<< 7. Etappe, 02. August: Kavak - Samsun >>

Distanz
70,54 km
Fahrzeit
3 h 55 min 55 sec
Geschwindigkeit
17,86 km/h
gefahrene Höhenmeter
1.055 m
Höhe Zielort
22 m
Musiktipp Jan
Mogwai - 2 Rights Make 1 Wrong
Ian Brown - Corpses In Their Mouths

Twitter-Text
turkcell verschluckt unsere SMS. Sonst soweit alles super in Samsun. Ts

Jan: Es muss nicht immer die Hauptstrasse sein: Off the beaten track an Schwarze Meer

Um 5.30 weckte uns der lispelnde Security-Mann des Krankenhauses das erste Mal - für Tee, es sei doch zu kalt. Nein danke, wir wollten lieber noch ein bisschen weiterschlafen und unser Frühstück an der Akpet-Tankstelle am Ortsausgang einnehmen. Nachdem ich am morgen den einzigen Personenzug in der Türkei gesehen hatte, folgte ein weiteres absolutes Novum der Tour: Wir entschieden uns für eine wenig befahrene, in der Karte als besonders schön eingezeichnete, Landstrasse nach Samsun.

Das hatte zur Folge, dass wir einige Höhenmeter (900, obwohl es ja rund 500 Meter netto bergab ging) mehr machten als die E95 mit ihren Lastwagen im 3-Sekunden-Takt westlich von uns. Aber schön war der Weg wirklich, vorbei an Kuhherden, Eseln, Schafen und ihren Hirten bei z.T. sengender Hitze. Und auch das grosse Ritzel kam heute mal zum Einsatz. Auf der Abfahrt wurde die Strasse leider wieder sehr schlecht, und wir landeten bei km 64 in einer Samsuner Plattenbausiedlung mit völlig verdrecktem Gebirgsbach. Wie üblich liefen kleine Jungs auf uns zu, ein älterer Mann gab ihnen einen Schlag auf den Hinterkopf, ein weiterer Mann fasste meine Reifen an und machte die "cok-güzel-Geste" (Daumen gegen Mittelfinger drücken, Hand in die Luft halten). Als auch Tobi und Claudia die Abfahrt überlebt hatten, irrten wir noch durch steile Strassen in bunte Hochhaussiedlungen und landeten schliesslich am Atatürk-Boulevard, der parallel zum Schwarzen Meer verläuft. Im vierten Hotel trafen sich dann unser Vorbehaltspreis und die Angebotskurve und wir bezogen zwei Doppelzimmer für zusammen 140 Lira. Der Rezeptionist spricht sogar englisch, was sonst auf der Tour bislang wirklich Seltenheitswert hatte.

Nach einer ausgiebigen Waschorgie gingen wir noch auf die von Atatürk, der hier eine wichtige Rede gehalten hat, dominierte Strandpromenade und Tobi und ich sprangen tollkühn ins warme Schwarze Meer, denn man ist immer erst am Meer gewesen, wenn man drin war. In der Innenstadt trafen wir mal wieder einen Deutschtürken (heute aus Dortmund, und ich konnte nicht verstehen, ob er meinte, "Samsun beaches" oder "bitches" seien nicht so toll - ich denke, ersteres), der uns den Weg zu einem exzellenten Köfte- und Döner-Lokal zeigte, wo wir fürstlich inklusive Tiramisu speisten.

Die Wettervoraussagen gut, unser Twittern klappt teilweise, Ilona Christen ist tot - das sind die News aus dem Internet für umgerechnet rund 20 Cent die halbe Stunde. Unter "Armut" verstehen die Türken übrigens eine Birne, während "Ba nane" "mir egal" bedeutet. Man gewöhnt sich langsam an "a language I don't speak". Schwarzes Meer, 98 000. Kilometer meines Lebens, und die erste wirkliche Kneipe mit 0,7 Liter Efes - was will man mehr? OK, ein Pokalsieg von Hannover 96 wäre schön gewesen, aber der Fussballgigant Eintracht Trier ist natürlich auch eine unbezwingbare Auftakthürde.

 

Christian: Mediterran am Schwarzen Meer

Dafür, dass wir das Zelt im Dunkeln aufgebaut haben und eine Zeltstange gebrochen ist, habe ich ziemlich gut geschlafen (der hier fehlende Kausalzusammenhang wird mir gerade beim Abtippen klar). Der fürsorgliche Security-Mann des Krankenhauses weckt mich freundlich um 4:30 Uhr, um uns vor der Kälte zu waren und auf einen Tee hinein zu bitten. Nett, aber…. NEIN! Wir wagen uns, auch auf die Gefahr hin von Osman entdeckt zu werden, an die nahegelegene Tankstelle und frühstücken.

Ich denke mir eine Halbetappe nach Samsun und zudem noch 600 Meter runter – das klingt ja wie Kindergeburtstag. Und wenn wir sowieso komfortabel das Ziel anvisieren können, können wir doch auch die laut Karte „landschaftlich schöne“ Strecke mit 10 km Umweg in Kauf nehmen. In meinem Kopf schwirrte schon ein Bild von einer 60 km langen Abfahrt in einem wildromantischen Flusstal. Und die Strecke war in der Tat sehr schön und zudem noch mit deutlich weniger Autoverkehr gesegnet. Aber 60 km Abfahrt kann man  knicken. Im Gegenteil: Es war ein Hügellauf mit ungeahnten Steigungsraten und am Ende über 1.000 Höhenmeter auf dem Tacho. Besser kann man nicht trainieren. Auch die Abfahrt war bis kurz vor Samsun eine Wonne. Nach dem Ortsschild konnte man aber erstaunt zu Kenntnis nehmen, dass 1 km reicht, um einen Bergbach in eine Kloake zu verwandeln.

Im Zielort gönnen wir uns erstmal ne kalte Cola um durchzuatmen und der Navigator führt uns zielstrewbig ins Herz der Stadt. Ich wurde diesmal sogar bei vier Hotels vorstellig und wir konnten zum ersten mal Preise und Leistungen vergleichen. Am Ende purzelte unser Übernachtungspreis dank Preismissverständnissen und geschäftstüchtigem türkischen Improvisationstalent um fast 50% und unsere Fahrräder werden m noch unfertigen Haus gegenüber übernachten.

Nach Sozopol 2007 endlich wieder am Schwarzen Meer. Wir nutzen die Zeit zum Schlendern, Baden und Essen. Nudeln mit Pesto bekommen meinen persönlichen Lance des Tages, während die mir in den Nacken wehende Klimaanlage gleichzeitig den Tages-Floyd abräumt. Wenn schon nicht das Abendmahl, so ist dann das Bier wieder türkisch, was wir zuerst traditionell im Hotelzimmer und aus Dosen genossen, aber später auch noch zum ersten mal auswärts in einem 0,7er Bierkrug bekamen. Ein türkisches Bierhaus mir fast bayrischer Atmosphäre. So richtig passt das nicht in mein Bild, aber man fährt hier ja nicht hin, um keine Überraschungen zu erleben.