#21 So, 03.09.07 Büyüksehir, km 2264 (Jan) 2550 (Christian)
Lüleburgaz – Büyüksehir. 132 km, 21,5
km/h. Wetter: 25°C, heiter bis wolkig.
Team: Christian, Georg, Jan, Robert, Tobi.

Einmal
werden wir noch wach: Thrakische Tipps für die Kölner Stadtkassen
Hinter mir liegt eine Nacht
im Stil eines klassischen Penners im Stadtpark von Büyüsksehir.
Warum haben wir gerade hier übernachet? Weil der Plan sowieso
war, nur kurz vor die Tore Istanbuls zu fahren. Im Küstenort
Büyükcekmece gab es zwar eine schöne Strandpromenade,
aber keine gescheite Campingmöglichkeit.
Der Tag hatte damit begonnen,
dass Tobi mit seinem Gesternkorn ziemlich plötzlich noch vorm
Frühstück ins Krankenhaus verschwunden war. So kam er erst
mit einstündiger Verspätung an das erste richtige gute Frühstücksbüffet
der Tour mit Oliven, Käse, Wurst, Honig, Marmelade, Tee, Nescafé
mit Kaffeeweißer und Vitaminsirup. Bei km 7 war Robert aufgefallen,
dass er den Hotelschlüssel eingesteckt hatte, und wir verabredeten
uns kollektiv für den Ort Silivri wieder.
Christian und ich praktizierten
bis Çorlu wieder Paarzeitfahren. Die Straße dorthin war
furchtbar; viel Verkehr und eine Textil(fälschungs)fabrik nach
der anderen. Prima war hingegen Çorlu: Dort wurden wieder zum
Kaffee zu einem symbolischen Preis eingeladen und von kleinen Dreikäsehochs
welcome to Turkey geheißen. Wieder hielten wir zur Orientierung
an einem Kreisel an, und wieder kam ein hilfsbereiter Polizist auf
uns zu und wies uns den Weg auf die vierspurige D 100 nach Istanbul.
Dabei hatte er diesmal zwar kein Polizeirevier mit Gewehrsmann und
Teekocher im Schlepptau, dafür einen Fotografen mit einer stattlichen
Spiegelreflexkamera vom Çorluer (?) Tageblatt.
Nach einem Stopp mit Pistazienschokolade
trafen und Christian und ich einen etwas älteren Tourenradler
aus Deutschland, der 60 Kilometer am Tag mit 35 kg Gepäck gefahren
und nach Indien unterwegs war. Er hatte seine Arbeitsstelle in Salzburg
aufgegeben und war schon deutlich gezeichnet von Italien und Griechenland,
wo wir ja noch hinwollten. Ich möchte an dieser Stelle meinen
Respekt vor so einer Alleintour äußern und hoffe, der an
sich sehr sympathische Kerl hat es gut überstanden! Doch ich
fühle mich doch mit ca. 25 kg Gepäck und einer Fünfergruppe...
Nach ein paar Fotos und
einer Pause mit Pistazieneis (Algida, was quasi Langnese ist, produziert
hier jedes Eis von Magnum bis Cornetto mit Pistaziengeschmack) trafen
wir dann Tobi und Georg nahmen zusammen die Straße nach Istanbul
in Angriff. An einer Bushaltestelle hielten wir und später auch
ein Busfahrer, der ständig dämlich grinste und uns nach
Zigaretten und Geld fragte. Als er merkte, dass er wohl keinen Erfolg
mit dieser wenig überzeugenden Strategie haben werde und er eher
lächerlich war, fuhr er weiter. Weiter fuhren auch wir bei starkem
Seitenwind aus Nord nach Büyükçekmece, um dort einen
Campingplatz zu suchen. In der Türkei macht man das so, dass
man sich einfach vor ein Café stellt, und schon kommen hilfsbereite
Leute heraus, von denen der vierte Englisch spricht. Ein Mann machte
ein paar Telefonanrufe, sagte immer „tamam“ („OK»),
fuhr dann mit dem Auto weg und forderte uns auf, ihm zu folgen. Die
Reise führte zu einem Restaurant am Strand, wo man uns quasi
auf dem asphaltierten Parkplatz hätte zelten lassen. Gut ist
das Gegenteil von gut gemeint, dachten wir, wir aßen noch Köfte
und Döner dort, wobei wir mit dem - sicher auch gut gemeinten
- „Heil Hitler!“ begrüßt wurden, fuhren aber
in der Hoffnung, etwas Besseres zu finden, die Strandpromenade weiter
entlang. Wir badeten noch und trafen den 12jährigen erstaunlich
polyglotten und aufgeweckten Can. Der bekennende Fan von Tokio Hotel
riet uns, in den Wald zu gehen, auch wenn dort „crazy people“
hausten und fragwürdigen Unterleibsaktivitäten nachgehen
würden. Dort befanden sich aber Hunde, auf deren Bekannschaft
Robert wenig Lust hatte.
Also hieß es heraus
aus Büyükcekmece und mit einer 10%-Steigung, die an einer
sagenhaft beleuchteten Moschee endete, herauf auf die D 100 nach Istanbul.
Angesichts der Dunkelheit und der doch etwas rücksichtslosen
Autofahrer (wäre ich streng nach Verkehrsregeln und nicht nach
gesundem Menschenverstand gefahren, hätten diese Zeilen von mir
wohl nicht mehr lebendig geschrieben werden können) fuhren wir
aber sobald als möglich wieder ab und auf Anraten eines Einheimischen
(„nobody can say anything“) auf die Wiese vor einer Plattenbausiedlung.
Dort spielten wir noch etwas Skat, natürlich wieder zur Belustigung
kleiner Kinder, u.a. nach eigenen Angaben den Cousin der Altintop-Brüder,
und verbrachten ab Mitternacht eine erstaunlich selige Nacht, trotz
des gefühlte 100 Dezibel starkem Muezzin-Ruf um fünf Uhr
morgens fürs authentische Türkei-Gefühl. Übrigens
ist im Erdgeschoss der Moschee ein Supermarkt eingebaut. Ich stelle
mir gerade einen Penny-Markt im Kölner Dom vor. Für die
Stadtkassen sicherlich nicht das Schlechteste.
Christian:
Dem kann ich eigentlich nichts mehr hinzu fügen. Mich
würde mal interessieren, ob wir es in Çorlu
tatsächlich auf die Titelseiten der lokalen Käseblättchen
geschafft haben und auch, warum ein Polizist dort mit einem eigenen
rasenden Reporter unterwegs ist? Vielleicht war er auch der Entertainer
"Ahmet Schlämmer" von TRT. Wer es weiß, bitte
schreiben. Außerdem wäre es interessant zu wissen, ob die
Leute vom Techno-Imbiss in Büyükçekmece immer noch
auf unsere Rückkehr zum Zelten neben deren Grill warten. Fragen
über Fragen... Hat es der deutsche Radler bis Indien geschafft?
Verkauft der McDonald's an der Promenade wirklich nur Eis? Welche
seltsamen Tätigkeiten der Menschen im Wald hat Can umschrieben?
War der Dreikäsehoch in Büyüksehir wirklich ein Schwipp-Schwager
von Altintop? Und: Wie waren nochmal die Regeln dieses finnischen
Kartenspiels?
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