<< 3. Etappe, 29. Juli: Düzce - Gerede >>

Distanz
102,64 km
Fahrzeit
5 h 52 min 42 sec
Geschwindigkeit
17,46 km/h
gefahrene Höhenmeter
1.627 m
Höhe Zielort
1.423 m
Musiktipp Jan
Oasis - Carry Us All

Twitter-Text

Haben die Vorstadte Istanbuls endgültig hinter uns gelassen & haben heute 1600 hm ins Anatolische Hochland gemacht. Ts

Jan: Die ersten Berge und Gerede über Diagonalversteifung

Man erlebt etwas auf dem Weg zwischen Istanbul und Tbilisi. Nachdem wir im Treppenhaus noch einen Ex-Dortmunder getroffen hatten, stand das erste Frühstücksbüffet mit der Klassik-Kombi Weissbrot, Oliven, Schafskäse, Tomaten und Schwarztee auf der mit Gerümpel vollgestellten Hotelterrasse auf dem Programm. Danach stieg die D 100 bis zum Bolu-Berg auf 900 Meter an. An uns zogen auf einer aufgefrästen Strasse hauptsächlich Lkws vorbei. Bei einer Pause kamen wir in den Genuss, einen brennenden Lkw zu beobachten. Das halbe Dorf rannte mit Wassereimern zur Hilfe. Bei km 47, 150 Meter unterhalb des Passes, stoppten wir in Bolu an einem Supermarkt und wurden schon fast obligatorisch von einem kleinen Steppke gefragt, wo es denn hingeht. Die Samsun-Nummer glaubte er uns nicht und zog kopfschüttelnd von dannen. Inmitten einer herrlichen Bergkulisse auf nicht allzu befahrener Strasse schraubten wir uns alsbald auf 1100 Meter hoch und wurden dabei zweimal an Tankstellen auf Tees eingeladen - eine Zeremonie, die fast schon zur Routine wurde: Anhalten, Personal kommt und fragt "Cay?" und meistens noch, wohin es geht, wir kaufen kühle Getränke und Kekse und ziehen weiter.

Auf dem Pass begrüsste uns an einer Tanke der gutgelaunte Fatih, der sich in Antalya und Bodrum 2 Jahre lang selbst Deutsch beigebracht hatte. Die Mission "Nur 1 Tee-Einladung am Tag" ist also bereits heute gescheitert. Aber dieses Ritual gehört genau wie das Gehupe und Gewinke offensichtlich dazu zu einer Türkei-Tour. Man stelle sich vor, man fährt mit dem Rad durch Deutschland und wird an einer Tankstelle auf einen Tee eingeladen. Das ist so unwahrscheinlich wie ein türkischer Tour-de-France-Sieg in absehbarer Zeit, auch wenn uns heute die ersten Rennradfahrer (glaube allerdings, es waren Deutsche) entgegengekommen sind. Tobi und ich fuhren bis Gerede (1348 m überm Meer) einen zehnminütigen Vorsprung aufs Peloton heraus, und als die anderen eintrafen, entschieden wir uns wieder für ein Hotel. Bei der Suche waren uns zwei umtriebige kleine Bengels, die sich per Handschlag mit Namen bei uns vorstellen, behilflich, und führten uns zu unserer Herberge.

Bei unserem Stadtrundgang hielten wir erst an einem Bonner Kennzeichen und einem Mercedes mit "H" wie Hannover - so etwas muss fotografiert werden. Daraufhin näherte sich eine Gruppe lustiger Mittvierziger, denen ich versuchte zu erzählen, dass ich quasi auch aus Hannover komme. Sogleich näherte sich der Besitzer des Fahrzeugs: Ein Bauarbeiter, der in der Vahrenwalder Strasse wohnt und auf Heimaturlaub in Gerede ist. Er war sehr patent, lud uns noch auf einen Tee ein und brachte uns dann noch zu Siegfried. Siegfried ist ein Ingenieur aus Stralsund mit interessanter Vita, der als Freelancer und derzeit bei Hitachi in Gerede arbeitet, und eine Fotoausstellung in Gerede organisieren will. Nachdem wir - mal keinen Döner - zu Abend gegessen hatten, fuhr uns Siegfried noch zu einem tollen Aussichtspunkt und zeigte uns in seinem Hotel seine wirklich fantastischen Fotos. Wir wünschen ihm alles Gute, auch wenn er leider seine Fotos aus Bulgarien und Deutschland aus einem Grund, der nur dem Bürgermeister von Gerede bekannt ist, dort nicht ausstellen darf. Er erzählte weiterhin, warum es kein Wunder ist, dass bei Erdbeben in der Türkei so viel Schaden entsteht: Keine Diagonalversteifung in den Häusern - ein Feature, was neben mir auch die Wikipedia noch nicht kennt.

Tagesfazit: Wenn man in der Türkei etwas erleben will, muss man nur an einem belebten Ort mit dem Fahrrad irgendwo anhalten. Das reicht meistens schon für ein buntes Rahmenprogramm für die nächsten Stunden, zumindest fast sicher für einen Tee mit Würfelzucker. Das Dach der Tour nach Tbilisi haben wir nun schon hinter uns, jetzt wird es bis Samsun vermeintlich einsamer. Ich gehe aber davon aus nach der Erfahrung von heute, dass es nicht langweilig wird.

PS: Chuck Norris klingelt in der Türkei die LKWs von der Fahrbahn.

 

Christian: Anatolia here we come

Viel passiert heute, wo fange ich da am besten an? Wen haben wir denn alles kennengelernt? Z.B. den Bolu-Berg, ein Pass, ca. 1.050 m hoch, der sich gut mit dem Velo oder einem brennenden LKW fahren lässt, hier beginnt Anatolien. Trotzdem ein großes „Puhh“, endlich mal was Training und schwitzen tut man in der Sonne allemal.

Es ist also der Tag, an dem wir uns nach Anatolien vorarbeiten und nach dem Bolu-Berg kommt – wer hätte das gedacht – der Ort Bolu, welcher zu einer gemütlichen Mittagspause auf der Betonplatte vorm Supermarkt einlädt. Die Römer waren auch schon hier, wie wir durch Jans Referat erfahren – es gibt also gleiche kulturelle Wurzeln mit den hiesigen Bewohnern. Und ich dachte, wir wären schon weiter von zu Hause weg… an jedem Ortseingang verkündet der Untertitel „Nüfus“ übrigens immer die von Wikipedia abweichende Einwohnerzahl und „Rakim“ die Höhe über dem Meeresspiegel. Ein tolles Feature, wie ich finde.

Es geht weiter, wir haben uns ja schon ganz gut hochgeschraubt, zum nächsten Pass, an dem mich die Karte und meine Krafteinteilung frech düpieren. Voller Elan ziehe ich das Team bei meiner Lieblingssteigung zügig von 800 auf 1.000 Meter und habe die Bergpunkte schon vor Augen, um dann bei einer plötzlichen Steigerung der Steigung und einer Passhöhe von 1.140 m anstatt 1.050 Metern den Lorbeerkranz doch noch zu verlieren. Dafür wartete an der obigen Tanke aber ein Deutsch sprechender Tankwart auf uns, der aber noch nie in Deutschland war, dafür aber zwei Jahre auf einer Sprachakademie. Natürlich lud er uns auf einen Tee ein und auf noch einen (alles andere hätte mich mittlerweile auch verwundert) und war sichtlich erfreut seine Sprachkenntnisse einmal anwenden zu können.

Doch wer nun dachte (wie ich zum Beispiel), wir hätten unser Tagesziel schon fast erreicht, der irrt. Denn es folgten weitere noch ein paar weitere Höhenmeter im Gegenwind ,bis wir Gerede erreichen. Im Ort stellen sich die Kids im Anzug ungefragt per Handschlag und auf Englisch vor und führen uns souverän zum Hotel. Der Ort barg neben 27 Moscheen so einige Überraschungen, einen BMW X5 mit Bonner Kennzeichen und ein weiteres KFZ mit Hannoveraner Nummer. Ein Foto mit Jan davor und unser Abendprogramm war gerettet: Menschen kommen und telefonieren, der PKW-Besitzer kommt und lädt auf einen Tee (was sonst?) mit dem örtlichen Dorftrottel und dem örtlichen Hollywood-Schönling. Man kennt sich halt. Ebenso wie man den deutschen Ingenieur kennt, dem wir selbstverständlich umgehend im Fotoladen vorgestellt werden. Zusätzlich ruft man beim Restaurant gegenüber an, um uns anzukündigen und einen der 10 freien Tische im Lokal zu reservieren – eine putzige Idee, wie ich finde.

Der Freelancer-Ingenieur fährt mit uns später noch auf den Berg seines Sporthotels. Cooler Typ: Masch-Bauer, für Hitachi unterwegs, aus Stralsund und Hobbyfotograph. Bevor wir (bei einem Tee – einer ging auf Tobis Hose, aber nix passiert – Mist, also nächsten Anschlag planen ;-) ) ein paar seiner Ausstellungsbilder anschauten gab es einen Sonnenuntergangsblick auf die Stadt. Kitsch kann richtig schön sein. Schön ist auch das obligatorische Feierabendbier im Hotel, was mich wohl in Zusammenarbeit mit den geleisteten Höhenmetern ziemlich ausknockt – eine irritierende Situation, wie man findet.