#19 Fr, 01.09.07 Dereköy, km 2042 (Jan) 2320 (Christian)
Sozopol - Dereköy. 115 km, 18,4 km/h.
Wetter: 28°C, heiter bis wolkig.
Team: Christian, Georg, Jan, Robert, Tobi.

Fliegen,
Schlaglöcher, Lächeln
In der Türkei kommt
man sich vor wie in einer anderen Welt. An der Grenze schenkt man
unserem Christian, der personifizierten Antwort auf die Frage: «Who
is captain?» eine Landkarte, und die Grenzer lächeln uns
so freundlich an, als wollten sie uns eine Kreditkarte oder ein Zeitungsabo
verkaufen. Lächelnde Menschen konnte man in Osteuropa bislang
fast an einer Hand abzählen. Und in Dereköy, dem ersten
Dorf in der Türkei, liefen gleich zehn kleine lebhafte Rabauken
auf uns zu, inspizierten unsere Räder, verprügelten sich
gegenseitig, kickten mit dem Fußball gegen die Moschee und hießen
uns Willkommen. Kurzzeitig kam mal ein griesgrämig guckender
Mann mit Schnauzbart (das bedeutet: wichtig!) und Tragetaschen vorbei
und sagte semi-autoritär ein paar Worte. Als er aus dem Blickfeld
war, waren die Jungs aber schon wieder genauso munter wie vorher.
Die Straße in Bulgarien
war bis Tsarevo, dem letzten Ort an der Küste, noch sehr verkehrsreich
gewesen, doch sobald es ins Landesinnere ging, nahm der Verkehr ab,
die Steigung zu. Obwohl Europastraße, waren die Straßenverhältnisse
so schlecht wie auf der ganzen Tour nicht. Auch die Fliegen, die bei
einer Geschwindigkeit von ca. 10 km/h um unseren Kopf herumkreisten,
waren unerträglich. Nachdem wir im letzten bulgarischen Ort Malko
Tarnovo, wo das erste Schild «Istanbul» auf Kyrillisch
aufgetaucht war, ca. 10 Liter Wasser mit unseren letzten Lev gekauft
hatten, gewann Georg die Bergankunft in der Türkei auf ca. 500
Metern Höhe. An der Grenze muss man eine unglaublich hässliche
bulgarisch Frau passieren und sich in der Türkei einen Einreisestempel
holen.
Hinter Dereköy (s.o.)
fuhren wir noch auf einen kleinen Berg zum Zelten, wo es in der Nacht
das erste fürchterliche Gewitter dieser Tour gab. Christian und
ich sind trocken geblieben, Robert in seiner Zeltparodie glaube ich
nicht, sonst wäre er nicht schon wach. Überlebt haben wir
aber alle. Regenklamotten an und weiter nach Südosten, das Leben
ist kein Ponyhof.
Christian:
Ein mysteriöses Fitnessbefinden beschleicht mich am Beginn
dieses Tages. Nach den ersten Geraden (mit gefühltem leichten
Gegenwind) und kleinen Anstiegen, habe ich den Eindruck, mir am Vorabend
zwar nicht den Verstand, wohl aber meine Beinmuskeln weggesoffen zu
haben. Nach der ersten Pause an einer leeren und herunter gekommenen
Polizei-Straßen-Überwachungs-Station fühlt sich der
gleiche Körper nun aber an, als würde er vor Kraft fast
platzen. Der eigentlich Kampf galt aber den Fliegen, die man binnen
kurzer Zeit vor den Augen, um die Nase und vor allem in den Ohren
hat. So versuchen wir deren Grenzgeschwindigkeit zu überschreiten,
so dass sie uns nicht mehr verfolgen.
Nach einiger Zeit haben Jan, Robert
und ich einen kleinen Vorsprung herausgefahren und nutzen eine überdachte
Sitzgelegenheit am Straßrand für eine kleine Skatrunde
zur Entspannung.
Die Türkei rückt immer
näher und somit auch der erste Grenzübertritt seit sechs
Tagen. Nach dem weiblichen Grenz-Zombie ist die letzte Hürde
genommen und wir sind wieder unter Menschen. Nach meiner spontanen
Beförderung zum Teamchef nehme ich die Tourist-Map an mich und
lotse den Orient-Express aus dem Grenzgebiet heraus in Richtung Dereköy.
Während wir uns dort mit der Dorfjugend auseinandersetzen, spielt
sich Georg in die Herzen aller Teammitglieder. Aus dem Dorfladen kommt
er beladen mit kühlem Efes-Pilsener und Schokokeksen. Das ist
der Lance des Tages!
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