitten in einer als Surferparadies verschrienen schönen Stadt, wie Jan in einem knackigen Kurzreferat mitteilt. Außerdem sind wir wieder in Europa.

Direkt hinter Tarifa erklimmen wir das bergige andalusische Hinterland in Richtung Algerciras, welchen von beeindruckender Schönheit ist. Der Sommer scheint nochmals kurz guten Tag zu sagen (zumindest auf der Luv-Seite) und hinter beim Blick über die Straße von Gibraltar erkennt man das mächtige Riff-Gebirge emporsteigen. Zu schnell emporgestiegen bin ich wohl auch, was deutlich fühlbar keine gute Idee war in Verbindung mit meinen gesundheitlichen Wehwehchen. Klar, ich hätte auch langsamer hochfahren können, aber ich bin vom Ehrgeiz beseelt, auf Anstiegen die beste Performance zu bieten, die meine Beine hergeben. Die zweite McDonalds-Pause der Tour erfolgt in Algerciras. McDonalds, Coca Cola und Fussball – wenn man diese drei Dinge beherrscht ist man Kosmopolit und nirgends alleine.

Das Ziel der heutigen Reise ist seit langem schon sichtbar, nämlich Gibraltar. Aber ganz so leicht, wie es zu sehen ist, kann man es nicht erreichen. Schon gar nicht per Fahrrad. Die spanischen Wegeplaner sehen als Flussüberquerungen oft nur autobahnähnliche Straßen vor, die aber für Radfahrer auch nicht wirklich verboten sind. Jedenfalls haben wir uns auf der gesamten Strecke nur ein Beschwerdehupen eingefangen. Die Beschilderung ist auch nur mäßig, ich denke mal, die Spanier haben keinen Bock großartig auf ein von ihnen immer noch nicht offiziell anerkanntes Stück UK hinzuweisen. Dank der  routinierten Leistung von El Navigatore „In San Roque müssen wir von der Autobahn  abbiegen“ erreichen wir natürlich trotzdem das angepeilte Ziel. Dieser Fels ist schon sehr faszinierend, 400 m hoch, sagt Wikipedia, hätte ich höher geschätzt. Linksverkehr erwartet uns hier nicht, die Gibraltesen haben da nämlich eine Ausnahmegenehmigung, aber wir kreuzen direkt hinter der Grenze die Start- und Landebahn des Flughafens, wie man das sonst nur mit Bahnstrecken macht. Raum ist hier halt kostbar und es müssen zudem alle Infrastruktureinrichtungen eingebaut werden, damit die Exklave im Härtefall nicht von Spanien abhängig ist. In der Altstadt finden wir ein nettes Hotel und der Hotelier glänzt mit feinem britischen Humor und glasklarem Englisch – zumindest für meine Ohren. Die Lage des Hotels direkt neben Tobys Bar verleiht dem Ganzen selbstverständlich einen besonderen Reiz.

Gibraltar ist irgendwie wie eine kleine deutsche Mittelstadt. Recht schön herausgeputzt, übersichtlich und mit einer ganz eigenen Atmosphäre. Die besagten Affen gibt es oben im Wald und Richtung Berg zu treffen, aber danach steht uns nicht der Sinn, lieber in einem Pub ein gepflegtes Bier geniessen. Gesagt – getan, dazu eine feudale Speise, die mengenmäßig und geschmacklich keine Wünsche offen lässt. Und ich kann als WiFi-Beauftragter ein weiteres Mal Internetempfang verkünden. Es war sehr schön und interessant in Marokko, ein geiles Abenteuer, aber in gewisser Weise strahle ich gerade innerlich darüber, wieder auf europäischem Boden zu stehen. Und vom Eindruck her, geht es den anderen genauso. Ein unglaublich chilliger und schöner Abend geht damit nun mit ein paar Runden UNO seinem Ende entgegen.

*Lustigerweise spielten wir genau in der Runde, die ich verloren habe, um keinen Einsatz. Habe ich somit im eigentlichen Sinne nicht sogar gewonnen?

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