<< 5. Etappe, 31. Juli: Ilgaz - Osmancik >>

Distanz
114,8 km
Fahrzeit
5 h 21 min 34 sec
Geschwindigkeit
21,42 km/h
gefahrene Höhenmeter
816 m
Höhe Zielort
574 m
Musiktipp Jan
Doves - Lifelines

Twitter-Text
Claudia hat eine Reifenpanne vorgetaeuscht, damit wir an der Tanke auf Kaffee und Melone eingeladen werden. Heiss & fit

Jan: Reis und Melonen im Grand Canyon

Zunächst haben wir die erste Zeltnacht gut überstanden. Zwar habe ich nur mässig geschlafen wegen Strassenlärm und nicht allzu weichem Untergrund, aber zumindest die frühen Morgenstunden habe ich dann durchgeschlafen, bevor die Sonne uns weckte. Von dort fuhren wir fast 16 km bis zum ersten "Roadhouse", wo wir frühstückten und den ersten Nescafé der Tour genossen. Ausserdem gab es hässliche Kuscheltiere, die sich eventuell als Geschenk für die georgischen Polizisten dienen könnte. Noch haben wir aber keinen gekauft.

Durch herrliche Grand-Canyon-Kulisse entlang an Reisfeldern, deren Erzeugnisse bis Tosya an der Strasse in Hülle und Fülle angeboten worden, radelten wir, bis Claudia bei km 52 der zweite Plattfuss der Tour ereilte. Auch wenn ich Hannoveraner Lokalpatriot bin, muss ich sagen, dass der Conti-Pannenschutz mit unseren Schwalbe Marathon in nicht mithalten kann. Da viele Köche ja bekanntlich den Brei verderben, liessen wir Claudia den Platten an der Tankstelle alleine flicken und halfen nur nach Bedarf, während das Personal uns nicht nur Nescafé (warum eigentlich keinen Cay?) und anschliessend auch noch Melone (genau richtig bei der Hitze!) anbot.

Nach einer weiteren Tee-Einladung erreichter wir das erste richtige Flusstal mit dem Kizilirmak, das uns bis Osmancik führte. Dazwischen lag noch eine erst halb fertiggestellte, aber leider schon freigegebene Strasse, deren Qualität leider eher an Schaumburger Radwege oder die Strassen von Paris-Roubaix erinnerte.

In Osmancik (25 000 Einwohner - in der Türkei prangt von den Ortsschildern immer auch die Einwohnerzahl - das kenne ich von keinem anderen Land) erwartete uns ein lebhaftes Kleinstadtleben und wir fanden schliesslich sogar noch rechtzeitig zu den ersten Regentropfen das Otel Mert. Dort konnten wir Wäsche waschen und lauwarm duschen, nachdem uns der Hotelbesitzer stolz das Satellitenfernsehen demonstrierte, von dem ich "easy life (gesprochen: Laifä)", eine im italienischen Werbefernsehen angepriesene Badewanne mit Eingangstür, in Erinnerung behielt.

Zum Essen gab es Brühfleisch, Auberginen (Menemen - benannt nach dem Fussballer Steve McManaman) und haufenweise Weissbrot in einem kleinen Lokal. Beim Einkaufen im Supermarkt sprach uns eine junge Dame mit Kopftuch an - das war ein absolutes Novum der Tour. Wie von mir nach den ersten deutschen Worten vermutet, kam sie aus Köln und fragte uns nach dem Motiv unserer Reise, genau wie die Jungs im Liquor store, wo wir unser traditionales Feierabend-Efes (eine andere Marke gibt es ja nicht, dafür probiere ich jetzt aber schon die 3. Spezialität des türkischen Einbecker aus) einkauften.

Worauf darf man morgen gespannt sein? Ob Claudia und ich uns vom vergorenen Ayran Magendarm holen, ob der Regen nun unser Begleiter wird (am Schwarzen Meer hat es dieses Jahr ja schon ziemlich gegossen), und wie es morgen auf der 100 weiter geht, bevor wir von ihr einen schmerzlichen Abschied nehmen müssen, während die zahlreichen iranischen Laster weiter gen Achse des Bösen rollen.

PS: Morgen ist Schmalhans Braumeister (warum ich das geschrieben habe, ist mir beim Zeitpunkt des Abtippens übrigens rätselhaft)
PPS: Tobi trinkt sich langsam ein und holt gerade das 3. und 4. Bier für sich

 

Christian: Gaumenreise durch Anatolien

Auf zum Atem: Die Sonne geht auf, die Zelttemperatur steigt noch schneller auf, wir stehen auf, essen die letzten Vorräte auf und dann brechen wir auf. So einfach ist das. Kletten hat’s hier übrigens auch ähnlich viele wie 2007 in Dereköy bzw. wie Stechmücken am Morgen. Somit heißt es schnell Land gewinnen und die richtige Frühstückspause auf die nächste Tanke zu vertagen. Hier gibt es den ersten Frühstückskaffee unserer Tour und einen seltsam anmutenden Kuchen, den man wohl am besten als karamelisierte Spinnenbeine im Teesud beschreiben kann – Hauptsache Zucker, kann ich da nur sagen. Obwohl wir im gleitenden arithmetischen Mittel an Höhe verlieren, geht es immer mal wieder aufwärts, vorbei an Reisfeldern (warum hier Reis? Wird der nicht weiter im Osten erst angebaut?)

Ein fieser Nagel macht erneut Claudias Hinterreifen den Gar aus {btw.: Tobi sagt ziemlich gerne „frühs“}. Doch halb so schlimm, denn zum Reparieren stand eine Tanke zur Verfügung, wo Claudia ihr in Izmit erworbenes Flick-Know-How  ausspielte (wir haben ja auch gelernt: Viele Köche verderben den Brei). Wir lassen uns derweil vom Tankstellenpersonal zwei Kaffees  und eine verzehrfertig präparierte Wassermelone kredenzen. History repeating: der zuerst ausgezogene Schlauch war mal wieder undicht. Naja, irgendwie geht es dann doch noch weiter. Die Landschaft hier wirkt schon recht trocken und ich bin eigentlich gespannt, wie sich das entlang der 100 weiter entwickeln würde. Aber das Schwarze Meer ruft.

Das auf-und-ab geht weiter, wie auch die Teeeinladungen und die baustellengespickte Straße, auf die Bagger von oben (ca. 50 m über der Straße) schnell mal den Bauschutt abwerfen. Warum wir dann irgendwann auf die noch unfertige Rüttelpiste geleitet werden, die meinem Vorderlicht das Genickt bricht, weiß von uns keiner so recht zu beantworten und an der letzten Tanke des Tages rettet nur ein Cornetto Pistazie meine Laune. Rückblickend scheint es zu gewittern, wieder mal alles richtig gemacht (obwohl wir Tiefdruck-Tobi dabei haben).

Das Ziel ist erreicht, unsere Räder im benachbarten Elektroshop sicher untergebracht und ich freue mich auf die Dusche. Nach einem Tag wildcampen rieche ich mich selbst und starte mit Jan außerdem den Contest „Welche Fahrsocken riechen stärker?“ Das gute Milram-Trikot freut sich derweil über die erste Handwäsche des Urlaubs.

Unser Restaurant ist, naja, also wor haben jeweils zwei Portionen geordert, der Ayram machte nicht den frischesten Eindruck und glücklicherweise hat die Schärfe den eigentlichen Geschmack etwas übertönt – eine schlechte Wahl, wie ich finde.

Jetzt sitzen wir jedenfalls mit 3 Bier intus im Hotelzimmer und hören Scooter. Das muss auch mal sein, man kann ja nicht immer den Rheinländer unterdrücken und Beethovens Neunte hören (da fällt mir gerade ein fieser Kalauer ein, den ich hier NICHT niederschreibe). Bei Tobi ist es wie mit dem täglichen Radeln, jetzt hat er sich eingetrunken  (analog eingerollt), d.h. nun gibt er richtig Gas – wir versuchen mit halber Kraft ihn zu bremsen ;-)

Achja, Atatürk wurde in Thessaloniki geboren und – viel schlimmer – ich bin eben auch eine Treppe runtergesegelt.