<< 1. Etappe, 27. Juli: Istanbul Flughafen Sabiha Gökçen - Izmit >>

Distanz
79,67 km
Fahrzeit
4 h 00 min 09 sec
Geschwindigkeit
19,9 km/h
gefahrene Höhenmeter
603 m
Höhe Zielort
10 m
Musiktipp Jan
Mogwai - Mogwai Fear Satan
The Kooks - Seaside

Twitter-Text

in izmit. nach fahrt im morgengrauen vom flugi und dann auf d100 entlang golf von izmit. 22 grad, windig und leicht re …

Jan: Erstmal akklimatisieren - und schlafen

Das war heute ein Tag wie kein anderer. Man landet ja nicht jeden Tag irgendwo um 3 Uhr morgens mit dem Flugzeug und darf dann seine Velos zusammenbauen. Wenigstens wusste eine Flughafenangestellte am Sabiha Gökcen, wo sie überhaupt herauskamen. Ein bisschen Schaden ist beim Transport dann doch entstanden: Das Kabel meines Tachos ist gerissen, was selbst MacGyver-Christian nicht wiederherstellen konnte. Er ist aber trotzdem aufgrund seines unermüdlichen Einsatzes Anwärter auf den Lance des Tages. Ansonsten hatten wir die Räder, deren Zusammenbau-Aktion natürlich die Neugier des Flughafenpersonals erweckte, in ca. 1 Stunde fahrtüchtig gemacht. Weiterhin standen Geld abheben (der 3. Automat klappte), Wasser und Kekse kaufen sowie Koordinaten von Minuten/Sekunden auf Dezimal umrechnen auf dem Programm, bevor es gegen 4 a.m. Ortszeit in natürlich tiefster, aber warmer Dunkelheit auf einer wenig befahrenen Autobahn in Richtung D 100 losging.

Im Morgengrauen erreichten wir den Golf von Izmit und fuhren von dort 60 km auf der teils vier- dann zweispurigen, von Hochhäusern, Tankstellen, Baustellen, Lkws und scheinbar begeistert hupenden Autofahrern, geprägten, auf und ab verlaufenden D 100, die von der bulgarischen zur iranischen Grenze die Türkei in West-Ost-Richtung durchfährt. Felix Göpel hat sie als "Pragmatiker unter den Landstrassen"bezeichnet. Rechter Hand war immer mal wieder das Marmarameer zu sehen, es war bewölkt und wir waren mangels Schlaf so müde, dass wir uns trotz einer Red-Bull-Tankstellenpause bei Körfez noch eine Stunde an die grossräumige Wiese am Wasser schlafen legten.

Gegen 12 Uhr erreichten wir bereits Izmit, und stoppen zwecks weiterer Planung in der Fussgängerzone. Dort knüpfte die türkische Polizei mit der Frage, ob sie uns helfen könne und detaillierten Infos zu städtischen Hotels nahtlos an den guten Eindruck von 2007 an. Weiterhin trafen wir einen Einheimischen mit Lebenserfahrung von zwei Jahren Hamburg, der uns "im türkischen Zentrum der chemischen Industrie" (so hatte es auch gerochen auf dem Weg hierher) willkommen hiess. Er führte an, Izmit sei ja erst in den letzten Jahren so schön geworden. Schön war es wirklich, typisch türkisch-lebendig, mit Fussgängerzonen und grossem Park an der Küste, in dem mich 2004 schon mit den Bonner Geographen mal stand. Strand gab es keinen. Der Wasserzustand lud auch nicht wirklich zum Baden ein.

Christian stand, obwohl der Regen sich gelegt hatte, der Sinn nicht nach Weiterfahren, sondern nach Ausschlafen und organisierte uns eins der Hotels, dass die Polizisten uns als "economic" empfohlen hatte. Nach allerlei Hickhack um den Abstellort der Fahrräder (der Hotelboy musste sie durch den halben Wohnblock und schliesslich wieder die schmalen Hoteltreppen hochtragen) und Zimmerbelegung (wohl nur Chuck Norris darf in diesem Hotel auch mit unverheirateten Frauen das Zimmer teilen - eine Klausel, die es, man darf es vorwegnehmen, in keinem anderen türkischen Hotel gab) bezogen wir schliesslich unsere Zimmer. Nachdem die Tür des Badezimmers dann auch wieder aufging (allerdings nur mit Hilfe von aussen - "Verstehen Sie Spass" lässt grüssen), begrüsste uns der Hotel- und Übersetzungsbüro-Besitzer mit Schnauzbart auf der Dachterrasse im 6. Stock, und wir durften auf seine Kosten (das ist kulant, aber in der Türkei üblich) Suppe, Brot und Reis mit Saft und Tee konsumieren und versicherten ihm, dass es keine Probleme gäbe.

Anschliessend fielen wir in einen wohlverdienten fast vierstündigen Schlaf, aus dem uns Claudia um 18 Uhr weckte. Nach einem Rundgang durchs mittlerweile sonnige und immer noch windige Izmit kehrten wir in einen preiswerten Dönerladen mit Kulturprogramm in Form von Musikvideos, die u.a. auf einer Schrotthalde spielten, auf der gut angezogene Schmalzheinis tanzten, ein und liessen den Abend in einem idyllischen Teegarten zum Sonnenuntergangs-Muezzinruf ausklingen. Um unseren Biorhythmus nicht völlig durcheinanderzubringen, hat Christian uns noch drei Efes gekauft, wie wir nun um mittlerweile 21 Uhr in unserem tropisch heissen Zimmer des 1jährigen Baris-Hotels konsumieren.

Nun werden wir alle unsere Haare auf 2 cm kürzen und morgen weiter nach Osten fahren. Es war ein sehr ereignisreicher Tag und man muss sich nach dem Flug und schlafloser Nacht erstmal auf Urlaub und wieder auf die Türkei einstellen. Aber langsam kommt es, und es gefällt mir von Minute zu Minute besser, was auch an der türkischen Mentalität und den gutgelaunten Mitfahrern liegt. Ach ja, hier war 1999 ein krasses Erdbeben mit 20 000 Toten. Schwierig, sich das vorzustellen.

Christian: Die Chemie stimmt

Das ist nun der erste Eintrag von on the road und dabei ist schon soviel passiert – wow. Wir sitzen gerade in Izmit beim Dönermann und die Verwirrung hält an. Vielleicht sind wir trotz mehrstündigen Power Nap am nachmittag immer noch übermüdet, vielleicht aber auch die Türken. Überhaupt: Sind wir nun wirklich schon hier und unsere Radelreise 2009 hat begonnen? Ich kann es noch nicht so richtig realisieren, finde es aber saugeil.

Doch der Reihe nach. Der nach der Landung folgt das, wovor wir uns schon kollektiv gefürchtet hatten: der Velo-Wiederaufbau. Bei Ricola verläuft dieser geschmeidiger als gedacht und die 2,99,- Euro-Lidl-Luftpumpe pumpt besser als zuvor in der Heimat getestet. Schlechter als erwartet hat aber leider Jans Tachokabel den Transport überstanden, nämlich gar nicht. Auch Panzertape und Kabelbinder können den Geschwindigkeitsmesser leider nicht wieder zum Leben erwecken.

Ohne Tageshelligkeit und ohne Schlaf durch unendlich lange aber leere Straßen bzw. Siedlungen in Istanbul. Ich glaube, wir sind auf so ner Art Autobahn, aber sicher bin ich mir nicht, Wahnsinn.


Ich tippe das Buch einfach mal so ab, wie es sich auch en papier präsentiert, also nicht immer chronologisch und mit tollen Einschüben und Grafiken verfeinert. Daher:

Exkurs:

Wo Tobi im Zug saß war auch eine 10. Klasse mit von der Partie, welche einen Witz über die Lautsprecheranlage zum besten geben durften, nämlich den Paradies-Witz: „Fragt Adam seine Eva ‘Liebst du mich noch?‘ Sie entgegnet ‘Ja wen denn sonst.‘“ Toll, wir liegen vor Lachen förmlich auf dem Boden. Danke für den Transport dieser Lachsalve.


Meine Furcht irgendwann auf dieser Tour noch von Hunden angefallen und zerfleischt zu werden ist nach den ersten Kilometern nicht komplett unbegründet. Total viele dieser Viecher bellen uns aus Hauseinfahrten oder vom Straßenrand an.  Pfefferspray gibt mir auch nur ein trügerisches Gefühl von Sicherheit.

Auch der Geruch dieser Gegend ist alles andere als wie vom Bergfrühling geküsst. Es stinkt nach Öl, Chemie, Dreck und alten Autos. Es gibt gewiss schönere Gegenden entlang der D 100, die für die nächsten Tage unsere Heimat sein wird, aber die müssen wir erst noch erreichen. Teilweise glaube ich, dass uns hier jeder Atemzug ca. 1 Minute unseres Lebens kostet. Echt krass, wenn man hier tagtäglich arbeiten muss. Umso besser dieses Stück nun schon bewältigt zu haben.

In einem mir nicht genau bekannten Ort (war es Fatih? Anm. Jan: Nein, Körfez) müssen wir unserer nicht gehabten Nachtruhe und diversen Sekundenschlaf-Attacken  Tribut zollen, biegen rechts ab und legen uns in einen schick angelegten Park direkt am Meer, vis-a-vis einiger Ozeandampfer. Bis dass der Regen uns nach 45 Minuten wieder weckt, ist Power-Napping angesagt (ja, das ist kein Witz). Das alles fühlt sich ein bisschen so an wie 2006 in Rijeka, sprich der Blick aufs Meer mit Hafen, dazu frühherbstliches Wetter. Den positiven Effekt der Pause nutzend rollen wir die restlichen 20 km trotz Gegenwind wie gezogen nach Izmit.

Nach lockerem Small-Talk mit der örtlichen Polizei und einem kleinen Überblick über die Stadt lassen wir uns schweren Herzens überzeugen ,nicht noch weiterzufahren, sondern hier unsere Zelte aufzuschlagen bzw. ein Hotel zu nehmen. Jan, du hast definitiv nun einen gut bei uns! Somit checken wir bereits um 12 Uhr im Hotel ein, was gar nicht so einfach erscheint. Mit Hängen und Würgen kann ich der Rezeptionsoffizieren klarmachen, dass wir unsere Fahrräder nur ungerne draußen vor der Tür abstellen würden und dass uns die Überwachungskamera da auch nicht richtig beruhigt – bringt ja nix, wenn man sieht, wie die Velos geklaut werden. Nach einer Odyssee durch die Straßen, in leere Geschäftsräume schleppt der stoische Hotelboy Raisa, Ricola und Ko schließlich ins Hotel in ein wohl speziell hergerichtetes Zimmer.

Mit dem Schlafmangel und der nicht zu leugnenden anfänglichen Aufregung geht der Tagesrest eher rum wie in einem Film. Die Kulisse ist die Stadt, der MIGROS-Markt und der Ostzipfel des Marmarameer und eine Döner-Kellerrestaurant. Den Award „Bester Nebendarsteller“ heimst unser Hotelbesitzer ein, der sich uns mit den Worten „I’m the owner of this hotel. This is a typical turkish meal. It’s free. You’re my guests“ vorstellte und dessen tolles Hotel wir natürlich auch mit ausgiebigen Lobeshymnen bedenken. Außerdem leitet er wohl die örtliche Übersetzungsagentur. Leider ist es uns unentdeckt geblieben, auf welche Sprachen sich seine Agentur fokussiert, Deutsch oder Englisch sind es schätzungsweise nicht.

Mittlerweile sind wir wieder im Zimmer. Wir stellen gerade fest, dass „Efes“ in der Türkei ein oligopolistischer, wenn nicht sogar monopolistischer Marktführer ist und wir damit leider auf Jans beliebte Bierstatistik verzichten müssen. Vielleicht fertigt er stattdessen nun ja eine Tee-/ Hup- oder Dönerstatistik an – wir werden sehen. Gleich wird Claudia (sie genießt die Vorzüge eines Einzelzimmers, weil wir an der Rezeption zu unspontan waren eine Ehe vorzutäuschen) den Haarschneider schwingen und Jan, Tobi und ich werden mit einer schnittigen 15 mm– Frisur uniformiert. Mal sehen, vielleicht sind aber auch 20 mm schon kurz genug.

Es ist geschehen: Kürzeste Frisur seit ca. 10 Jahren. Fühlt sich aber cool an, ich möchte gar nicht mehr aufhören meinen Kopf zu streicheln.


Grußwort von Jan:

Lieber Christian,

ich gratuliere dir zu der Entscheidung für den AnatolienExpress 2009. Auf idyllischen Schlaglochfreien Straßen rollen Sie dem Sonnenaufgang entgegen nach Georgien, dem Land, in dem sich 42. Breitengrad und Längengrad schneiden. Zusammen mit erfahrenen Haudegen des Radsports erleben Sie unvergessliche Erlebnisse mit original einheimischer Bevölkerung, die nur an deinem Wohl interessiert ist. Ich wünsche Dir viel Freude mit Ricola, Claudia und uns, dass du weniger Probleme mit dem Gesäß hast als 2008 und immer gute Fahrt mit GND, dem Granit unter den nicht kommerziellen Radsportanbietern. Und lass mich mal wissen, wie viel km es am Ende waren.

Jan Wilkening

Navigator vom Dienst


Grußwort von Claudia:

Lieber Christian,

da ich Urlaub habe und kein Diktiergerät zur Hand ist und du nicht bereit bist, mein Diktat aufzunehmen, wünsche ich dir in handschriftlicher, persönlicher Form einen wunderschönen, erholsamen, spannenden, unterhaltsamen, entdeckungsreichenden, entspannenden, lehrreichen, unvergesslichen Urlaub, bei dem meine medizinischen Fähigkeiten tatsächlich auch Urlaub haben können.

Es ist mir eine unbeschreiblich große Freude, dieses Mal eine Sommertour miterleben zu dürfen, mit dir, Ricola und den anderen Urlaub machen zu dürfen, die Türkei und Georgien zu entdecken.

Ich wünsche dir (wie auch uns anderen) schmackhafte Begegnungen mit der landesüblichen Küche, spannende Begegnungen mit der örtlichen Bevölkerung, Radfahrwetter, schöne Aussichten, rasante Abfahrten, sehenswerte Anstiege, angenehmes Badewasser, hin und wieder auch ne Bademöglichkeit, genug Essenspausen (und bitte nicht böse auf mich sein, wenn ich schon wieder Hunger habe), erfrischende Duschen, gute Übernachtungsmöglichkeiten, Humor, Gelassenheit, Spaß und viel Freude miteinander!

Auf eine tolle gemeinsame Reise,

Claudia

PS: und die Handdesinfektionslotion werde ich nicht nutzen!


Grußwort von Tobi:

Expect the unexpected!

Nach den letzten gemeinsamen grandiosen Reisen liegen die Erwartungen schon natürlich sehr hoch: Ich für meinen Teil erwarte: Monsunartige ,aber auch opfer fordernde Hitzewellen, viele freundschaftliche Begegnungen, aber auch Missverständnisse (wie wir heute merkten sind diese meist humorvoller Natur), lebhafte Metropolen, einsame Bergpässe, hervorragende türkische Küche, verzweifelnde Suchen nach etwas trinkbaren.

EGC: Jan wünscht schon eine gute Nacht

… days later …

Kurze Haare, lange Bärte, amüsante Hotellobby