<< 15. Etappe, 10. August: Kobuleti - Kutaisi >>

Distanz
116,50 km
Fahrzeit
5 h 47 min 13 sec
Geschwindigkeit
20,13 km/h
gefahrene Höhenmeter
939 m
Höhe Zielort
121 m
Musiktipp Jan
Morrissey - Every Day Is Like Sunday
Kings Of Leon - Closer

Twitter-Text
üppige vegetation, regen-sonne-mix, lustige leute auf absurden fahrzeugen, träge kühe auf der straße. Grüße aus kutaisi

Jan: Jetzt weiss man, wo Helge Schneider Filmrequisiten und Schauspieler rekrutiert

So, wir sind schon 220 km vor Tbilisi. Und das nach einer Nacht, wo ich wie selten zuvor mit Nachdurst aufgewacht war und meine eigentlich für die heutige Etappe bestimmte 1,5 Liter Pepsi schon fast vorm Start ausgetrunken hatte. Tobi klagte am Morgen über Kater und schwor "nie wieder Wodka". Draussen regnete es leicht, und wir bekamen dank unser freundlichen Dolmetscherin sogar noch Frühstück mit Ei, Käse und Brot. Anschliessend fanden wir Christians auf mysteriöse Art und Weise verloren gegangene Handyklappe am Strand wieder.

Nach dem Abschied von ihr und Kobuleti setzte der Regen nun stärker ein. Einheimische (vielleicht hatten sie unsere Twitter-Seite mit dem Etappenplan gesehen) bewahrten uns mit Rufen aus dem Auto heraus, eine völlig falsche Strasse einzuschlagen. Letztlich landeten wir dann nach zwei Rückfragen doch noch auf der, wie unsere Freundin es gut beschrieben hatte, gut asphaltierten und von trägen auf der Strasse liegenden Kühen geprägten Strasse nach Samtredia via Ozurgeti. Bis dahin ging es immer wieder durch atemberaubende grüne Landschaft und auf steilen Anstiegen durch den mächtigen Löss (sah zumindest so aus - Salzsäure hatten wir keine dabei), die die Karte mit den 250-Meter-Höhenintervallen uns natürlich vorenthalten hatte. So stand nach km 30, primär für den heute etwas angeschlagenen Tobi, in Ozurgeti bereits die erste Pause auf dem Programm. Wir beobachteten einen Helge-Schneider-filmreifen ca. 80 Jahre alten Typen, der mit einem absurden dreirädrigen Gefährt im Kiesbett eines Flusses eine Ladung Sand minutenlang vorwärts und rückwärts fuhr und dabei von zwei nicht minder schrulligen Typen herumkommandiert wurde, bis er schliesslich wieder von dannen rollte (und in unserem Blickfeld auch nicht stürzte, obwohl der eiernde Reifen dies eigentlich suggeriert hatte), während die anderen zwei eine ewige Zigarettenpause vom Herumkommandieren machten.

Hinter Ozurgeti wurde es etwas flacher, und durch ein weiteres Flusstal mit üppiger Vegetation ging es - nach einem kleinen finalen Ansteig, von dem man eine atemberaubende Ansicht auf die Niederung des riesig wirkenden Rioni-Flusses hat - bis Samtredia. Von dort verläuft die M1 vom abchasischen Suchumi bis Tbilisi, und wir sahen, dass es noch 270  km bis zu unserem Zielort waren. Die M1 ist recht schmal und es gibt nur einen schmalen Seitenstreifen. Dank der "eigenwilligen Fahrweise" (sagt der Reiseführer), die ich als risikofreudig umschreiben würde, ist man auch hier froh, sie letzlich überlebt zu haben. Man könnte meinen, die richtige Antwort auf die Frage "Was tun in Gefahrensituationen", die hierzulande jeder Fahrschüler lernen muss, wäre in Georgien tatsächlich "Hupen und Gas geben".

An jeder Ecke gibt es hier ebenfalls an Helge erinnernde Mini-Kiosks, an dem man sich u.a. eine Plastiktüte mit 1 kg lustig bedruckten Keksen kaufen kann, die man dann wiederum bei der 8 km vor Kutaisi einsetzenden ersten Regenpause des Tages vertilgen kann. Bei dieser drehte ich noch ein Video von einer Kuh, die seelenruhig auf dem Mittelstreifen umhergeht, während Autos mit 100 km/h links und rechts an ihr vorbeidonnern. Erst die Kopftuch tragende Kuhbesitzerin jagt sie letzlich davon. Anschliessend stieg noch ein Mann mit einer undefinierbaren absurden Fracht (Bierfass oder Gasflasche) aus einem Transporter aus und fragte, wo wir hinwollen. Nach Kutaisi, wo wir wegen Regen gleich im ersten Hotel in den Stadtmauern eincheckten. Das Wasser fliesst nur in einem unserer beiden Zimmer, aber wir haben es trocken. Ferner brennt hier eine Glühbirne, während Christian aufgefallen war, dass es in der Türkei nur Energiesparlampen gab.

Wir versuchten noch, ins Zentrum Kutaisis hineinzugehen, waren aber schliesslich zu müde und hungrig. So landeten wir nach Impressionen hässlicher Plattenbauten und aufgerissenen Bordsteinen (willkommen in Osteuropa?) wieder im Hotelrestaurant, wo wiederum eine junge Georgierin als Dolmetscherin fungierte und uns Köstlichkeiten der georgischen Küche herbeizauberte. Die Vorstadtjugend tanzte dazu grundlos durchs düstere Lokal, und jetzt liegen wir müde und gesättigt 220 km vor Tbilisi im komfortablen Hotelzimmer. Ach ja, für die nächste Tour wollen wir noch einen Mechaniker (Radsport-Schmitz aus Bonn ist Top-Kandidat) und eine der jeweiligen Landessprche mächtige Person mitnehmen. Kost und Logis werden bezahlt. Bewerbungen mit Foto (Aussehen egal) an gnd42.cycling@gmail.com.

 

Christian: Das Leben hier ist ein großer Bauernhof

Hinter uns liegt der bisher übelste Absturz der Tour. Schon der erste Vodka gestern Abend hatte ziemlich reingehauen, und am Ende war die Flasche doch leer und meine Handyklappe weg… oh oh. Total gerädert (haha, Wortspiel) ließen wir den Tag seeehr langsam angehen. Und etwas langsamer schadet hier eh nicht, denn in Georgien scheint man auch eher eine entspannte Lebenskultur zu pflegen (außer im Auto auf der Straße versteht sich). Mir fällt auch, dass der Eifler Begriff „schroh“ irgendeinen Bezug hierher haben muss. Aber dass ist wohl auch Geschmackssache und vielleicht wollte das Mädel gestern am Strand auch einfach nur mal ein Foto mit einem unheimlich schrohen Mann, als sie sich mit mir ablichten ließ.

On paper hätte die heutige Etappe topfeben sein müssen ähnlich wie die Po-Ebene. Dies lag aber nur daran, dass die Isohypsen hier auf 250-m-Intervalle eingestellt sind (wegen der Höhe des Kaukasus vielleicht sogar sinnvoll). Nun ja, wem hätte das eigentlich vorher auffallen müssen als mir, wo ich doch in der AG Kartographie arbeite. Trotz Kater im Gepäck fährt sich das alles aber sehr gut. Landschaftlich ist das hier alles einfach nur umwerfend. Überall mehr oder minder saubere Bäche, saftigstes Grün, Farnfelder und auf der rechten Seite der Kleine Kaukasus in Sichtweite. Gespickt ist der Gesamteindruck von an den passenden und unpassenden Stellen herumstehenden Kühen und Schweinen, z.B. auf der Straße, im Vorgarten oder auf der Verkehrsinsel. Auch Helge Schneider ist mal wieder dabei. Diesmal in Form von einem filmreifen Einparkversuchs von drei Männern und ihrer ca. 60 Jahre alten Vespa-Rikscha im Flussbett. Da muss man dabei gewesen sein.

Die Etappe endet wie geplant in Kutaisi. Ein Hotel haben wir hier schnell gefunden. Die Zimmer sind ok, versprühen etwas post-sozialistischen Charme und das Bad riecht nach verwitterndem Gummi. Aber beschweren will ich mich nicht, denn das Abendessen schmeckt mal wieder vorzüglich und nach Sahne schmeckende Limo habe ich vorher auch noch nicht getrunken. Weiter so!