<< 6. Etappe, 01. August: Osmancik - Kavak >>

Distanz
130,04 km
Fahrzeit
6 h 44 min 34 sec
Geschwindigkeit
19,28 km/h
gefahrene Höhenmeter
1.058 m
Höhe Zielort
572 m
Musiktipp Jan
Morrissey - I Will See You In Far-off Places

Twitter-Text
Haben unsere zelte im dunkeln aufgebaut. Waren heute abend Teeniestars. Gastfreundschaft ist riesig. Ts

Jan: Campers Outside The Hospital Doors oder Samstagabendunterhaltung auf Türkisch: Bleiben Sie hier - in naturaal!

Ich muss erstmal meine Eindrücke verarbeiten. Ich liege unverletzt vor einem Krankenhaus. Aber schön der Reihe nach.

Nach der Ausfahrt aus Osmancik, die an verlassene Dörfer in Polen oder der Ex-DDR erinnert, fanden wir den idealen Picknickplatz und frassen uns voll. Anschliessen erklommen wir den 960 Meter hohen Ulubel. Auf dem Weg dorthin hielten wir an einer Tankstelle mit einer lustigen älteren Frau, die lange in Braunschweig gewohnt, die Währungsreform wohl verpasst und den norddeutschen "Oder?"-Fragepartikel gut gelernt hatte. Folglich forderte sie für meine Cola mit "2 Millionen, ne?" ein. Auf der Abfahrt durch durch den weiter an den Wilden Westen erinnernden D 100 liessen wir die lustigen Stände Gümüshaciköy (selbes Versmass wie unser ungarischer Partnerort Zalaszentjakab) und Merzifon (bekannt durch den Merzifonstreich und den Merzifonmann von Helge Schneider) links liegen. Dabei gerieten wir noch in eine Verkehrskontrolle, in der wir mit Handschlag begrüsst und in der Türkei willkommen geheissen wurden. Uns wurde empfohlen, das Bankett zu benutzen statt der Strasse, was wir auch taten, sofern es denn mal befahrbar war.

Kurz bevor die D 100 weiter Richtung Erzurum und Iran geht, wurde die Strasse wieder zweispurig, und wir hatten mit Verkehr und Gegenwind zu kämpfen. Als wir den Weg nach Samsun eingeschlagen und unsere gute alte 100 verlassen hatten, ging es sogleich in die ersten Tunnel. Tobi verlor dabei eine Gepäcktasche und brach sich, wie sich später herausstellen sollte, eine Speiche. Es ging aber dank beherztem Abbremsen eines Lkws (hier fuhr dann mal nicht Gevatter Tod, sondern der Schutzengel Lkw) alles gut. Kurz danach erreichten wir Havza, wo wir an der Tankstelle wieder Asiye, die Kölnerin aus dem Supermarkt, wiedertrafen. Sie bot uns aus dem Auto ihrer Eltern noch Eiswasser an (Lance des Tages) und empfahl uns Lehrerunterkünfte.

Trotz Kreislaufproblemen von Claudia erklommen wir noch einen weiteren 900er auf der wieder angenehmer werdenden Strasse und entschieden uns dann bei km 126 in Kavak dafür, die bislang steilste Strasse der Tour (das wussten wir noch nicht, als wir das "Sehir Merkezi" (Stadtzentrum)-Schild sahen) in den Ort hochzufahren, um eine warme Mahlzeit einzunehmen. Wie schon gesagt: Wenn man in der Türkei Action will, muss man einfach nur an einem mässig frequentierten Ort anhalten. Schon kam ein eleganter Klavierlehrer auf uns zu und wies uns den Weg zu einem Pide-Salon. Kurz danach fuhr ein Polizeibus vorbei, und jemand klopfte wild von der Rückbank ans Fenster. Das war Osman, ein heute wohl betrunkener Taxifahrer mit Wohnsitz Lengerich, der, weil er ja Taxifahrer ist, schon "überall in Deutschland" war. Im Pide-Salon erzählte er uns bei einer Schachtel Zigaretten, dass er von der Polizei eben kurz in Gewahrsam genommen worden war, weil er einen Knoblauchverkäufer, der vor der Moschee seinen Knoblauchgeruch versprüht hatte, verprügelt hatte. Doch weil er ein guter Freund des Polizeichefs ist, kam er wieder frei. Gut für uns?

Kurz nachdem wir Lahmacun gegessen hatten, knallte es draussen. Ein Motorradfahrer war mit einem Auto zusammengestossen. 100 Männer strömten auf die Unfallstelle zu; es kam fast zu einer Schlägerei, es war sehr amüsant anzuschauen. Nach zwei Minuten war aber alles wieder vorbei und die Unfallbeteiligten zogen stumm mit ihren beschädigten Fahrzeugen von dannen. Wir auch mit Osman im Schlepptau, der noch ein Bier mit uns im Stadtpark (das habe ich in der Türkei noch nie gesehen - das ist so, als ob man sich bei uns im Stadtpark eine Linie ziehen würde) trinken wollte. Doch nach dem Konsum der halben Dose, den wir in einem höchst merkwürdigen Laden, den Christian an Helge-Schneider-Filme und mich an Attrappen von "Verstehen Sie Spass?" erinnerte, musste "Osman Bin Laden" (sein eigener "Gag") zu seiner Mutter (die ich noch fotografieren sollte) und ward danach nie wieder gesehen.

Die 20köpfige Dorfjugend und wir unterhielten uns gegenseitig, bevor wir einsahen, dass Osman nie wiederkommen und uns seinen vollmundig versprochenen tollen Campingplatz ("Bleiben Sie hier - in natural!") zeigen würde. Stattdessen mussten wir raus in die Dunkelheit und haben schliesslich das Security-Personal eines Krankenhauses trotz Verständigungsschwierigkeiten überzeugen können (wichtige Frage: "bu kamp, problem var mi?" - erwartete Antwort: "problem yok"), auf ihrem Gelände zelten zu können. Gerade haben sie noch Tee vorbeigebracht, und wenn wir mehr wollen, sollen wir einfach reinkommen. Ich bin erst einmal reizüberflutet.

 

Christian: Kavak sucht den Superstar

Einmal in Richtung Schwarzes Meer lautete unsere Devise, obwohl wir ernsthaft mit dem Gadanken spielen, die D 100 einfach weiter zu fahren. Der Reiz des wohl höheren Abenteuerfaktors, denken wir. Doch schon diesen Abend sollen wir vom Gegenteil überzeugt werden.

Nach dem feudalen Frühstück an unserer Lieblingsstraße folgte auch gleich der Frühstücksberg und meine Erkenntnis, dass die Qualitätsfirma SIGMA Sport nicht umsonst eine tägliche Kalibrierung des Höhenmessers empfiehlt. Als ich den anderen schon stolz das Erreichen der Passhöhe verkündete, waren es noch gut und gerne 100 Höhenmeter bis zum Ulubel. Dafür durften wir aber eine Tankstellenbesitzerin kennenlernen, welche 22 Jahre in Braunschweig lebte und uns freundlich einen Stuhlkreis errichtete. Das rege Treiben an ihrer Tanke verhinderte jedoch eine tiefergehende Unterhaltung. Bei unseren Feldforschungen bisher könnte fast der Eindruck entstehen, dass die meisten in Deutschland lebenden Türken in Niedersachsen leben (aktuell n = 2).

Weiter geht’s, die D 100 verlassen wir bei Merzifon, wo Jan spontan Lust auf einen Merzifonstreich bekommt. Gleichzeitig mit dem Abbiegen Richtung Meer setzen seltsamerweise aber ehrlich Gegenwind, Steigung, eine Baustelle, grober Verkehr und unbeleuchtete Tunnel ein. So schlecht wie ihr Ruf sind die türkischen LKW-Fahrer gar nicht, denn sie gaben uns zweimal im Tunnel Flankenschutz und stoppten sogar den Verkehr, als Tobi in Tunnel Nummer 2 seine linke Gepäcktasche verlor. Daher entschieden wir uns, den Rest der Strecke auf der noch gesperrten Parallelfahrbahn zu fahren. Warum gibt man diese Sahnefahrbahn nicht frei, während wir gestern über eine Gerümpelpiste geschickt wurden?

Im nächsten Ort wartete zufällig die türkische Lehrerin aus Köln samt Familie, um uns mit kaltem Wasser und ein paar guten Tipps für die Weiterreise zu versorgen. Asiye, wenn du dass hier später mal online lesen solltest, sei gegrüßt!

Nun noch einmal einen kleinen Pass und ich glaube meine Form wird langsam besser. Leider nimmst hingegen Claudias Form im Laufe des Tages ab. Ich weiß nicht genau was sie hat, aber sie meint es sei wohl „nur“ Kreislauf. Hoffentlich nix ernsteres.

Und nun kommt das eigentliche Tageshighlight. Als Teamweiser lege ich ja bekanntlich nur Optionen dar und Tobi wählt Tor 1 „Essen gehen in Kavak und wild zelten“. So sei es und nach bewährter Taktik fahren wir einfach mal rein in den Ort um zu gucken, was passiert. Klappt prima und zunächst weißt uns ein Englisch sprechender Musiklehrer auf ein Restaurant mit tatsächlich geilem und günstigem Essen hin. Noch bevor wir das Lokal betreten , fährt ein Polizeibus vor und die Show beginnt: Ein Man klettert quer durch den Bus und weist uns auf Deutsch an zu warten. Wie wir später erfahren, musste er kurz zu seinem Freund dem Polizeipräsidenten, weil er zuvor einen uneinsichtigen Knoblauchverkäufer attackiert hatte. Er heißt Osman, gesellte sich zu uns, rauchte Kette und erzählte von  Knoblauchverkäufern, Busfahren im Münsterland, seiner Bauernschläue gegenüber der AOK und neuen Zähnen aus Samsun.

Wir sollen doch bei ihm essen schlug er vor, schließlich scheint er sowas wie ein lokaler Star auf Heimaturlaub zu sein. Unsere Begeisterung für diese Situation wurde jäh gebremst durch einen Knall draußen: Motorrad gegen Auto. Aber nix weiter passiert, Roller etwas kaputt und eine gewisse Mitschuld durch die Parkposition unserer Räder ist nicht auszuschließen – eine ungünstige Situation, wie ich finde. Aber man regelte es türkisch, nämlich gar nicht und außerdem waren wir ja nun Buddys mit Osman. Im weiteren Verlauf führt er uns aber nicht zu sich nach Hause sondern zum Dorfplatz, wo er unseren Velos einen Bodyguard zur Seite stellte, der durch sein Aussehen irgendwie an einen jungen Ahmadinedschad erinnerte.

Zur Abwechslung haben wir mal die Spendierhosen an und laden Osman auf ein Bier ein, welches man in einem Geschäft kauft, dass mitsamt der Verkäuferin in Helge-Schneider-Filme exportieren könnte. Jan weigerte sich, Osmans Kupplungsversuchen mit der Verkäuferin stattzugeben. Man muss einfach dabei gewesen sein – herrlich! Kaum hatten wir angestoßen ,musste der nach eigenen Angaben 53-jährige Osman zu seiner Mutter, der irgendetwas am Tagesverlauf nicht zu passen schien. Mit den Worten „Bleibt hier sitzen, auch wenn es zwei, drei Stunden dauert. Ich komme wieder“ verabschiedete er sich.

Nun erweckten wir als in der Öffentlichkeit Bier trinkende Mitteleuropäer das Interesse der Dorfjugend. Verständigung klappte kaum, aber wir tauschten Haribo gegen Pinienkerne, hörten türkischen Hip-Hop und schauten uns deren Kunststückchen an. Selbst unser Bodyguard (angeblich Polizist) ging aus sich heraus und flick-flackte wie ein Rohrspatz. Sollte ich mal wiedergeboren werden, so wäre dies als Türke auf dem Lande bestimmt nicht die unspannenste Alternative.

Nach einer knappen Stunde Dasein als Teenie-Idol beschlossen wir zu türmen und Osmans Rückkehr nicht abzuwarten. Wir fahren zum Nachtlager, diesmal hinter einem Krankenhaus und bauen die Zelte im Dunkeln auf. Die anderen waren schon im „Bett“, als der Wachdienst uns noch ne Runde Tee vorbeibrachte. Jetzt tutet ein Zug auf der benachbarten Eisenbahnlinie nach Samsun und auch ich mache Feierabend, um die tausend Eindrücke irgendwie mal zu sortieren. Gute Nacht!