Ich habe die heutige Etappe
schon am Vorabend unverblümt als Härtetest angekündigt,
so dass alle mindestens eine Nacht Zeit hatten, sich darauf mental
vorzubereiten. Selbst ich, obwohl ich eigentlich unfreiwillig immer
zum Optimusmus neige, habe leichte Bedenken, ob das denn heute alles
so funktionieren wird wie geplant. Es muss einfach, denn erstens
würde sonst der Tourzeitplan schon vor dem ersten Zwischenziel
Zagreb über den Haufen geworfen und zweitens habe ich Jan auch
versprochen, dass wir definitiv am Mittwoch Abend in Zagreb sein
werden. Hier stand also auch mein Ruf als seriöser Tourenplaner
auf dem Spiel. Nach der ersten Camping-Nacht (es war übrigens
der erste und auch einzige Einsatz von Tobis neuem Salewa-Zelt auf
der Tour) gibt es also ein frühes und ausreichendes Frühstück,
dann werden schnell die Zelte abgebaut und ich habe neben meinem
normalen Kram auch ein Motivations-Wörterbuch, ne Menge gute
Hoffnung und, für alle Fälle, einen Knüppel eingepackt.
Der Campingplatz liegt im Norden
von Ljubljana und direkt an der Sava. Somit ersparen wir uns den
wahrscheinlich zeitintensiveren Weg durch die Stadt und fahren mehr
oder minder parallel zur idyllischen Sava. Ich finde, es läuft
sehr gut, die morgentlichen Temperaturen sind angenehm, und außerdem
glaube ich, dass uns heimlich ein bißchen Rückenwind
vorwärts schiebt. Doch in diese glücklich stimmende Atmosphäre
drängt sich langsam aber sicher Ungemach. Zum einen in Form
vom Galwik'schen Knie, welches wohl eher kaputter als gesünder
wird. Somit wird Thomas nicht nur zusehends langsam, sondern an
jedem Ort mit Bahnhof plagen ihn Entscheidungsfindungsgedanken,
ob er nicht einfach eine Bahn nehmen soll (was er aber letzendlich
nicht macht). Zum anderen ist bei Georg die Luft raus, nämlich
aus seinem recht porösen Hinterreifen. Haben wir das Problem
am ersten Supermarkt noch als ein schleichendes diagnostiziert,
das man durch temporäres Aufpumpen einigermaßen im Griff
behalten kann, wurde es kurze Zeit später doch so groß,
dass wir Georg verloren hatten und auch Warten für den Zeitraum
von zwei oder drei Aufpumpstopps den ersehnten Mitfahrer nicht in
Sichtweite brachte. zu allem Übel war Georg auch nicht per
Handy zu erreichen, hatte er dieses doch aus Stromspargründen
ausgeschaltet. Wir positionieren uns also im Schatten auf einer
überdachten Sava-Holzbrücke. Während Robert und Tobi
ein Bad im Fluss nehmen, erreiche ich endlich Georg, der von einer
schwerwiegenden Reifenpanne zu berichten weiß und noch etwas
Zeit für die Reperatur beantragt. Als er dann auch die Brücke
erreicht, sind wir wieder komplett und gut 1,5 Stunden verstrichen.
Es geht weiter und schon hinter der nächsten Kurve wird uns
bewusst, dass es schlimmere Dinge gibt, als einen platten Reifen
und etwas Zeitverlust: In eine Stück verkohlten Hang direkt
neben verbrannten Teer der Straße stehen mehrere Kreuze mit
Namen.
Wir rollen weiter im heißer
werdenden Sava-Tal. Ein Einheimischer dirigiert uns von seinem Vorgarten
aus hektisch gestikulierend, aber durchaus freundlich, wieder auf
den Radweg, als erkennt, dass wir im Begriff sind, die falsche Abzweigung
zu nehmen. Tobi rettet meinen Fahrradhandschuhe, die mir irgendwie
aus der Trikottasche gefallen sind, Meike und Robert radeln munter
vor sich hin, Georgs Laune scheint mir nicht mehr die beste zu sein
und Thomas befindet sich weiter im Dreispalt zwischen Fahrrad, Knie
und Bahn. Auch wenn es nicht unbedingt hier hinein passt, möchte
ich noch das Kraftwerk mit dem riesigen Schornstein erwähnen,
aber man kann sich ihm nicht entziehen.
Es wird Nachmittag, und langsam
öffnet sich das enge Sava-Tal in eine eher weitläufige
Ebene. Es wird noch heißer, und nun ist auch der Schatten
des Tals weg, und die Sonne knallt auf uns. Im Nachhinein lässt
sich sowas ja immer nett umschreiben, aber ich würde sagen,
dass die Moral der Truppe an dieser Stelle zu zerbrechen droht.
Es ist unsäglich heiß, man kann gar nicht genug trinken
und die Vorräte sind nach 5 km fast immer wieder leer. So kommen
Stimmen auf, einfach hier Feierabend zu machen und am nächsten
Morgen erst in Zagreb einzurollen. Der einzige Spaß besteht
gerade daraus, Bananenschalen auf die Schienen zu werfen und zu
schauen, wie ein Zug drüber fährt. Meine pessimistischsten
Erwartungen scheinen sich also zu bewahrheiten. Das kann nicht sein!
Es ist doch erst Nachmittag und bis auf die Hitze ist Rom doch noch
nicht verloren. Ich packe deshalb all meine Motivationskünste
zusammen, spreche vom Zeitplan, heroischem Einrollen in Zagreb,
dass Jan auf uns wartet und es dumm wäre, jetzt wo es langsam
wieder abkühlt nicht weiter zu fahren. Ergebnis: Es war erfolgreich
und wir rollen wieder. Außerdem habe ich tatsächlich
den Eindruck, dass die Temperaturen nun in einen deutlich angenehmeren
Bereich fallen.
Im Sonnenuntergang nähern
wir uns der Grenze. Was für eine Dramaturgie. Wie sich das
gehört kommt erst die Ausreise. Hier erzählen uns die
slowenischen Zöllner, dass diese Grenze eigentlich nur für
Kroaten und Slowenen sei und nicht für den Transitverkehr von
Touristen. In einem Atemzug meinen sie aber auch, dass dies ihnen
eigentlich nicht so wichtig sei und wir doch einfach unser Glück
100 Meter weiter bei den Kroaten versuchen sollten. Schließlich
sei der nächste offizielle Grenzübergang ca. 20 km entfernt.
Und wie man auf solchen Touren lernt, ist es meistens die beste
Taktik, Tatsachen zu schaffen und sich dann dumm, aber freundlich-kooperationsbereit
zu stellen. Doch auch wenn uns diese Masche noch das ein oder andere
Mal helfen könnte, so war sie an dieser Stelle nicht nötig,
denn wir können problemlos nach Kroatien einreisen.
An dieser Stelle ruft auch Jan
an, dem ich die frohe Botschaft direkt weiterleiten kann. Seinen
Tipp, den Rest Helligkeit noch für die letzten 20 km nach Zagreb
zu verwenden, befolgen wir. Meiner Meinung nach läuft es entlang
der weniger schönen und stark befahrenen Einfallstraße
wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen. Das sehen aber wohl nicht
alle so und ich werde zur Drosselung meiner Geschwindigkeit ermahnt.
Kurz vor dem Ziel haut es Thomas noch erst mit dem Reifen in die
Straßenbahnschienen und dann um. Zum Glück alles nicht
schlimm.
Am vereinbarten Treffpunkt rufe
ich Jan an. Kurze Zeit später kommt er um die Ecke und DAS
TEAM IST KOMPLETT. Er leitet uns quer durch Zagreb zum anvisierten
Hostel, welches wir freudig beziehen. Der Besitzer ist ein Deutscher
aus Baden-Württemberg. Er ist ziemlich cool und bietet uns
den großen Schlafsaal mit viel zu niedriger Eingangstür
(aua!) an. Ein Schnäppchen ist das ganze trotzdem nicht und
außerdem müssen wir wohl noch an unserem Poker-Face arbeiten,
denn als könnte er Gedanken lesen meint Marko, der Hostelchef,
mit einem Augenzwinkern: "Wie, Duschen? Klar, im ersten Stock,
das kostet dann aber extra! - Haha". War natürlich ein
Gag und nachdem wir geduscht und mit Jan unsere bisherigen Erlebnisse
ausgetauscht haben, führt er uns noch in die Stadt, wo wir
in der vom Vorjahr bekannten Bäckerei lecker Gebäck kaufen
und uns zur Feier des Tages noch ein Bier genehmigen.